Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

Page: 17
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1898/0017
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.

HERAUSGEGEBEN UND REDIGIRT

VON

ULRICH THIEME und RICHARD GRAUL

Verlag von SEEMANN & Co. in LEIPZIG, Gartenstrasse 17.

Neue Folge. IX. Jahrgang. 1897/98. Nr. 2. 21. Oktober.

Redaktionelle Zuschriften nimmt ausser Herrn Dr. U. Thieme, Leipzig, Erdmannstr. 17 auch Herr Dr. A. Rosenberg,
Berlin SW., Yorkstrasse 78 entgegen.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeitschrift für bildende
Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. - Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und Verlags-
handlung keine Gewähr. Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen ausser der Verlagshandlung die Annoncenexpeditonen von Haasen-
stein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

KORRESPONDENZ AUS FLORENZ

Im „Salone" des Bargello hat Professor Supino
vor kurzem eine äusserst wohlgelungene Neuaufstellung
der Originale und Gipsabgüsse Donatellos vornehmen
lassen, die bis dahin bunt durcheinander in der Mitte
des Saales um die Reiterstatue des Gattamelata herum
angeordnet waren. Nur die letztere ist an ihrem
Platz geblieben, alle übrigen Statuen und Reliefs da-
gegen wurden an die Wände gerückt, Originale und
Kopien geschieden, so dass sich jetzt auch der riesige
hochgewölbte Raum viel besser in seiner ernsten
mittelalterlichen Pracht präsentirt. Die zahlreichen
Gipse hängen und stehen an den Gangwänden,
der Marzocco aus grauem Sandstein an der Schmal-
wand gleich links neben dem Eingang von der Loggia
aus. Die Originale endlich sind gegenüber aufs glück-
lichste um den h. Georg von Or San Michele kom-
ponirt, der alle beherrschend in der Wandnische
prangt. An der Wand sieht man rechts und links
den marmornen David und den Täufer, daneben
hängen die beiden Reliefs, der Giovannino aus
grauem Sandstein und die grossartige Kreuzigungs-
gruppe in Bronze, die man sonst, wie die Büste des
jungen Gattamelata, im Bronzesaal aufsuchen musste.
Die letztere dient nun der Thonbüste Uzzanos als
Pendant, und daneben stehen die Bronzestatuen des
Amor und des David.

Eine neue herrliche Erwerbung hat das Museo
Nazionale des Bargello an der Medaillensammlung
gemacht, die früher im Museo Archeologico aufgestellt
war, ohne dem Publikum zugänglich zu sein. Binnen
kurzem wird Professor Supino mit der Ordnung der
reichen Sammlung fertig sein, die einen wahren Schatz

der herrlichsten Renaissancemedaillen von Pisanello bis
Caradosso aufzuweisen hat.

In den Uffizien sind die Arbeiten für die Neu-
aufstellung der Künstlerporträte in den Sälen des
zweiten Stockwerkes in vollem Gange und werden
wahrscheinlich noch im Laufe des Monats November
vollendet sein. Dagegen scheint es, dass die Einver-
leibung der Galerie von S. Maria Nuova in den
grossen Körper der staatlichen Galerien kaum vor
nächstem Sommer ausgeführt werden kann, da mit
ihr eine Neuordnung fast sämtlicher Schulen, vor
allem der toskanischen und der flämischen, verbun-
den sein wird.

Ein frühes männliches Porträt des Sebastiano
del Piombo wurde von Professor Ridolfi im Magazin
der Uffizien wieder aufgefunden und wird demnächst
in der Tribuna den Ehrenplatz erhalten, der ihm ge-
bührt. Das herrliche auf Leinwand gemalte Porträt
stellt einen zweiundzwanzigjährigen jungen Mann in
vornehmer Tracht mit breitem Pelzkragen dar, der
in den älteren Inventaren als „kranker Mann" aufge-
führt und hier dem Lionardo zugeschrieben wird.
In der That ist das Gesicht von auffallender Blässe,
die Haut fast durchsichtig und die schmalen Lippen
von einer krankhaften zarten Röte. Überdies ver-
schleiert das Gesicht ein Schatten träumerischer Me-
lancholie, und der geheimnisvolle Zauber, den dieser
Jüngling, um dessen Lippen und Kinn eben ein
leichter schwarzer Bart zu wachsen beginnt, auf den
Beschauer ausübt, wird durch den scharfen Kontrast
von Licht und Schatten noch erhöht. Nur der leicht zur
Seite gewandte Kopf, der untere Teil des Halses und der
Hemdkragen sind voll beleuchtet, und verstreute Lichter
kehren auf dem wunderbar feinen Pelzwerk und auf
loading ...