Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Die Düsseldorfer Frühjahrs-Ausstellungen.

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und Stickerei bestehen, teilweise mit Einsetzen ver-
schiedenartiger Stoffstücke, so dass gleichsam ein Stoff-
mosaik entsteht. Die Ausführung zeigt zweifellos
grosses Geschick und feinen Geschmack in der Farben-
wahl. Aber dürfte wohl eine derartig raffinirte Technik
auf die Dauer und sei es nur für kurze Zeit sich als
haltbar und konstant in den Farbenwerten erweisen?

Noch manches wäre natürlich bei einer so ge-
wählten Ausstellung erwähnenswert, und vieles, das
bei dieser flüchtigen Übersicht übergangen werden
musste, ist gewiss der Beachtung würdig. Jeden-
falls hinterlässt die Ausstellung den Eindruck, dass
auf den verschiedenartigsten Gebieten Kräfte bestrebt
sind, selbständig Neues zu schaffen. Dass diese die
Libre Esthetique jährlich, ohne Rücksicht auf Natio-
nalität, sammelt und ihnen Gelegenheit giebt, an die
Öffentlichkeit zu treten, dafür kann man ihr nur Dank
wissen. WERNER WEISBACH.

DIE DÜSSELDORFER FRÜHJAHRS-
AUSSTELLUNGEN.

Man ist sich in Düsseldorf durchaus klar darüber,
dass auf dem Gebiete des Ausstellungswesens etwas
geschehen muss. Wie schon an anderer Stelle be-
richtet wurde, hat dieses richtige Gefühl dazu geführt,
dass die Erbauung eines grossen Ausstellungspalastes,
der allen Parteien und Richtungen Raum gewähren
kann, ernsthaft ins Auge gefasst worden ist. Aber
man muss sich, falls man es noch nicht ist, auch darüber
klar werden, dass das Ausstellungsgebäude allein nicht
ausreicht, um die hiesigen Kunstverhältnisse zu heben.
Die Hauptsache sind und bleiben doch die Bilder,
und mit Bildern, wie sie in den drei diesjährigen
Frühjahrsausstellungen zu sehen waren, kann man
auch in dem schönsten Glaspalast der Welt keine be-
deutende Ausstellung veranstalten. Es waren also drei
verschiedene Sammlungen, in welche sich in diesem
Jahre die Winterproduktion unserer Künstler teilen
musste: die 10. Jahresausstellung von Werken Düssel-
dorfer Künstler in der Kunsthalle und die 7. Jahres-
ausstellung der freien Vereinigung in zwei Serien.
Wenn man diese beiden Serien der freien Vereinigung
ins Auge fasst, so kann man sich des Gedankens
nicht erwehren, dass man sich hier, wo sonst strengste
und rücksichtslose Jury walten sollte, diesmal für die
Wahl der Juroren für Berlin um jeden Preis die
Stimmenmehrheit sichern wollte. Das ist, wie die
eben stattgefundene Wahl dieser Jury beweist, gelungen,
aber um den Preis einer sehr, sehr mittelmässigen
und einer zweiten Ausstellung, die auch keineswegs
ersten Ranges ist. Vergleicht man das, was die freie
Vereinigung in diesem Jahre gebracht hat, mit den
vortrefflichen Veranstaltungen der Vorjahre, und wollte

man den damaligen Massstab anlegen, so könnte oder
müsste vielmehr die Bilderzahl einer ganzen Serie,
also die Hälfte, wegfallen.

Hatte sich in den Vorjahren gelegentlich einmal
die konservative Partei der Kunsthalle zu dem Stand-
punkt der sogenannten Jungen oder Secessionisten bei
Schulte erhoben, so ist diesmal die Sache, wenigstens
was die erste Serie dieser „Fortschrittspartei" anbe-
langt, umgekehrt. Die erste Serie war bis auf ein
paar Bilder, die auf zwei oder drei Namen zurück-
gehen, nicht besser als die recht schwache Sammlung
in der Kunsthalle.

Hier sind und bleiben es fast durchweg dieselben,
über die beim besten Willen nichts neues zu sagen
ist. Die Namen (siehe den Katalog) genügen: Achen-
bach, Kröner (Christian und Magda), Jrmer, Schlüter,
Schulze; mit jedem dieser Namen verbindet sich ohne
weiteres die Vorstellung eines Bildes, und solche
Bilder waren eben da. Eine neue Erscheinung ist
Emil Pütz, der wenig und mühsam zu produziren
scheint, sein „Gartenidyll" aber war ein frisches und
originelles Bild. Günter und Härtung fangen auch
an schablonenmässig zu arbeiten, nur Klein-Chevalier,
der von Ha"use aus Historien- und Monumentalmaler
ist, erfreut gelegentlich, wie auch diesmal, durch ein
flottes, genrehaftes Bild. Das Düsseldorfer Verkaufs-
bild für die gute Stube, in Landschaft und dem be-
rüchtigten Genre, ist immer noch in der Überzahl und
drückt das ganze Niveau. Von den Bildern der freien
Vereinigung erster Serie wären als bedeutende und
ernsthafte Kunstwerke zunächt die vier Arbeiten von
Otto Heichert zu nennen, zum Teil („Totenandacht"
und „sterbendes Kind") fast krass, aber nicht gewollt,
von starker menschlicher Empfindung und hervor-
ragender künstlerischer Auffassung. Ebenfalls von
mächtiger, fast monumentaler Wirkung ist das pflü-
gende Bauernpaar, die Frau vor den Pflug gespannt,
der Mann dahinter gebeugt, den harten Boden be-
zwingend, nicht komponirt oder tendenziös, im freien
Lichte sicher gesehen und kraftvoll gemalt. Pfann-
schmidt's „Darstellung im Tempel" ist auch originell,
aber es ist Gebhardt'sche Originalität. Dann ein paar
gute Landschaften von Jernberg, ein paar Tierbilder
von Lins etc. — das ist so, was sich im guten dem
Gedächtnis einprägt von den 70 Nummern, ein paar
unter der Mittel mässigkeit stehende Porträts im
schlimmen.

Reicher ist, wie gesagt, die zweite Serie, freilich
viel Neues bringt weder Claus Meyers „Klosterschule",
noch Mühlig mit seinen 15 Nummern. Leisten, „Vom
Wilderer getroffen", macht auch nicht Epoche, ist aber
flott und frisch gemalt. Nur Zinkeisen bringt ein
Bild von eigenartiger und persönlicher Wirkung. Es
ist das traurige „Märchen von dem kleinen Mädchen
mit den Schwefelhölzern", das er, nicht ganz unbe-
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