Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Weltausstellung 7.11 Brüssel.

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van der Stappen ist in den Gärten der Weltaus-
stellung mit einem Werke von ausgezeichneter Wirkung
vertreten, der genial komponirten Chimären-Fontäne.
Idee und Auffassung erscheint hier durchaus neu.
Wundervoll ist der Anblick in abendlicher Stimmung
beim Spiel der in den schillerndsten Farben erglänzenden
Wasserstrahlen. Jef Lambeaux, die vierte Grösse in
der Reihe der belgischen Plastiker von Ruf, ist der
ausgezeichnete Darsteller brutaler Kraft. So sehen
wir ihn in der Gruppe zweier ringenden Gestalten, die
als „Gerächt" bezeichnet wird, und in den „Kämpfern",
einem Werke, in dem die physische Roheit treffend
zum Ausdruck gelangt.

eine zierliche Gestalt als Brunnenfigur. Die Ant-
werpener Schule ist in diesem Sinne würdig durch
Alphonse van Beurdon mit seinem Kupido vertreten.
Eine eigentümliche Gruppe giebt Henri Boncquet in
seinem halb liegenden, eng verschlungenen Liebespaar.

Eine ganze Reihe von Künstlern hat sich die Dar-
stellung des menschlichen Elends, des bittern Schmerzes
zum Vorwurf genommen. Es sind dies meist Schüler
der schon genannten Hauptmeister. Guillaume
Charlier legt seinen Schwerpunkt auf die Wiedergabe
der anatomischen Details. Unübertrefflich ist hierin
seine „Misere«, die in der Gestalt der auf dem Toten-
bette ausgestreckten Mutter mit den abgehärmten Zügen

Medaille zum 70. Geburtstage A. böcki.ins, entworfen von Hans Sandkel'ter in Basel.

Dagegen ist Victor Rousseau der Darsteller von
Personen, in denen das heitere, lebenslustige Element
reizvoll zum Ausdruck gelangt; so sehen wir im Relief
ein schlummerndes Liebespaar von technisch hervor-
ragender Ausführung, sodann einen jungen Mann mit
Schmetterlingen, eine kleine Bronzefigur und einen
feinen und edlen Kopf der „Meditation«. Ein aus-
gezeichneter Bildner ist auch Egide Rombaux, den
man in seinen „ Auserwählten am Eingang zum Paradies«
als den Symbolisten der Skulptur bezeichnen kann.
Die Komposition könnte ebenso gut in^Malerei als wie
hier in Relief ausgeführt werden. Auch Charles
Samuel liebt es, das Holdselige, Liebenswürdige dar-
zustellen. Eine reizvolle Schöpfung ist seine „Nymphe«,

und in der Figur der daneben knieenden Tochter ver-
körpert ist. Gleich stark wirkt Pierre Braecke mit
seiner „Witwe«, welche ihre beiden mit gefalteten
Händen dastehenden Kindlein schützend unter ihren
Mantel nimmt. Ergreifend ist auch die Verkörperung
der „Herzensangst" von der Hand desselben Meisters,
sowie eine Mutter, die ihren reumütigen Sohn wieder
empfängt, ein Werk, das sich im Besitze des Königl.
Museums befindet.

Die enttäuschte Hoffnung kann kaum treffender
wiedergegeben werden, wie in der Figur, die Jules
Herbay ausgestellt hat. Das gleiche gilt von der
Darstellung der „Erschlaffung" des Brüsselers Jules
Lagae. Am furchtbarsten spricht das menschliche Elend
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