Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Bücherschau. — Nekrologe.

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Die ganze Art der Darstellungsweise gemahnt uns
deutlich an die Landschaften des Antonio Pollajuolo.
Genaueren Aufschluss über den Schöpfer des Bildes
können uns meiner Ansicht nach die Figuren geben.
Das Kind mit seiner stark ausgebildeten Muskulatur,
dem langen Rumpf, den kurzen Oberschenkeln und den
plumpen Klumpfüssen zeigt völlig die gleiche Bildung
wie das auf Baldovinetti's Bilde der Madonna mit acht
Heiligen in den Uffizien. Auch der Typus der Ma-
donna stimmt völlig überein mit jenem, den wir auf
diesem Bilde und der von gleicher Hand herrührenden
Verkündigung in den Uffizien begegnen. Ebenso
lassen sich in der Art der Faltengebung zwischen der
Louvre-Madonna und der zuvor erwähnten sitzenden
Maria in den Uffizien nicht die geringsten Stildifferenzen
wahrnehmen. Und nimmt man noch als äusserliche
Kennzeichen, die auf Baldovinetti's Bildern vorkommen-
den schweren, diskusförmigen Nymben mit den
dunkelen Schatten an den unteren Flächen und den
hell beleuchteten Schmalseiten, sowie den auf dem
Louvrebilde in völlig gleicher Weise wie auf den
beiden Gemälden der Uffizien wiederkehrenden antiken,
römischen Stuhl dazu, so scheint es mir keinem
Zweifel zu unterliegen, dass die Duchatel-Madonna
ein echtes Werk von der Hand Baldovinetti's ist, und
ich glaube, dass von der Louvre-Direktion die Be-
zeichnung Pietro della Francesca mit Unrecht beibe-
halten worden ist. WERNER WEISBACH.

BÜCHERSCHAU.

Geschichte der Wiener Gemäldesammlungen. Erster
Band. I. Lieferung. Einleitung. Von Dr. Theodor von
Frimmel. (Dritte Folge der kleinen Oaleriestudien.) Leipzig,
Verlag von Georg Heinrich Meyer. 1898.
In dem vorliegenden 8g Seiten enthaltenden Bändchen
giebt der unermüdlich thätige Wiener Kunstgelehrte die Ein-
leitung zu seiner Geschichte der Wiener Gemäldesammlungen,
die in Einzellieferungen erscheinend, mit zahlreichen Ab-
bildungen versehen, im ganzen ungefähr 70 Bogen umfassen
soll. Im Verein mit der der vorliegenden Lieferung beige-
gebenen Inhaltsübersicht soll diese Einleitung den Plan des
Werkes klarlegen. Frimmel weist in ihr zuerst nach, dass
Wien von jeher eine Galeriestadt ersten Ranges gewesen ist,
und führt hierfür gewichtigeStimnien aus derLitteratur unseres
Jahrhunderts an. Er spricht dann von den früheren Wiener
Sammlungen, von den Listen, welche davon existiren,
berührt die Schwankungen, die in der Zahl der Samm-
lungen im Laufe der Zeit sich geltend machten, die ein-
heimischen Maler — es lassen sich solche seit dem 15. Jahr-
hundert spätestens nachweisen —, sowie die Ein- und Ausfuhr
von Gemälden. Besonders interessant gestaltet sich der
folgende Abschnitt über den Bilderhandel, Kunsthändler,
Auktionen und die Kataloge derselben. Zum Schluss geht
Frimmel auf das Ausstellungswesen seit dem Jahre 1786
näher ein, in welchem die Akademie der bildenden Künste
ihre erste Ausstellung veranstaltete. Wir wollen uns mit
dieser kurzen Inhaltsangabe begnügen, ein weiteres Eingehen
an dieser Stelle würde zu weit führen. Frimmel greift aus
der Masse der Beispiele immer nur einzelne heraus, aber in

allem verrät sich deutlich, wie sehr der Verfasser den ge-
waltigen Stoff beherrscht und wie übersichtlich er sein
Material angeordnet haben muss. Die „Geschichte der
Wiener Gemäldesammlungen" verspricht in kunst- und kultur-
geschichtlicher Beziehung gleich interessant und lehrreich
zu werden, und wir müssen es dem Verfasser aufrichtig
danken, dass er sich der schwierigen und mühevollen Auf-
gabe unterzogen hat, die er sicher in mustergültiger und
erschöpfender Weise lösen wird. Der erste Band des Werkes
wird sich in neun Kapiteln mit den noch bestehenden und
früher aufgelösten Sammlungen Wiens befassen, während
der zweite, auf vier Kapitel berechnete Band, Regesten und
Neudrucke von Inventaren und Katalogen, eine Übersicht
über den Wiener Bilderhandel und die Ein- und Ausfuhr
von Gemälden, Verzeichnisse der Galerien, eine Liste der
Gemäldeversteigerungen, lexikalische Übersicht über die
Wiener Gemäldesammlungen, Nachträge und Verzeichnisse
enthalten soll. u. th.

f Amsterdam. — Die Firma Frederik Muller & Comp,
hat einen reichhaltigen Katalog von Büchern und Kupfer-
stichen herausgegeben, die sich auf die Sitten und Gewohn-
heiten der Völker aller Länder und Zeiten beziehen. Der
mit Preisen versehene Katalog zählt über 4000 Nummern.

Dresden. — Wie wir hören, hat sich vor kurzem in
Dresden ein Comite gebildet, das sich die Herausgabe eines
Prachtwerkes über die Geschichte des Meissener Porzellans
zur Aufgabe gestellt hat. Zur Abfassung des Textes, Aus-
wahl des reichhaltigen Illustrationsmaterials etc. ist Dr. Karl
Beding gewonnen worden, der sich ja seit mehreren Jahren
ganz speciell mit Meissener Porzellan beschäftigt und auch
durch seine langjährige Thätigkeit am Dresdener Kunstge-
werbemuseum zur Lösung dieser Aufgabe, die ein noch
wenig bearbeitetes Gebiet behandelt, ganz besonders ge-
eignet ist. In Fach- und Sammlerkreisen wird man das
hoffentlich recht bald erscheinende Werk mit Freuden be-
grüssen.

NEKROLOGE.

G. In Paris starb am 7. März der Architekt Leon
\ Ginain. 1825 in Paris geboren, war er seit 1861 daselbst
Stadtbaumeister und gehörte seit 1881 dem Institute an.
Von seinen zahlreichen Bauten sind die bekanntesten die
Kirche Notre-Dame des Champs, das Spital von Clamart
und der Palast Galliera.

London. — Am 16. März starb in Mentone, im Alter
von nur 44 Jahren, Mr. Aubrcy Beardsley, der als Zeichner
und Illustrator seit einigen Jahren viel von sich reden machte.
Als das Haupt der sogenannten Dekadenz-Schule ist er in
den meisten grossen Kunstcentren, so namentlich in den
europäischen Hauptstädten nicht unbekannt geblieben, ob-
gleich er nach London am meisten in Paris seinen Schwer-
punkt fand. Abgesehen von seiner krankhaften, überreizten
Phantasie, die viel zu seinem frühzeitigen Ende beigetragen
haben soll, muss ihm unbedingt grosse technische Geschick-
lichkeit und ausserdem auch eine gewisse Originalität zu-
gestanden werden. Beardsley's Meisterschaft war, wie viele
englische Kritiker und auch ein nicht geringer Teil des
Publikums behaupten, zwar eine ausgesprochen eigenartige,
aber zu krankhafte, um dauernd zu fesseln. In England
bildete das „Yellow-Book" hauptsächlich das Medium zur
Übermittlung seiner Kunst für das Publikum. Demnächst
finden wir viele Illustrationen von seiner Hand in dem „Savoy
Magazine". Diese beiden Zeitschriften mit ihren Illustrationen
I wirkten besonders vorbildlich bei der Entstehung ähnlicher
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