Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Schule im Burlington Fine Arts Club in London.

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ternen Alltagsprosa entfernt. Auch deutsche Motive,
wie die Rudelsburg und Saaleck werden durch die
Hand von Paul Schnitze - Naumburg ins Märchen-
hafte gehoben, oder erhalten einen feierlichen und
pathetischen Schwung, wie bti Richard Kaiser-München,
wenn die Palette auf den Ton des grossen Ba-
seler Meisters gestimmt wird. Nur die italienischen
Landschaften scheinen keine andere Hand als die Böck-
lin's zu vertragen, wie ungerecht es auch sein mag, jeden
neuen Versuch mit diesem grossen Massstab zu messen.
Einen abgeschlossenen Kreis bilden die schottischen
Landschaftsmaler; sie sehen nur Duft und Nebel, flüchtige
elegische Stimmungen; zarte Farben verschwimmen auf
ihren Bildern zu einem weichen Gesamtton, und
es ist schwer, diese Eigenschaft auf die Dauer nicht
als Einseitigkeit zn empfinden. Die derbe Kost eines
Constantln Meunter nimmt man dagegen um so lieber
hin, als bei ihm überall, in seinen plastischen Werken
und in seinen Schilderungen des „schwarzen Landes",
jener düsteren Welt der Kohlendistrikte, das Mitge-
fühl für das Elend der Arbeit als eine grosse ehrliche
Empfindung durchbricht. Die sehnigen Kraftgestalten
Meunier's sind wahre Helden; sie führen die Axt
oder das Eisen wie eine adlige Waffe, und es ist kein
Zweifel, dass die Zukunft gerade diese Verherrlichung
des Arbeiters als ein tiefes Bekenntnis unserer Zeit
ansehen wird. Vor Meunier wird man ernst gestimmt.
Fast elegische Melancholie ist es aber, die aus den
Schilderungen der russischen und finnischen Maler
spricht: weite Seen und düstere Fernen, ein dunkler
Wolkenhimmel über- einer menschenleeren Einsamkeit
— das ist das Thema, das die Landschaften eines Isaak
Levitan-MoskcLU, eines Berndt Lagerstram-Heh'mgfors,
oder Va'ino ßAmsteof-Helsingfors mit ergreifender
Beredsamkeit behandeln. Die Gäste aus dem fernen
.Osten werden in der Secession freundlich bewill-
kommnet, ebenso wie die Dänen, die Belgier und
die Engländer, wie denn die internationale Ver-
mischung von jeher der Secession eigentümlich war.
Jetzt sind nicht einmal die Werke nach Nationen in
den verschiedenen Räumen geschieden, sondern eine
kosmopolitische Einträchtigkeit ist durchgeführt, bei
der der Gesamteindruck nur gewinnt. Auch trägt dazu
viel bei, dass fast überall die zierlichen und farben-
schimmernden Gebilde der modernen Keramik und
Glastechnik das Auge beschäftigen. Vor allen glänzt
Ga///-Nancy mit Glaskelchen, Paul Dubois-Brüsse\
durch geschmackvolle Zinnarbeiten, während Philipp
Wolfers-Bvüssel Elfenbein und Bronze oder Krystall
und Silber in oft kühn geschwungenen Kompositionen
verbindet, wie z. B. in der Gruppe der „Liebkosung
des Schwanes". Ernst Moritz Geyger-¥\ortnz, der
lange gefehlt hat, schickte diesmal einen Handspiegel
in Silber und bewährt seine verblüffende Feinarbeit
auch im kleinsten Massstabe.

In der Plastik nimmt das Ausland das Haupt-
interesse in Anspruch, neben Meunier der Brüsseler
Meister De Rudder durch Arbeiten in Steingut, die
wohl stark unter dem Einfluss des Franzosen Carries
stehen.

Ein Arthur Volkmann behauptet sich auch neben
den starken Ausdrucksmitteln, wie sie namentlich die
erzählende Plastik der Modernen liebt.

Auch die Schwarz-Weiss-Abteilung ist gut be-
schickt, und ich will hier nur Bernhard Pankok und
Albert Welti, O. Gra/-Freiburg und Otto Greiner
hervorheben, letzteren mit einem Stich „Ganymed", der
den jungen Künstler in erstaunlichem Fortschritt
auch auf kompositionellem Gebiete zeigt.

Den künstlerischen Aufgaben nach ist im ganzen
nicht viel neues zu verzeichnen, nur lässt sich aller-
orten bemerken, dass die flüchtige, skizzenhafte Impro-
visation mehr und mehr verschwindet, und selbst ein
Künstler wie v. Habcrmann, der seit Jahren nur
Apercüs über ein und dasselbe Thema giebt, mehr
und mehr auf inneres Gleichgewicht und äussere
Abrundung hinstrebt, kurz, dass man versucht Bilder
zu malen, abgeschlossene Werke. Das ist ein gutes
Zeichen für die Zukunft. ARTUR WEESE.

AUSSTELLUNG VON GEMÄLDEN DER ALTMAI-
LÄNDISCHEN SCHULE IM BURLINGTON FINE
ARTS CLUB IN LONDON.

Das unscheinbare düstere Gebäude des Burlington-
Clubs in Savile Row beherbergt seit dem 15. April
eine kostbare Sammlung. Aus den Schätzen der eng-
lischen und besonders der Londoner Privatgalerien
sind nahezu achtzig Gemälde der Mailändischen Schmie
ausgewählt worden, die mit der Erlaubnis ihrer Eigen-
tümer zehn Wochen lang das Ausstellungslokal und
das Lesezimmer des Klubs schmücken.

Obwohl die Ausstellung naturgemäss einen intimen
Charakter hat — ausser den Mitgliedern der Gesell-
schaft werden nur geladene Gäste zugelassen —, so
erfreut sie sich doch eines regelmässigen und leb-
haften Besuches. Und das mit vollem Recht. Denn
wenn schon jede Ausstellung von Kunstwerken aus
Privatbesitz besondere Beachtung verdient, weil sie
manches sonst Unzugängliche bietet, so gilt das nament-
lich von den Altmailänder Bildern, deren kritische
Sichtung den Kunstforschern im letzten Jahrzehnt
mehr Kopfzerbrechen verursacht hat, als die irgend
einer anderen italienischen Schule. Dass also die Ge-
lehrten nicht fehlen dürfen, wo man nebeneinander
I Ambrogio Preda, Bernardino dei Conti, Zenale und
Boltraffio zu sehen bekommt, versteht sich von selbst.
Aber auch der Ungelehrte kommt auf seine Rechnung.
Denn die kleine Sammlung enthält eine Reihe wahrer
Perlen, die auch ohne die historische Brille genossen
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