Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Neuigkeiten aus der Brera in Mailand.

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verbunden ist eine Publikation hiesiger Privatsamm-
lungen. Es war jedenfalls eine gute Idee, unsere
Sammler zu bewegen, ihre Schätze einmal zu ver-
öffentlichen. Man macht die Bekanntschaft einer
Anzahl vorzüglicher Werke, und darf nebenbei darin
ein Mittel sehen, das der lokalen Produktion, der ein
Kunstmarkt, wie ihn München, Berlin oder Düsseldorf
haben, nicht zur Verfügung steht, den Einzug in das
Hamburgische Bürgerhaus, dessen sie als des er-
spriesslichsten Nährbodens bedarf, erschliessen hilft.

Von den den Hamburgern liebgewordenen Künst-
lern der älteren Generation, den Ruths, Lutteroth,
Rodeck, ist diesmal keiner der Ausstellung fernge-
blieben. Ihnen schliesscn sich Friedrich Schwinge,
M. Rachel, C. Rathjen und C. Oderich an. Sie kulti-
viren die gleichen Gebiete: die Haide und den
Wald. Wollte man diese Maler als Gruppe zusammen-
fassen, so wären ihnen, ihre Ziele in gleicher Rich-
tung suchend, hinzuzuzählen: Anton Assmassen,
H. Riech, R. Gleich, M. Feddersen, R. Grabbert und
Fr. Behrendt. Aber die von diesen vertretenen künstle-
rischen Absichten gravitiren zugleich in Bahnen, welche
einerseits vorzugsweise durch die Arbeiten von
C. Albrecht und Änderly Möller, andererseits durch
die Mitglieder des Hamburger Künstlerklubs von 1897
bezeichnet werden. Um die Hervorbringungen der
letzteren, um die Werke von Arthur //lies, Ernst
Eitner, J. v. Ehren, P. Rayser, Fr. Schaper, Arthur
Siebe/ist und J. Wühlers war seinerzeit viel Kopf-
schüttelns gewesen. Sie wichen völlig vom Herge-
brachten ab und gestatteten kein Rubriziren. Und das
genügte, um sie für das anzusehen, was sie gar nicht
waren — die neue Richtung. Denn diese »neue
Richtung", die an anderen Orten schon lange einer
„neueren" Platz gemacht, war nur die verspätete
Flutwelle einer Bewegung, die von Frankreich ihren
Ausgang genommen hatte. Unsere jungen Künstler,
eben weil sie jung waren, hatten jene Bewegung und
das ihnen durch dieselbe Zugetragene zu sondiren
und in Werte umzusetzen verstanden, deren Reali-
sirung für unsere Kunst gewinnbringend sein musste.
Die Zeit hat ihnen recht gegeben. Das Gezeter um
die neue Richtung ist verstummt. Aus Gegnern sind
Anhänger geworden, und man hat versucht, frei von
Parteilichkeit den Kern der Bestrebungen der Jungen
zu erkennen und zu verstehen. Selbstverständlich hat
auch die in dem Werdegang der jungen Künstler
sich vollziehende Klärung das ihre dazu gethan, um
den mit Zähigkeit verfochtenen Prinzipien Anerkennung
und vorurteilsfreie Beurteilung zu erringen. Auf die
Besonderheit der Begabungen einzugehen, würde zu
weit führen. Es sei nur gesagt, dass Paul Kflyser
als derjenige zu betrachten ist, welcher bei viel Talent
und guter künstlerischer Erziehung der erfolgreichste
Apostel der „neuen Richtung" war. lllies giebt immer

neue Rätsel auf in der permanenten Verneinung aller
Stabilität. Man muss warten. Thomas Herbst ist
der Egalite in dieser Gemeinde junger Stürmer, die
Kunst um der Kunst willen treiben, und denen mit
ihren Alliirten Alfred Mohrbutter und Momme Nissen
das Aufblühen unseres Kunstlebens in erster Linie
zu danken ist.

Alles in allem: man darf, wie die Dinge hier
jetzt liegen, der Zukunft hoffnungsfreudig entgegen-
sehen, und um so mehr, da ja jetzt, nachdem kürz-
lich in Senat und Bürgerschaft die Frage der Ver-
breiterung des alten Jungfernstiegs entschieden ist,
und zwar im günstigen Sinne, die Aussicht begründet
erscheint, dass die vom Kunstverein an den Senat
ergangene Petition um Erbauung eines Ausstellungs-
hauses an dem verbreiterten Alsterquai ebenfalls im
zustimmenden Sinne erledigt werde.

C. R.

NEUIGKEITEN AUS DER BRERA IN MAILAND.

Seit geraumer Zeit schon wurde in der stattlichen
Kgl- Pinakothek der lombardischen Hauptstadt das
Bedürfnis empfunden, Platz zu gewinnen, besonders
seit der Erwerbung der 16 bereits erwähnten Bilder,
die aus dem erzbischöflichen Palais gewählt worden
waren. Da aber neue Säle in dem so mannigfachen
Zwecken dienenden grossartigen Palazzo di Brera nicht
so leicht beschafft werden können, hat der verdienst-
volle Direktor vorläufig zu einem anderen, einfacheren
Mittel gegriffen. Wie man weiss, waren bis vor
kurzem die vier grossen in einer Flucht liegenden
Oberlichtsäle durch je bis zum Gesimse reichende
grosse Öffnungen miteinander verbunden. Mit dem
Einsatz von Wänden und einfachen, gewöhnlichen
Thüren anstatt dieser breiten und hohen Durchgänge
sind nun nicht unbeträchtliche neue Flächen geschaffen
worden, welche für die Aufstellung der Bilder sehr
zu statten kommen. Die Säle sehen dabei freilich etwas
strenger, geschlossener aus, allein im ganzen doch
harmonischer und stiller in der abgesonderten Licht-
verteilung. Tritt also jetzt der Besucher von der ersten
Freskengalerie in den ersten Saal, welcher ausschliess-
lich den lombardischen Meistern gewidmet ist, so wird
ihm manches neue auffallen. Erstens zwei Werke von
dem als Schüler des grossen Meisters aus Urbino,
Bramantino genannten, Bartolomeo Suardi, nämlich eine
grosse Scene der Kreuzigung und eine heilige Familie
(letztere aus dem Erzbistum), beide mit merkwürdigen,
recht systematisch angebrachten architektonischen Hin-
tergründen, wodurch eigentlich der Baumeister noch
mehr als der Maler bezeichnet ist. Ferner gehören zu
den neuen Erwerbungen die anmutige höchst leonar-
deske Halbfigur einer jungen, büssenden Magdalena
von Gianpietrino, einem Künstler, von dem, ausser einer
Anzahl von Werken, so viel wie nichts bekannt ist,
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