Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Die Entwürfe für das Bismarckdenkmal in Berlin.

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lassen wird, wie sehr man sich auch abmühen möge,
diesen Platz durch architektonische und gärtnerische
Anlagen freundlicher zu gestalten. Selbst Wallot hat
sich mit dieser Aufgabe beschäftigt, ohne dass er jedoch
zu einem befriedigenden Ergebnis gelangt ist, weil er
dem gärtnerischen Schmuck einen zu geringen Raum
gelassen hat. Und gerade dieser bildet gegenwärtig
den Hauptreiz des Königsplatzes. Er stellt die Har-
monie zwischen der Siegessäule, dem lustigen Villen-
stil des Krollschen Etablissements und der ernsten
Pracht des Reichstagsgebäudes her. Wenn diese An-
lagen zu Gunsten einer steifen, architektonischen An-
ordnung im Versailler Stil beseitigt würden, büsste
Berlin einen monumentalen Platz ein, auf dem die
gütige Spenderin Natur mannigfache Sünden der Kunst
durch ihren Reichtum bemäntelt hat.

Ist es aber überhaupt unumgänglich nötig, ein
Bismarckdenkmal vor dem Gebäude des deutschen
Reichstags zu errichten? Bismarck hat eigentlich nie-
mals mit dem Reichstage, der seine Schöpfung war,
aber nur immer nach schweren Kämpfen sein Werk-
zeug wurde, in gutem Einvernehmen gelebt. Nachdem
er aus dem Amte geschieden war, ist es sogar vor-
gekommen, dass der Reichstag ihm die Ehre eines
Glückwunsches zum 80. Geburtstage verweigerte. Was
hat ein Bismarckdenkmal also mit dem Reichstags-
gebäude zu thun?

Zu den künstlerischen Gründen, die gegen eine
solche Verbindung sprechen, gesellen sich demnach
noch sachliche. Wir haben jedoch Ursache zur Be-
fürchtung, dass weder die einen noch die andern
kräftig genug sein werden, um den einmal gefassten
Plan zu beseitigen. Wie wir es seit fast zehn Jahren
in Berlin gewohnt sind, zieht sogar immer das eine
das andere nach sich. Man spricht bereits davon,
auf der Westseite des Königsplatzes, gegenüber dem
ehemaligen Krollschen Etablissement, ein Standbild
Moltkes zu errichten, damit nur ja ein Seitenstück zu
der Bismarckstatue an der Ostseite gewonnen werde.
Es besteht nun einmal die Legende, dass die beiden
Männer miteinander wie Dioskuren gelebt und zu-
sammen die Einigung" Deutschlands nach einem ge-
meinschaftlich aufgestellten Programm ausgearbeitet
haben, und allen neueren Veröffentlichungen zum Trotz
bleibt diese fromme Geschichtslüge bestehen.

Bei einer so verwickelten Sachlage ist also gar
nicht daran zu denken, dass die Platzfrage nochmals
erörtert und ein anderer Platz ausfindig gemacht werden
könnte, auf dem die gewaltige Persönlichkeit, auf die
es doch allein ankommt, besser zur Geltung käme.
Man hat mit dem Kaiser Wilhelm-Denkmal, bei un-
gleich grösseren Dimensionen als sie bei dem Bismarck-
Standbilde möglich sind, eine Probe gemacht, die in
hohem Grade unbefriedigend ausgefallen ist; diese
böse Erfahrung scheint jedoch keinen tiefen Eindruck

gemacht zu haben. Es mag aber wenigsten mit Nach-
druck darauf hingewiesen werden, dass der Kern des
Begasschen Entwurfes, das Standbild auf dem hohen,
an den vier Ecken von Säulenpaaren eingefassten
Sockel, auch für andere Plätze verwendet werden
könnte und dass dann seiner Ausführung weit weniger
Bedenken entgegen ständen als jetzt. Begas hat
auch auf die Mitwirkung eines Architekten verzichtet
und nur in der Gestaltung des schmalen, langgestreck-
ten Unterbaus, zu dem mehrere Stufen hinaufführen,
eine Beziehung zu der architektonischen Kulisse ge-
sucht. Die Ecken des Unterbaus sind durch zwei
allegorische Gruppen ausgezeichnet. Links lehnt sich
ein Jüngling, der sich über einen aufgeschlagenen
Folianten beugt, an eine ägyptische Sphinx, womit der
Künstler anscheinend die Staatsweisheit versinnlichen
will, und auf der rechten Seite stellt eine schlanke,
nur leicht bekleidete, jungfräuliche Gestalt, die mit
der Rechten triumphirend die Kaiserkrone in die Höhe
hebt, den Fuss auf den Rücken einer in ohnmächtiger
Wut die Zähne fletschenden Tigerin. Man wird darin
den Sieg Germaniens über das niedergeworfene Frank-
reich zu erkennen haben, obwohl die schöne Siegerin,
die verschwenderisch ihre Reize enthüllt, mit dem uns
geläufigen Typus einer Germania keinen Zug gemein
hat. Zwei Einzelfiguren auf halbrunden Ausbuchtungen,
die aus der Mitte des Unterbaus an der Vorder- und
Rückseite des Standbild-Sockels hervortreten, setzen
den Kommentar fort. Vorn sieht man die unter der
Last der Erdkugel gebeugte Gestalt des Atlas, an der
Rückseite einen jungen, nur mit einem Schurzfell be-
kleideten Schmied, der das Schwert härtet, mit dem
die deutsche Einheit erkämpft worden ist. Es ist zweifel-
haft, ob dieses allegorische Beiwerk und die Reliefs,
die die Seitenflächen des Sockels und die Vorderseite
der runden Vorsprünge des Unterbaus schmücken,
zur Ausführung kommen, und es wäre nicht einmal
erwünscht, wenn es geschähe; aber es muss anerkannt
werden, dass Begas die allegorischen Gruppen und
Figuren energischer mit der Hauptfigur zusammen-
gefasst hat, als es den meisten seiner Mitbewerber
gelungen ist, von denen einige allerhand seltsame,
wenig verständliche Figuren weit über eine Plattform
verstreut haben, aus deren Mitte sich die Porträtfigur
einsam erhebt.

Dass Begas's Entwurf alle Mitbewerber, Schaper
und Siemering inbegriffen, erheblich schlägt, ist
zweifellos, und diese Thatsache rechtfertigt den
Spruch der Jury vollkommen. Es ist bekannt, dass
Begas vor Jahren eine Bismarckbüste geschaffen
hat, die dem Ideale, das sich das deutsche Volk
von seinem Helden macht, so vollkommen ent-
spricht wie keine der zahllosen anderen, und dieser
ins Übermenschliche, zu dämonischer Grösse ge-
steigerte Ausdruck leuchtet, ja flammt aus der kleinen
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