Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Nekrologe.

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werden können. Sie sind in dem Ausstellungssaal
geschickt verteilt. In der Mitte der Wand links vom
Eingang hängt über dem Kamin eine Verkündigung
von Andrea Solario, bezeichnet und mit der Jahres-
zahl 1506 datiert, ein prächtig erhaltenes Werk liebe-
voller Vertiefung von juwelenartig leuchtender Farbe.
Links davon bemerken wir an derselben Wand eines
der besten Gemälde des Cesare da Sesto, La vierge
au basrelief, unstreitig die gelungenste von den wieder-
holten Bearbeitungen, die Cesare einem Entwürfe
Leonardo's angedeihen Hess.

Rechts von dem Solario hängt ein allerdings
weniger gut erhaltener, aber in seiner Art nicht minder
vorzüglicher Luini, die Anbetung des Christkindes,
milde in Auffassung und Färbung, ein Werk etwa aus
der Zeit der Fresken in Saronno. Dem Eingang gegen-
über nimmt in einem Erkerbau den Ehrenplatz eines
der merkwürdigsten Bilder von Sodoma ein, der heilige
Georg im Kampfe mit dem Drachen, wunderlich und
bezaubernd zugleich, wie der mattaccio Sodoma so
oft ist. Leider wird das Bild unter seinem Glas-
rahmen recht ungünstig seitlich beleuchtet. — Inmitten
der rechten Seitenwand begrüssen wir die berühmte
Anbetung des Kindes von Gaudenzio Ferrari, das
beste Bild des liebenswürdigen Meisters, das in Eng-
land und überhaupt nördlich der Alpen zu finden ist.
Daneben hängt Gaudenzio's heiliger Andreas, der aus
der Sammlung Scarpa unlängst in den Besitz des
Herrn Mond übergegangen ist. Besonderen Dank
schuldet der Klub seinem auswärtigen Mitgliede
Friedrich Lippmann, der sein kostbares Porträt der
Bianca Maria Sforza von Ambrogio Preda hierher ge-
schickt hat, wo es nun Seite an Seite hängt mit dem
einen von den beiden bezeichneten Bildern desselben
Meisters, dem berühmten Jünglingsporträt aus der
Sammlung Füller-Maitland, zu bequemster kritischer
Vergleichung. — Die Eingangswand ist den ältesten
Meistern eingeräumt, unter denen Borgognone mit
einem sehr charakteristischen, vortrefflich erhaltenen
Altarflügel, dem Gegenstück zu einem Bilde im Louvre,
am besten vertreten ist. Das Lesezimmer im Erd-
geschoss des Hauses beherbergt unter minder wert-
vollen Sachen ein interessantes und wohlerhaltenes
Madonnenbild des Oirolamo Qiovenone, mit dem vollen
Namen bezeichnet.

Indem ich diese wenigen Bilder hervorgehoben
habe, wollte ich nur einiges vom Wertvollsten der
Ausstellung namhaft machen. Am reichsten sind Luini,
Giatnpietrino und Cesare da Sesto vertreten.

Genauere kritische Bemerkungen über sie und
einige andere der hier vorhandenen Meister möchte
ich auf eine spätere Gelegenheit versparen. Hier sei
nur der Anerkennung Ausdruck gegeben für die Um-
sicht und die kritische Sorgfalt, mit der Herr Herbert
Cook, den man wohl als die Seele des Unternehmens

bezeichnen darf, seine Aufgabe gelöst hat. In den
allermeisten Fällen wird man seiner Bestimmung der
Gemälde nur beipflichten können. Sein vornehm aus-
gestatteter Katalog ist ein Muster in seiner Art. Die
leicht geschriebenen charakterisierenden Bemerkungen
über die ganze Schule und die einzelnen Meister ver-
raten ein reifes Studium. Schade nur, dass gerade
dieser Teil des Kataloges bei den Exemplaren weg-
gelassen ist, die im Ausstellungslokal umherliegen.
Das dort verkehrende Publikum könnte sie zur
Orientierung recht wohl gebrauchen. Ganz besonderen
Dank verdient die ansehnliche Photographiensammlung
nach Mailändischen Gemälden, die Herr Cook sich zu
verschaffen gewusst hat und die in einer Reihe von
Bänden auf dem Tisch des Hauses niedergelegt ist
zur bequemen Benutzung für kritische Gäste.

G. P.

NEKROLOGE.

London. — Am 23. Mai starb in Dublin Sir John Gilbert,
Vicepräsident der Königlichen Akademie von Irland. Ge-
boren 182g in Dublin und vielfach bekannt durch seine
Thätigkeit an den Instituten der Kunst und Wissenschaft
Irlands, ist namentlich in ersterer Beziehung sein sehr be-
deutendes Werk »The History of the City of Dublin" hervor-
zuheben, da der archäologische und antiquarische Teil des
Buches das Hauptinteresse beansprucht. Sir John Gilbert
war Mitglied der antiquarischen Gesellschaft, sowie Professor
der Archäologie an der Königlichen Kunstakademie in
Dublin. Als Oberaufsichtsrat der „National Library of Ire-
land" hat der Verstorbene besonders alle Studien angeregt
und gefördert, die auf keltische Forschungen, Sprache,
Antiquitäten, Monumente und Baulichkeiten Bezug haben.

v. SCHLEINITZ.

t Henri Fischer-Minnen, bekannt als Bärenmaler und
hauptsächlich in seinem Geburtsort Bern thätig, ist am
18. Mai in Bellegarde in Frankreich am Herzschlag gestorben.

f Genf. — Der Maler Jacques Alfred van Muyden, ge-
boren am 22. Oktober 1818 in Lausanne ist, in Genf in der
zweiten Hälfte des Monats Mai gestorben. Er arbeitete
1838—1843 in Kaulbach's Atelier in München, ging dann
lange Zeit nach Italien und hielt sich 1850 vorübergehend in
1 Paris auf. 1855 Hess er sich in Genf nieder. Van Muyden
malte hauptsächlich Genrebilder und war auch litterarisch
; thätig, sein Landhaus in Champel war der Mittelpunkt des
künstlerischen Lebens in Genf, in welchem der Verstorbene
eine führende Rolle spielte.

f Weimar. — Der Maler Professor Ernst Händel, der
besonders bei der Restaurierung der Albrechtsburg in Meissen
thätig war, ist gestorben.

A. R. Friedrich Geselschap, der Schöpfer des Frieses
und der Gemälde an den Schildbogenfeldern in dem Kuppel-
j räum der Ruhmeshalle in Berlin, ist plötzlich am 2. Juni in
Rom eines tragischen Todes gestorben. Anscheinend in
einem Anfall tiefster geistiger Niedergeschlagenheit hat er
seinem Leben durch eigene Hand ein Ziel gesetzt und da-
mit eine künstlerische Kraft vernichtet, von der wir auch
nach jenem äusserlich und innerlich gewaltigen Bildercyklus
noch gleich Grosses erwarten durften. Im Herbst vorigen
Jahres war er nach Rom gegangen, um dort im innigen
Verkehr mit den Grossmeistern der Monumentalmalerei aus
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