Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.

HERAUSGEBER!

ULRICH THIEME und RICHARD GRAUL

Verlag von SEEMANN & Co. in LEIPZIG, Gartenstrasse 17.

Neue Folge. IX. Jahrgang. 1897/98. Nr. 3. 28. Oktober.

Redaktionelle Zuschriften nimmt ausser Herrn Dr. U. Thieme, Leipzig, Erdmannstr. 17 auch Herr Dr. A. Rosenberg;
Berlin SW., Yorkstrasse 78 entgegen.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgcwcrbeblatt" monatlich dreimal, In den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeitschrift für bildende
Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. - Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und Verlags-
handlung keine Gewähr. Inserate, ä 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen ausser der Verlagshandlung die Annoncenexpeditonen von Haasen-
stein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

DIE BÖCKLINAUSSTELLUNQ ZU BASEL.
20. SEPTEMBER BIS 24. OKTOBER 1897.

Die Baseler Böcklinausstellung hat alle Erwartungen
übertroffen. Sie giebt natürlich nur einen Bruchteil
des ganzen Werkes, etwa hundert Nummern, wenn
die kleinen Sachen mitgerechnet werden, allein bei
Böcklin heisst das schon sehr viel; man hat den Ein-
druck eines ungeheuren Reichtums. Seine Kunst er-
scheint in ihrer ganzen Vielseitigkeit, und die einzelnen
Perioden sind gleichmässig genug vertreten, um den
Gang der Entwicklung verfolgen zu können. Basel
hat zudem die einzigen Fresken des Meisters, neben
den bekannten im Treppenhause des Museums die
weniger bekannten in der Gartenhalle Sarasin-Thurn-
cysen, die der Besitzer für die ganze Dauer der Aus-
stellung zugänglich machte.

Die Bilder sind vortrefflich gehängt. Nach einer
Böcklinschen Idee hat man die Wände mit schwarzem
Tuch ausgeschlagen, so dass die Farbe eine gewaltige
Leuchtkraft entwickelt. Die drei Abteilungen des
grossen Oberlichtsaales der Kunsthalle gestatteten ein
bequemes Disponiren, selten sieht man zwei Bilder
übereinander, so dass selbst Bekanntes eine wesent-
lich neue Wirkung hat. Für das Ganze aber ergab
sich eine prachtvolle Steigerung: von den gedämpften
Frühbildern des ersten Raumes zu den stark sprechen-
den, feierlich-einfachen Bildern der mittleren Periode
bis zu der jubelnden Farbenoffenbarung des letzten
Stiles. Die Inkunabeln der Böcklinschen Kunst sind
in einem gesonderten Kabinett untergebracht, und so
ist die Gefahr vermieden, dass für den Gesamtein-
druck die Frühperiode zu stark accentuirt erscheine.

Von der Schlusswand her blickt, den gesamten
Saal betrachtend, das grandios aufgefasste Selbstporträt

von 1893 (Basel, Museum): der Mann, der sich durch-
gesetzt hat. Es ist wohl der Typus, den die Nach-
welt festhalten wird. Daneben aus der Zeit des
Ringens, das Selbstbildnis mit dem Tod von 1872
(Basel, La Roche). Dann die Frau des Künstlers
(1863; Basel, Kunstverein), ganz hell, in hellem Kleid
auf hellem Grund, und ähnlich ein anderes Porträt
einer Römerin (Zürich, Rothplatz) und der Idealkopf
einer Sappho (Basel, Sarasin-Sauvain). Dunkeltonig
sitzen dazwischen die grünlich-graue Viola mit dem
Veilchenstrauss (Basel, Museum) und die Melancholie
(Basel, Sarasin-Thiersch), eine machtvolle südliche
Bildung, effektvoll aufblickend, ein Motiv, das in seinen
weiteren Verzweigungen eine Kleopatra und Magdalena
zeitigt. Auch diese letzteren Köpfe aus den sechziger
Jahren, sind vergleichbar mit Feuerbachs „Römerin"
in der Galerie Schack.

Diese Porträtreihe giebt ein wundervolles Ensemble,
und man hat gut gethan, sie gesammelt auszustellen;
im übrigen aber ist — wie gesagt — die chrono-
logische Ordnung wesentlich massgebend gewesen.

Abgesehen von kleinen, ganz frühen Sachen und
den noch unfreien, ersten ideal-italienischen Land-
schaften finden wir zunächst die grosse Jagd der
Diana von 1862 (Baseler Museum), ein hochbedeuten-
des Motiv, unendlich reich in pflanzlichem Detail und
mit vollkommener Charakterisirung der Licht- und
Luftmomente. Man frage sich, was man einem solchen
Bilde damals hätte zur Seite stellen können? - Aus
derselben Zeit (Weimarer Periode) eine liegende nackte
Venus, den Amor entsendend (Frankfurt, Cohen): das
Fleisch leuchtet golden in der wannen Dämmerung
des Abends. Dann kommt der zweite römische Aufent-
halt (1862 66), den vor allem die Schöpfung der
»Villa am Meer" charakterisirt Die Ausstellung giebt
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