Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Ein Dürermonogrammist.

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beweisen es unwiderleglich, dass Binck nur einen sehr
geringen Anteil an dem Epitaph gehabt hat. Ich muss
davon Abstand nehmen, die Erwägungen, welche mir
vor nunmehr bereits zwei Jahren die bestimmte Ge-
wissheit von der Urheberschaft des Floris verschafften,
an dieser Stelle ausführlich darzulegen, da ich es ander-
wärts zu thun gedenke, und muss mich hier auf die
Versicherung beschränken, dass jede unbefangene Nach-
prüfung meines umfangreichen und auf jahrelangem
Sammeln beruhenden Beweismaterials notwendig zu
denselben Schlussfolgerungen, wie den meinigen, ge-
langen muss. Klarer und einfacher liegt die Sache
beim Friedrichs-Denkmal in Schleswig und bei den
beiden anderen Königsberger Denkmälern (für Herzog
Albrecht selbst und für seine zweite Gemahlin), wo
die von Hagen und anderen behauptete Urheberschaft
Binck's auch nicht den Schatten eines Beweises für
sich hat, Cornelis Floris vielmehr mit mathematischer
Gewissheit als ihr Schöpfer nachgewiesen werden
kann. Vielleicht ist es mir gestattet, hierbei nicht un-
erwähnt zu lassen, dass ich die Genugthuung erlebt
habe, das Ergebnis meiner stilkritischen Untersuchungen
hinterher auch urkundlich bestätigt zu sehen, indem
ich vor mehr als Jahresfrist eine Antwort derpreussischen
Regierung (vom 22. April 1575) auf eine Beschwerde
des Dänenkönigs in bis dahin noch ungeordneten
Archivalien fand, in welcher der Schöpfer des Albrecht-
Denkmals zwar nicht mit Namen genannt, aber mit
vollster Deutlichkeit durch den Hinweis bezeichnet
wird, dass er auch der Urheber des Christian-Denk-
mals in Roeskilde sei; dieses letztere aber rührt, wie
schon oben erwähnt wurde, bekanntermassen von
niemand anderem als eben Cornelis Floris her.

Durch diese Feststellungen wird unsere Kenntnis
über den berühmten Antwerpener Bildhauer wesentlich
bereichert. Die bezeichneten Werke besitzen in ihrer
feierlichen heiteren Ruhe und ihrem prächtigen Ge-
wände (sie sind sämtlich aus Alabaster und schwarzem
und rotem Marmor gefertigt) einen so ausgeprägten
Renaissancecharakter, dass das eine von ihnen noch
vor etwa zehn Jahren von keinem Geringeren als
Janitschek für die Schöpfung eines oberitalienischen
Bildhauers angesehen werden konnte. Anderseits
bieten sie uns in ihren gerollten Zierschilden und
ihren mit überquellenden Blumen und Früchten ge-
füllten Rostkörben u. ä. so schöne und zierliche Bei-
spiele der niederländischen Spätrenaissance-Ornamentik
dar, dass sie für die Geschichte dieses wichtigen und
weitverbreiteten Stils von hoher Bedeutung erscheinen.

Es wäre sehr erfreulich, wenn an der Hand dieser
Darlegungen, die nur als Vorläufer einer grösseren,
mit den erforderlichen Nachweisen versehenen Ab-
handlung aufgefasst sein wollen, noch weitere Werke
unseres Meisters ermittelt werden könnten.

HERMANN EHRENBERG.

EIN DÜRERMONOGRAMMIST.

Wer in dem Verzeichnis der Kunstdenkmäler der
Provinz Schlesien blätternd nach besonderen Lecker-
bissen sucht, wird beim Dorfe Wittichenau') (Kreis
Hoyerswerda) stutzig werden. Steht da „ein Altaraufbau
inschriftlich von 1527 mit dem Monogramm Albrecht
Dürers". Auf diese angesichts des Inhalts etwas kalte
— nur die zwei Bädekersterne am Anfang deuten
auf ein hervorragendes Kunstwerk — und diplomatisch
abgefasste Eintragung folgt eine kurze, nicht ganz
einwandfreie Beschreibung des Altars.

Wunderbarer Weise hat sich lange niemand, so
verlockend es doch war, mit ihm befasst.

Nun hat kürzlich Geh. Rat Prof. Dr. Richard
Förster-Breslau das Werk genauer untersucht und ist
nach der „Schles. Zeitung" zu folgendem Ergebnis ge-
kommen.

Das Altarbild, ein Holztafelgemälde von 1'/2 m
Höhe und 1 V6 m Breite, zeigt die Taufe Christi, im
Hintergrunde noch eine besondere Scene, Johannes
einer Anzahl Juden predigend: «Ihr Otterngezüchte".
In der Altarbekrönung ist das Gastmahl des Herodes,
in der Predella links die Verkündigung Mariä, rechts
der Besuch der Maria bei Elisabeth geschildert. Das
Monogramm aber, „ein D in einem A, ist dem
Dürers sehr ähnlich, aber doch nicht mit ihm identisch.
Die Längsstriche des A convergiren hier nicht nach
oben, wie im Monogramme Dürers, sondern gehen in
etwas schräger Richtung parallel." Und erst die Jahres-
zahl, der entscheidende Punkt, lautet nach einer ein-
gehenden Besichtigung nicht 1527, sondern 1597.
Damit ist auch der auf eine spätere Zeit als 1527
hinweisende süssliche und gezierte Stil des Bildes
erklärt.

Schlesien muss sich also bis auf weitere Ent-
deckungen damit begnügen, einst einen echten Dürer
besessen zu haben, jene Madonna, die einer der vielen
kunstsinnigen Breslauer Bischöfe, Johann V. Thurzo,
im Jahre 1508 von dem Meister für 72 Gulden er-
standen hat2) und die heute verschollen ist.

Wichtig aber bleibt immerhin die Frage nach dem
Künstler des Wittichenauer Bildes. Dass die Inschrift
keine Fälschung, weder von Seiten eines spekulativen
Händlers noch des Malers selber ist, dafür giebt ausser
anderen Erwägungen die Jahreszahl den schlagendsten
I Beweis. Richard Förster war auch mit feinem Gefühl
schon auf der richtigen Spur, als er einen sächsischen
Künstler als Verfertiger der Gemälde vermutete, der
das für uns so magische Signet ohne jede Absicht
der Täuschung verwendete, sondern nur, „weil ihm
sein eigener Vor- und Zunahme dazu ein Recht gab".

1) Bd. III, S. 790.

2) Thausing, Dürer. (Leipzig 1884.) II, 8.
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