Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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DIE MÜNCHENER JAHRESAUSSTELLUNO

IM GLASPALAST 1898.

Es ist natürlich, dass die Erwartungen, die man
der diesjährigen Ausstellung entgegenbrachte, nicht so
gross waren, als im vorigen Sommer, gelegentlich der
grossen internationalen Ausstellung. Aber dass selbst
die bescheidenen Hoffnungen so arg enttäuscht werden
sollten, hat allgemein überrascht. Es ist, als ob es sich
nur darum gehandelt hätte, die weitläufigen Räume
des Glaspalastes auch heuer zu füllen, obgleich das
Ausland und die Secession fehlten. Allerdings ist die
Produktion in München gross und so hat es wohl
wenig Mühe gekostet, die Masse der Bilder herbei-
zuschaffen. Dass dabei das künstlerische Niveau not-
wendig sinken musste, lag auf der Hand. Wenn man
aber über diese erste Hauptbedingung einer Kunst-
ausstellung auch in München kaltblütig hinwegsieht,
dann darf sich das Comite nicht darüber beklagen,
dass man seine Darbietungen mit den Berliner Kunst-
ausstellungen auf eine Stufe setzt. Und diese Stufe
ist keine sehr hohe. Der Glaspalast ist nichts anderes
mehr als ein grosser Bildermarkt, bei dem die Jury
milde und wohlwollend allerhand verkaufsfähige Ware
zugelassen hat. Die ideale und erzieherische Be-
deutung des Unternehmens scheint ganz vergessen,
da selbst das wenige Gute und Zukunftsvolle in der
Menge des Geringen und Handwerksmässigen voll-
kommen verschwindet. Bei solchem weitherzigen Ent-
gegenkommen gegen die ausstellungslustigen Künstler
kann München als die führende Macht in der deutschen
Kunstwelt nur Schaden leiden. Der Massstab für das
Auserlesene und Bedeutende geht verloren. Immer
wieder bekommen die Tüchtigen und Selbständigen
recht, die sich von der grossen Menge trennten und
ihre eigenen Wege gingen. Und ganz natürlicher-
weise findet dies Beispiel auch im Glaspalast Nach-
ahmung. Denn wer irgend die Macht dazu besitzt,
hat sich von der grossen Gefolgschaft isoliert: Lenbach
hat seinen eigenen Prunkraum, in dem er eine grössere
Anzahl seiner Porträts gruppiert hat, F. A. von
Kaulbach hat sich in ein kleines Kabinet geflüchtet,
wo er auch allein ist, Löffiz beansprucht ebenfalls fast
einen ganzen Raum für sich, und wenn man nur etwas
Geschmack besessen hätte, so würde man Klingefs
„Christus auf dem Olymp" nicht in eine so triviale
Nachbarschaft gebracht haben, wie es hier zum Schaden
des grossen Werkes geschehen ist. Oder war das
auch wohlwollende Absicht? Gerade die vornehme
Isolierung, die man den akademischen Arbeiten
eines Kaulbach (vornehmlich Porträts) und Löfftz
(Orpheus und Eurydike) gegönnt hat, zeigt indessen
um so klarer, wie weit sich die beiden Künstler von
den modernen Anschauungen entfernen.

Und wenn auch Max Klmger's umfangreiche
Komposition einen Platz ganz für sich allein erhalten

' hätte, so würde sie doch nicht mehr Freunde gewinnen.
Mit seinen Radierungen hat Klinger die Herzen
erschüttert. Dieses Bild sollte ihn auch als Maler

j rechtfertigen. Die langgezogene Komposition und die
kühle, zerfahrene Farbengebung hindern indessen einen
ruhigen Gesamteindruck, der durch das reiche Rahmen-
werk und die Aufdringlichkeit der Nebensachen
vollends gestört wird. Niemand wird die hochge-
spannte Energie des Künstlers angesichts der tech-
nischen Meisterschaft und des philosophischen Tiefsinns
leugnen. Aber nur der Grübler und Zeichendeuter
wird vor dem komplizierten Werk einen vollen Ge-
nuss haben, der eine Fülle feiner künstlerischer Ab-

1 sichten darin findet. Der bildnerische Schmuck des

' Rahmens muss jedem ungeteilte Freude bereiten.

Unter den Jüngeren sind nur wenige zu nennen.
Raffael Schuster- Woldan hat mit seinen grossfigurigen
Bildern Glück gehabt, seine geschmackvolle Palette
fand Beifall. Kein Wunder, dass er auf dem einge-
schlagenen Wege weiter geht und dabei auch die ge-
zierte und süssliche Pose beibehält, die ihm von
Anfang an eigen war. Ein frisches Temperament und
eine kräftige Farbe sind ansprechende Vorzüge der
Kinderbilder Karl Hartmann's, wie denn auch andere
die Kinderdarstellung mit Glück pflegen. Hierher
gehört die engelreiche Komposition der Anbetung
von Karl Marr, bei der allerdings die Haupt-
figuren der Maria und des Joseph zu kurz gekommen
sind. Ein freundlicher Märchenton ist angeschlagen
die Schilderung von socialem Elend verschwindet
mehr und mehr. Auch hier ist derselbe Umschwung
zu bemerken, der bei Hauptmann mit dem Hannele
und der versunkenen Glocke sich vollzogen hat. Jeder
wird diese Wendung zur Poesie freudig begrüssen,
und man hört gern zu, wenn uns die Geschichten
von der bösen Hexe im Walde und dem „Getreuen
Ekkehart« (Georg Schuster-Woldan) erzählt werden.
Nur wenn das Format übertrieben gross ist, geht die
Wirkung verloren. Louis Corinth (München) bringt
eine grosse Kreuzigung, die ein tüchtiges Können ver-
rät, aber durch die Betonung des Krassen und Schreck-
lichen starke Einbusse erleidet. Im Porträt erwirbt
sich Ziegler neue Freunde.

Die Dresdener und Berliner haben eigene Säle
und eine eigene Jury erhalten, ohne jedoch dadurch
bemerkenswerter zu werden. Überall fühlt man die
Wohlthat alljährlicher Ausstellungen als eine Plage.
Sollten unsere Künstler nicht besser daran thun, ihre
eigenen Kräfte durch längere Pausen zu schonen und
dadurch auch die Aufnahmefähigkeit des Publikums
zu stärken?

ARTUR WEESE.
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