Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Büclierschau. -

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reiche etwas zerfahrene Komposition. Voll vortreff-
licher Einzelheiten und im ganzen gut erhalten. Auf
Kupfer (1550 M.; Wiener Kunsthandel). 65. Thomas
Wijck. Inneres einer Gelehrtenstube. Bezeichnet.
Besonders gute und wohl erhaltene Arbeit in der ge-
wöhnlichen Manier des Meisters (650 M.). 66. Jan
Wijnants. Landschaft. Bezeichnet. Die bekannte Wun-
derlichkeit des Meisters, den Vordergrund wie ein Still-
leben zu behandeln und störend herauszuarbeiten, hier
besonders arg (2850 M.). — FRIEDLÄNDER.

BÜCHERSCHAU.

0O Von dem grossen, im Auftrage des Kaiserlich
Deutschen Archäologischen Instituts herausgegebenen Sammel-
werk „Die antiken SärkophagreUefs" (bearbeitet von Carl
Robert) ist der erste Teil des dritten Bandes erschienen. Er
enthält die Mythen des Actäon, Adonis, der Alcestis, des
Apollo, Bellerophon, Dädalus, Endymion, der Giganten
und des Herkules. Die namentlich zum Endymion- und
Herkules-Mythos zahlreichen Abbildungen, für die ausser
den erhaltenen Sarkophagen in grossem Umfange ältere
Handzeichnungen, besonders des XVI. Jahrhunderts, benutzt
sind, sind auf 43 Tafeln vereinigt.

KUNSTBLÄTTER.

* Der Landschaftsmaler Carl Oenike in Berlin, der sich
vor einigen Jahren zuerst durch seine farbenprächtigen, phan-
tastischen Qebirgs- und Urwaldslandschaften aus Mittel- und
Südamerika in weiteren Kreisen bekannt gemacht hat, hat
sich neuerdings mehr der heimischen Natur zugewandt und
auch aus ihr Stimmungsbilder geschöpft, die durch intime
Wirkungen vielleicht noch stärker fesseln als seine früheren
Bravourstücke. Er hat dabei aber nicht bloss seine Virtuosität
in der Ölmalerei bewährt, sondern auch die Fähigkeiten
eines gewandten Radirers offenbart, der auf kräftige kolo-
ristische Wirkungen ausgeht. Im vorigen Jahre sahen wir von
ihm eine grosse Originalradirung des Niederwalddenkmals mit
seiner waldigen Umgebung und einem Blick auf Rhein- und
Nahethal, und diesem Blatte hat er jetzt in gleicher Grösse
(Bildfläche 50x78 cm) eine Ansicht der Burg Stolzenfels
am Rhein folgen lassen, die im Verlage von Stiefbold & Co.
in Berlin in zwei Abdrucksgattungen (Markdrucke zu 100 M.'
und Schriftdrucke zu 30 M.) erschienen ist. Da beide Blätter
sich nicht der kleinen Gemeinde der Sammler durch tech-
nisches Raffinement, durch geheimnisvolle Andeutungen,
durch allerlei Zufälle des Druckes und sonstige Kunstgriffe
angenehm machen, sondern dem grossen, kunstfreund-
lichen Publikum als gefälliger Wandschmuck dienen wollen,
hat der Künstler in erster Linie eine geschlossene bildmässige
Wirkung angestrebt, die, ohne das Gegenständliche allzu-
kleinlich zu berücksichtigen, zugleich etwas Grosses, in bestem
Sinne Dekoratives erreicht. Man darf immer zufrieden sein,
wenn diesem starken Bedürfnis des Publikums künstlerische
Kräfte von der Bedeutung Oenikes entgegenkommen. Das-
selbe günstige Zeugnis darf man einer zweiten Publikation
desselben Berliner Verlages, einem Stiche nach C. Böttchers
„Sommernacht am Rhein" (im städtischen Museum in Köln)
nachrühmen. Der Stecher, J. Nenmann, ist, wenn wir nicht
irren, ein Schüler von J. L. Raab in München und hat be-
reits in einer Reproduktion von van Dycks „Beweinung
Christi" (in der Münchener Pinakothek) eine Probe seiner

hervorragenden Begabung für rein koloristische Effekte, aber
auch für Tiefe der Empfindung und Charakteristik abgelegt.
Letztere war bei einem frohgemuten Genrebilde wie der
„Sommernacht am Rhein", wo sich auf derTerrasseeinesLand-
hauses über dem Strom berühmte, porträtmässig dargestellte
Künstler Alt-Düsseldorfs und ihre holden Gefährtinnen bei
der Bowle ihres Lebens freuen, nicht nötig, wohl aber die
koloristische Kraft in der Wiedergabe der miteinander
streitenden Wirkungen des Mond- und Kerzenlichts. Und
über diese gebietet der junge Künstler in vollem Masse.
Freilich kann das alles nicht mit dem reinen Linienstich er-
reicht werden, der jetzt überhaupt wohl nicht mehr in der
reinen Bedeutung des Begriffes geübt wird. Der Stecher
hat denn auch ein gemischtes Verfahren angewendet und im
wesentlichen nur die Köpfe und Fleischteile mit dem Grab-
stichel gearbeitet, wodurch er im Gegensatz zu den radirten
Partien eine besonders reizvolle Wirkung erzielt hat. Sehr
glücklich ist ihm die Durchführung des landschaftlichen
Teils gelungen, der auf diesem Bilde eine noch bedeutsamere
Rolle spielt als auf desselben Künstlers „Abend am Rhein",
den Barthelmess vor etwa 14 Jahren gestochen hat und zu
dem das Blatt Neumanns ein Gegenstück von gleichen
Grössenverhältnissen (52V2X80 cm Stichgrösse) bildet. Der
Blick auf den Rhein, in dessen glatter Wasserfläche sich der
Vollmond spiegelt, und auf die ihn einschliessenden Höhen-
züge ruft uns die Erinnerung an die längstverklungene
Düsseldorfer Romantik wach, und diesen poetischen Zauber
in vollem Nachempfinden und mit den zartesten Mitteln
seiner Kunst wiedergegeben zu haben, darf man dem Stecher
zu um so höherem Verdienst anrechnen, als diese Kunst jetzt
selten geworden ist. Das Blatt ist in vier Abdrucksgattungen
von 150 bis 50 M. erschienen. — Seit einigen Jahren sind
mehrere Berliner Stecher eifrig bemüht, die alte Schabkunst
wieder zu beleben und sie zunächst von dem schlechten
Rufe zu reinigen, in den sie bei ihrem Erlöschen mit Recht
gekommen war. Ihr Streben geht auf eine solidere Technik
und auf grössere Kraft des Ausdrucks und der Charakteristik,
und darin hat sich besonders F. A. Börner hervorgethan,
der sich sogar an Aufgaben der klassischen Kunst wie eine
ungewöhnlich grosse Wiedergabe der Madonna della Sedia
gewagt und sie mit Glück gelöst hat. Jetzt hat er Ge'rard's
berühmtes Bildnis der Madame Recamier in Schabmanier
wiedergegeben, und die glatte sammetartige Manier des be-
liebten Modemalers des ersten Kaiserreichs und der Restau-
ration kommt dieser Art reproduzirender Technik ebenso
willig entgegen wie die Bildnisse eines Joshua Reynolds und
Lawrence. Der reproduzirende Künstler ist sogar in die
Eage gekommen, den dem Auge fatalen, kalten Schmelz des
Originals in eine gewisse Wärme des Tons aufzulösen, und
da jetzt gerade die Empirezeit und ihre Künstler wieder zu
hohem Ansehen gelangt sind, wird das Bildnis der ver-
führerischen Schönheit in ihrem pseudo-antiken Deshabille
gewiss viele Freunde finden. Bei der ungewöhnlichen Grösse
des Blattes (70x48 cm Stichgrösse), das in mehreren Ab-
drucksgattungen bei Paul Sonntag in Berlin erschienen ist,
kommen alle Einzelheiten der pompösen Umgebung zu voller
Geltung. — Bei dieser Gelegenheit sei auch auf eine aus
dem gleichen Verlage hervorgegangene Nippessache des Kunst-
handels aufmerksam gemacht: auf fünf anmutige Kompo-
sitionen des liebenswürdigen Wiener Genremalers F. Lefler,
die die fünf Sinne durch Gruppen hübscher Kinder in lieb-
lichen Frühlings- und Sommerlandschaften veranschaulichen.
Ein feiner, sinniger Humor spricht aus diesen Blättern, die
sich in ihrer sauberen Ausführung in Photogravüren von
L. Angerer in Berlin besonders zu Weihnachtsgeschenken
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