Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Die Entwürfe für das Bismarckdenkmal in Berlin.

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den Frühlingsgesang »Sieh, es lacht die Au!" (1887)
laufen die Daten gleichmässig bis zur pompösen
„Venus Genetrix" 1892 (Breslau, Prof. Neisser) und
dem „Polyphem" von 1895 (Basel, Von der Mühll).
In dem letztgenannten Bild scheint sich noch eine
specifisch neue Farbenempfindung anzukündigen, was
auch die augenblicklich in München ausgestellte „Jagd
der Diana« bestätigt.

Es wäre nicht unmöglich gewesen, die Baseler
Ausstellung noch grösser zu machen, allein es ist der
allgemeine Eindruck, dass sie, so wie sie ist, etwas in
ihrer Art Vollkommenes darstellt, und — was bei
Ausstellungen so selten vorkommt — der Besucher
verlässt sie mit einem reinen Gefühl von Beglückung.

HEINRICH WÖLF FUN.

DIE ENTWÜRFE
FÜR DAS BISMARCKDENKMAL IN BERLIN

Nachdem die Jury den Entwurf von Reinhold
Begas dem Komitee zur Ausführung empfohlen und
diese Empfehlung die volle Billigung des Kaisers
gefunden hat, dem die höchste und letzte Entscheidung
bei allen in Berlin zu errichtenden Denkmälern zu-
steht, ist es eigentlich ein müssiges Unternehmen, das
Urteil der Jury nachträglich anzufechten oder mit
dem vollen Ton der Beistimmung ja und Amen dazu
zu sagen, wobei man noch leicht in den Verdacht des
Servilismus geraten könnte. Aber es verlohnt sich
doch der Mühe, den Verlauf der Dinge historisch
festzustellen, und wenn man diesen auch in einigen
Punkten befremdlich finden muss, so verlangt doch
das Endergebnis eine andere Beurteilung, als sie bei
dem Nationaldenkmal für Kaiser Wilhelm I. von vielen
Seiten laut wurde. Hat hierbei anscheinend die Per-
sonenfrage über alle anderen Fragen gesiegt, so sind
bei der Entscheidung über das Bismarckdenkmal auch
künstlerische Gründe schwer ins Gewicht gefallen.

An der ersten Konkurrenz im Jahre 1895 — und
damit kommen wir auf den geschichtlichen Verlauf der
Angelegenheit — hatte sich Begas überhaupt nicht
beteiligt. Es waren dreissig Preise in drei Abstu-
fungen verteilt worden, und da das Komitee sich da-
mals über eine Entscheidung nicht einigen konnte,
vielleicht aus bekannten politischen Gründen nicht
wollte, wurde eine engere Konkurrenz zwischen den
Gewinnern der ersten zehn Preise beliebt, und zu
diesen wurden noch fünf Bildhauer zur Beteiligung
eingeladen: Begas, Manzel und Briitt in Berlin, Robert
Diez in Dresden und Maison in München. Einer
von diesen fünfzehn, Robert Bärwald, ist durch seinen
Tod aus der Reihe der Bewerber ausgeschieden, und
Diez und W. von Rümann haben auf eine Beteiligung
verzichtet, obwohl jedem der Bewerber die sehr reich-
lich bemessene Entschädigung von 5000 M. zugesichert

war. So sind also nur zwölf Entwürfe eingeliefert
worden, die, mit Ausnahme des Begasschen, teils durch
Situationspläne, teils durch plastische Veranschaulichung
des Denkmalsplatzes erläutert worden sind. Wenn
man den ungeheuren Aufwand von Scharfsinn und
Fleiss, der hier vielleicht ganz und gar nutzlos ge-
macht worden ist, im einzelnen prüft, möchte man
annehmen, dass keiner der Konkurrenten geahnt hat,
wohin die Entscheidung fallen werde.

Am meisten haben sich die Bewerber um eine
monumentale Gestaltung des Platzes abgemüht, auf
dem das Denkmal errichtet werden soll. Bei der
ersten Konkurrenz war die Frage offen gelassen worden,
ob das Denkmal seine Stelle auf dem obersten Podest
der grossen Freitreppe oder auf dem Platze davor
erhalten sollte. Jetzt ist letzterer als Standort vorge-
schrieben worden, nicht weil er der absolut beste ist,
sondern weil man zwischen zwei Übeln das kleinere
wählen wollte. Das Bestreben aller Bewerber ist
darauf hinausgegangen, ein erträgliches Verhältnis zwi-
schen der mächtigen Hinterkuiisse des Reichstags-
gebäudes, der Bismarckfigur und der plumpen Sieges-
säule, die den gewaltigen Platz beherrscht, herzustellen.
So weit die angedeuteten Grössenverhältnisse ein Ur-
teil erlauben, ist es keinem von ihnen gelungen, die
Kluft, die zwischen dem Reichstagsgebäude und der
Siegessäule klafft, durch ein Bismarckdenkmal zu über-
brücken. Wenn es Begas versuchen will, der übrigens
mit der Aufheftung einer photographischen Abbildung
seines Bismarckdenkmals auf eine Photographie der
Front des Reichstagsgebäudes keinen genügenden An-
halt zur Beurteilung der von ihm beabsichtigten Di-
mensionen geboten hat, so müsste er mindestens einen
Koloss von Rhodus aufthürmen. Vom ästhetischen
Standpunkte liesse sich wenig darüber sagen. Man kann
sich den Fürsten Bismarck ebenso gut kolossal denken
wie den Herkules auf Wilhelmshöhe, die Germania
auf dem Niederwald und den frommen Carlo Borromeo
bei Arona über dem Lago Maggiore. Aber diese
Figuren stehen isolirt auf Bergeshöhen, und ihre ge-
waltigen Abmessungen behaupten sich auch gegen
den leeren Luftraum, der nur selten einen wirksamen
Hintergrund bietet. Auf einem ebenen Raum in der
Tiefe einer Grossstadt, deren Strassen und Plätze nach
dem Lineal gerichtet sind, muss ein Denkmal aber un-
mittelbar zum Beschauer sprechen, und es darf durch
keine erdrückende Nachbarschaft gestört werden. Man
beobachte nur, wie stark die Denkmäler im Tiergarten,
König Friedrich Wilhelm III. und seine Luise, Goethe
und Lessing auf das Volk wirken, wie sich die Keime,
die hier durch Anschauung empfangen werden, von
Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzen.

Wir fürchten, dass diese intime Verbindung zwischen
Denkmal und Beschauer sich auf dem unheimlichen
Platze vor dem Reichstagsgebäude nicht herstellen
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