Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Bücherschau.

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ja damals noch nicht aus den Banden des Klassicismus
freigemacht hatte; er steht sichtlich mehr unter ihrem
Einflüsse als unter dem der kühnen Neuerer Huet,
Dupre, Rousseau. Das Beste, was er damals geschaffen
hat, liegt auf dem Gebiete der Buchillustration. Es
ist eine wahre Freude, die Prachtausgabe von Paul
et Virginie vom Jahre 1836 durchzublättern, für die
der rührige Verleger Curmer mit sicherem Blicke
einige der begabtesten jungen Künstler ausgesucht
hatte: Tony, Johannot, Huet, Meissonnier u. s. w.
Während Johannot, der älteste, die meisten der figür-
lichen Scenen lieferte, Huet einige romantische Land-
schaften beisteuerte, teilte sich Francais mit Meissonnier
in die Vignetten und zeichnete ausserdem für Johannot
die landschaftlichen Hintergründe. Sein Rankenwerk,
seine exotischen Blumen, Früchte und Vögel sind
wirklich allerliebst. In Gemeinschaft mit Johannot,
ausserdem mit Baron und dem bekannten Radirer
Nanteuil finden wir ihn 1844 wieder in der Mallet'schen
Ausgabe des „Rasenden Roland", für die er nur
wenige, aber sehr feine Landschaften gezeichnet hat.
Inzwischen hatte er 1841 mit dem „Antiken Garten"
eine Medaille errungen, 1845 und J84Ö mit der „An-
sicht von Meudon" und d Parke von St. Cloud«,
für den Meissonnier die Figuren gezeichnet hatte, die
allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen und
selbst die Bewunderung eines so strengen Kritikers
wie Thore gewonnen. Durch diese Erfolge ermutigt,
trat er 1846 seine erste Reise nach Italien an, wo er
drei Jahre sich aufhielt.

Seitdem war seine Vorliebe zwischen Italien und
der französischen Heimat geteilt. Bald schickte er
Bilder aus der römischen Campagna, aus Pompeji
und Nizza, bald Ansichten des Münsterthaies, der Um-
gegend von Paris oder des Waldes von Fontaine-
bleau zu den Salons. „Die Ausgrabungen von Pom-
peji" sind eines der Hauptwerke des Künstlers: ein
kräftig gemaltes Bild mit starker Lichtwirkung, aber
im allgemeinen war Italien nicht sehr heilsam für ihn.
Besonders seine idealen südlichen Landschaften haben
etwas Steifes. Francais will stilisiren, kommt aber
kaum über eine rein dekorative Theaterwirkung
hinaus. So wirkt „Daphnis undChloe« im Luxemburg,
das einst für sein bestes Gemälde galt, heute fast un-
erträglich. Der Standpunkt ist zu nahe gewählt, die
Blumen und Sträucher des Vordergrundes sind so bis
ins einzelnste modellirt, dass der Zauber des Wald-
grundes darüber verloren geht. Andere Beispiele
sind die „Quelle« und der „Orpheus«. Wieviel wahrer
wirken die „Herbststimmung in Monteure« und
„Winters Ende«. Am liebsten aber ist mir Francais
in seinen kleinen direkt vor der Natur gemalten
Bildern. Ein französischer Kritiker hat einmal von
der klassicistischen Schule der Valenciennes, Bertin
und Genossen, gesagt, dass sie aus guten Skizzen

schlechte Bilder machten. Bis zu einem gewissen
Grade kann man das Wort auch auf Francais an-
wenden. Was für stimmungsvolle kleine Kabinett-
stücke sind das zum Teil, die da in der Ausstellung
unter der bescheidenen Bezeichnung „Studien" gehen,
der „Teich von Triveaux", „die Ährensammlerin", „der
Sumpf", um nur einige zu nennen. Von den ausge-
führteren Bildern kleinen Massstabes haben die „Haupt-
strasse in Combs-la-Ville", die „Villa des Herrn L. in
Nogent", und die durch sehr zarte Beleuchtungseffekte
ausgezeichneten „Bachufer" und „Ufer der Seine in
Bas-Meudon" den nachhaltigsten Eindruck auf mich
gemacht. Einige der schönsten von ihnen stammen
aus der Sammlung des feinsinnigen Kunstfreundes
Georges Lutz, wo sie in der Nachbarschaft der Corot
und Daubigny ihren Platz mit Ehren behaupten.
Frangais hat sich übrigens auch wiederholt im Bild-
nisse versucht. Das Kniestück seines Vaters ist sogar
eines der allerbemerkenswertesten Bilder der Aus-
stellung.

Keine der Ehrungen ist ihm vorenthalten geblieben,
die einem französischen Künstler zu teil werden
können. 1853 wurde er zum Ritter, 1867 zum Offi-
zier der Ehrenlegion ernannt, zweimal ist er mit der
grossen Medaille ausgezeichnet worden und seit 1890 war
er Mitglied des Instituts. An treuen Freunden und
bewundernden Schülern hat es ihm nie gefehlt. So
konnte er auf ein reiches, wohl ausgefülltes Leben
zurückblicken, als ihn der Tod am 28. Mai 1897
abrief.

WALTHER GENSEL.

BÜCHERSCHAU.

ffi Neue Wiener Kjinstzeitschrlflen. Von den zahlreichen
seit kurzem erschienenen neuen Kunstzeitschriften, die alle
sich bemühen, für die modernen künstlerischen Bewegungen
im Kunstgewerbe zu wirken, haben zwei Wiener Publika-
tionen am meisten selbständiges Gepräge. Während die in
Deutschland, in Frankreich und in Belgien neu herausgekomme-
nen Kunstblätter im allgemeinen an die bewährten englischen
Vorbilder, an das Studio und den Artist sich anlehnen, hat
das vom Österreichischen Museum herausgegebene „Kunst
und Kunsthandwerk" einen neuen Typus einer vornehmen
Kunstzeitschrift gefunden. Zwar besteht noch ein gewisser
Zusammenhang mit den „Mitteilungen des k. k. Österrei-
chischen Museums für Kunst und Industrie", aus denen das
neue Unternehmen entwickelt worden ist, indem gewisse,
das Museum speciell betreffende Abteilungen, in denen über
die neuen Erwerbungen und Vorgänge im Museum berichtet
wird, beibehalten wurden — allein nach dem ganzen Plan
und der zu gediegener Vornehmheit gesteigerten Ausstattung
des Unternehmens, haben wir es mit einer durchaus neuen
und frischen Erscheinung zu thun. Weit geschmackvoller
als bei den meisten anderen sich in atemloser Konkurrenz
bekriegenden kunstgewerblichen Zeitschriften, ist hier auf
gute typographische Anordnung, auf gut lesbare Typen und
gute Abbildungen gesehen worden. Die in den verschie-
densten Techniken, ein- und mehrfarbig hergestellten Ab-
bildungen sind durchaus vorzüglich geraten und stellen die
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