Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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stimmten Beobachter der Natur Hochachtung abzwingt,
und die Studien- und Augenblicksbilder aus Frank-
reich, Tirol, Bayern und Berlin von dem unsäglich
fleissigen Skarbina, der eigentlich die sicherste Stütze
der Vereinigung ist. Etwas neues hat er freilich
ebenso wenig geboten wie Georg Mosson, Friedrich
Stahl und Schaars-Alquist, auch für diejenigen nicht,
die sich schon so weit in die Forderungen der Mo-
dernen hineingedacht haben, dass sie vom Stoff, vom
Inhalt gar nichts mehr verlangen, dafür aber etwas
von starkem Empfinden und neuer Technik erwarten.
Das Empfinden ist mittlerweile schwach und matt ge-
worden, und die Technik scheint auch keine Über-
raschungen mehr übrig zu haben. Walter Leistikow
bildet dagegen die ihm in Fleisch und Bein über-
gegangene Stilisirung der Natur immer konsequenter
durch. Er giebt damit selbst den einfachsten, meist
der Umgebung Berlins oder doch der Mark ent-
nommenen Motiven gleichsam ein traumhaftes Wesen,
eine ideale Verklärung. Schon in den Titeln seiner
Bilder „Der Teich", „Der Wald", „Dämmerung"
spricht sich sein Streben aus, das individuelle Motiv
in die höhere Sphäre idealer Typen zu erheben, ohne
dass das gefällige Stimmungsmoment darüber ver-
loren geht. Diese Art der Naturauffassung ist vielen
unverständlich und unsympathisch; aber auch ihnen
wird die Unerschrockenheit, mit der Leistikow seine
einsamen Pfade geht, Hochachtung abnötigen.

Max Liebermann hat ausser dem schon von der
vorjährigen Dresdener Ausstellung bekannten Bildnis
seiner Eltern das ungewöhnlich farbige und darum
auch sehr lebendig wirkende Bildnis eines jungen
Mannes mit blondem Schnurrbart und das Bildnis des
belgischen Bildhauers Constantin Meunier ausgestellt,
das er im vorigen Spätherbst flott und energisch mit
Kreide nach der Natur gezeichnet hat, in den grossen
Zügen wahr und treffend, aber doch etwas zu sehr
ins Heroische gesteigert. Im Gegensatz zu seiner
Grundauffassung der Natur hat Liebermann in dieses
Antlitz Meunier's zu viel von dem Wesen und den
Zielen seiner ernst und tragisch gestimmten Kunst
hineingeheimnist. — Zu denen, die uns eine Ent-
täuschung bereitet haben, gehört auch L. von
Hofmann. Er führt uns wieder in den noch unent-
wegten Garten Eden mit dem ersten Menschenpaar.
Adam. schläft noch im Stadium der Unschuld auf einer
mit .Lilien bewachsenen Aue, während die eben er-
schaffene Eva bereits Unheil sinnend auf der anderen
Seite des Bildes unter einem Baume steht, der aber
durch keine Früchte als der verhängnisvolle Apfelbaum
gekennzeichnet ist. Im Hintergrunde ein Gewässer
mit einer Insel, in deren Mitte sich ein Baum mit
pfirsichfarbenen Blättern erhebt. Wenn nach der Mei-
nung der modernen Stürmer Stillstand bereits Rück-
schritt bedeutet, wäre er hier festzustellen. Aber auch

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die Besonneneren werden fragen: Wann wird L. von
Hofmann aus diesem dumpfen Hinbrüten und Träumen
zu neuen Thaten erwachen?

ADOLF ROSENBERG.

DIE FRANCAIS-AUSSTELLUNG IN DER ECOLE
DES BEAUX-ARTS ZU PARIS.

Die grossen, das gesamte Lebenswerk umfassen-
den Ausstellungen, die die Akademie der schönen
Künste nach dem Tode jedes ihrer Mitglieder zu ver-
anstalten pflegt, sind ein harter Prüfstein für den Wert
des betreffenden Künstlers. Wenige vertragen es, dass
man Hunderte ihrer Bilder neben einander sieht, und
am seltensten die Landschafter. Ist die Landschaft
ein Naturausschnitt, durch ein Temperament gesehen,
so sind wenige Temperamente so reich, dass gerade
ihre Naturauffassung uns immer von neuem fesselt.
Und um so leichter wird man gesättigt, wenn zu dem-
selben Temperament auch noch eine gleichförmige
Ausführung tritt.

Die Ausstellung der Werke des im vorigen Jahre
verstorbenen Francais besteht die Probe nicht ganz.
Das liebenswürdige Naturell des Künstlers, sein ehr-
liches Streben und seine handwerksmässige Tüchtigkeit
vermögen uns nicht über eine gewisse Einförmigkeit
und Trockenheit hinwegzutäuschen. Sein Waldinneres
hat nicht den geheimnisvollen Zauber wie bei Diaz,
in seinen grossen Bäumen rauscht und flüstert es nicht
wie bei Corot, aus seinen Bildern spricht weder der
unendliche Ernst und die Herbheit eines Rousseau,
noch das keusche Tasten eines Chintreuil. Erst wenn
wir aus den 327 Werken eine kleine Anzahl intimer
Studien herausgefunden haben, wenn wir ausser seinen
Ölbildern auch seinen Aquarellen und besonders
seinen Zeichnungen und Lithographien eine liebevolle
Aufmerksamkeit geschenkt haben, sehen wir, dass wir,
wenn nicht ein ebenbürtiges Mitglied, so doch einen
würdigen Nachfolger der grossen Plejade von 1830
vor uns haben.

Louis Francais war am 17. November 1814 im
Vogesenbadeorte Plombieres geboren. Nach einer
kümmerlichen Jugend im Elternhause, wo es oft knapp
genug herging, musste er, wie Corot, Chintreuil und
viele andere als Handlungslehrling seinen Unterhalt
verdienen, ehe er sich der Kunst widmen konnte. Die
Ausstellung enthält nur wenige Bilder aus seiner
frühesten Periode, die Insel Croissy« (1836) und
„Die Gesänge unter den Weiden" (mit von seinem
Freunde Baron gezeichneten Figuren in lombardischen
Kostümen, 1837). In der Technik erinnern sie leicht
an die früheren Werke Ludwig Richter's, sind aber
unbeholfener und besitzen nicht die innige Poesie des
deutschen Künstlers. Francais schloss in dieser Zeit
innige Freundschaft mit Aligny und Corot, der sich

Die Francais-Ausstellung in der Ecole des Beaux-Arts zu Paris.
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