Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

Page: 373
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Zu der Versteigerung Kums.

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Engländer George Frampton, und der geniale Tier-
darsteller /. M. Swan verschiedene Zeichnungen und
seinen kleinen bronzenen Tiger mit der Schildkröte
spielend. Nehmen wir noch die farbigen Holzschnitte
von Peter Behrens (München) und die Zeichnungen
und Lithographien von Steinten und Ibels nebst Ra-
dirungen von Jeanniot, die dekorativen Panneaux von
Grasset und Walter Crane (letzterer auch mit Buch-
schmuckzeichnungen und den Illustrationen zum
zweiten Buch von Spenser's „Fairie Queene"), so ist
nur der erste flüchtige Rundgang beendet, aber mehr
auch nicht!

Was der Ausstellung zur Zier gereicht, ist weniger
ihre positive als vielmehr ihre „relative Neuheit" und
ihr echt künstlerischer Zug, der jede Marktware
ausschliesst. Das Arrangement des Ganzen ist eine
verdienstvolle That, und auch der äussere Erfolg Hess
ja nicht lange auf sich warten. Was aus dem Versuch
vor allem zur Evidenz hervorgeht, ist erstens: dass
man es heute getrost wagen darf, dem Publikum
etwas Gutes zu bieten, und zweitens — und das ist die
innere Lehre, die er giebt, — dass die wirkliche Wieder-
geburt der Kunst, die Zukunft der Kunst des 20. Jahr-
hunderts, ohne allen Zweifel im richtigen Verständnis
des neuen Kunsthandwerks zu suchen ist. Der Ge-
nesungsprozess ist endlich auf der ganzen Linie fühl-
bar! Mit gesunden vollen Backen tritt das gesamte
Kunstempfinden und Schaffen in die neue Ära ein.
Es wird eine Lust zu leben!

W. SCHÖLERMANN.

ZU DER VERSTEIGERUNG KUMS.
Die Galerie Kums, welche am 17. und 18. Mai
versteigert wird, ist allen denen, welche Antwerpen in
letzter Zeit besucht haben, wohl bekannt, man konnte
sie wie ein öffentliches Museum seit einigen Jahren
besichtigen. Die hervorragende Sammlung zerfällt in
zwei Abteilungen: moderne und alte Bilder. Unter
den ersteren haben die Meister der Glanzzeit der fran-
zösischen Landschaftsmalerei entschieden das Über-
gewicht, ja einige derselben sind sogar durch Werke
allerersten Ranges vertreten. Von Eugene Fromentin
sehen wir ein Hauptbild „Das Land des Durstes«,
durch die einsame Wüstenlandschaft und die trostlose
Verzweiflung der sterbenden Menschen eine Dar-
stellung von wahrhaft dramatischer Wucht! Jules
Dupre's „Abenddämmerung" ist ein Bild von kräftiger
Wirkung. Unendlich reizvoll ist, wie der letzte Schein
der scheidenden Sonne auf die Wolken fällt. Prosper
Marilhafs „Italienische Landschaft" besitzt einen ausser-
ordentlichen Farbenreichtum, während Jean-Frangois
Millet's „Wassertragende Bäuerin" alle Vorzüge des
grossen Meisters in Stimmung, Auffassung und Technik
aufweist. Von Theodore Rousseau sind zwei Land-

schaften vorhanden. Eine Skizze aus seiner ersten
Zeit „Die Brücke" und eine vollendete Arbeit „Teich
in den Felsen von Barbizon", ein ernstes, melancho-
lisches Bild. Constant Troyon's „Kühe an der Tränke"
sind ein Meisterwerk des berühmten Tiermalers. Ein
zweites Bild desselben stellt den „Strand von Trouville"
dar. Unter den Koloristen der romantischen Schule
finden wir zwei Decamps „Eberjagd in Anatolien« und
einen „Baschi-Bosuk", beide von seltenem Reichtum
der Farben, ein sehr bemerkenswertes Bild von Eugene
Delacroix „Passiren einer Furt in Marokko« und drei
reizvolle Diaz de la Peha. Dann ein ausgezeichneter
Corot „Der Morgen«, in des Meisters duftiger und
zarter Manier und ein entzückender Meissonier „Der
weisse Raucher«. Die moderne belgische Malerschule
ist weniger zahlreich vertreten. Vor allem sind hier
vier Werke von Henry Leys zu nennen, die aus ver-
schiedenen Epochen des Meisters stammen. Die Figur
einer Weissnäherin „Rigolette« sorgfältig gemalt und
frisch in den Farben, eine wahre Perle seiner frühen
Zeit. „Marguerite« ein träumerisch vor sich hinsehen-
des junges Mädchen, 1860 in der archaisirenden Weise
des Meisters gemalt. Von 1852 „Jüdische Frauen in
der Synagoge von Prag«, aus der Zeit des Überganges,
als Leys nach seiner Rückkehr aus Deutschland durch
Holbein und Cranach beeinflusst war, und endlich ein
historisches Bild „Einzug Ludwig XI. in das Palais
de Justice in Paris«. Ferner wären zwei sehr schöne
Bilder des hervorragenden Malers des Pariser Lebens
Alfred Stevens zu nennen: „Das Atelier« und „Die
„Cameliendame«, sowie ein ausgezeichnetes Werk des
Hundemalers Josef Stevens „Tantalusqualen«. Unter
den Bildern anderer moderner Schulen finden wir
einen Alma Tadema von 1876, einen pikanten Doldini,
einen Bonington, einen reizvollen Fortuny, sowie Bilder
von Munkaczy, Brozik und einigen Holländern.

Nicht weniger bedeutend an Zahl und Wert sind
die Bilder der alten Meister. Unter der Antwerpener
Schule Rubens „Porträt des Comte Olivarez« — von
Pontius gestochen — mit der Grisaille-Umrahmung,
eines der Meisterwerke, die Rubens in diesem Genre
geschaffen hat, und das pastos gemalte Brustbild des
„Theophrastus Paracelsus"; von van Dyck das „Porträt
des Malers Martin Pepyn", eines der schönsten Bilder
der Epoche zwischen der Rückkehr aus Italien und
dem zweiten Aufenthalt in England, von warmem,
goldigem Ton; von Jordaens eine grosse Darstellung
der „Rast der Diana" mit schönem Beiwerk von
Snyder's Hand, sowie drei kleine Teniers von bester
Qualität. Ferner gehören hierzu das breit gemalte,
1640 datirte Frauenporträt des Frans Hals, und ein
lustiger Adriaen Brouwer. In derselben Abteilung
des Kataloges finden wir den „Kalvarienberg" eines
vlämischen oder deutschen Künstlers des 15. Jahr-
hunderts, der Memling zugeschrieben ist, sowie das
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