Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Die Ausstellung vlämischer Künstler im Kaiser Wilhelm-Museum in Krefeld.

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DIE AUSSTELLUNG VLÄMISCHER KÜNSTLER
IM KAISER WILHELM-MUSEUM IN KREFELD.

Der thätigen, umsichtigen Direktion des jungen
aufblühenden Museums in Krefeld ist es gelungen,
noch in diesem Sommer eine zweite, höchst beachtens-
werte Ausstellung zu stände zu bringen, die um so
mehr Interesse erregen dürfte, als in der hier ge-
botenen Geschlossenheit die vlämischen Künstler noch
nirgends in Deutschland aufgetreten sind. In der
That hatte die sehr glücklich angeordnete Ausstellung
sich von Beginn an lebhaftester Teilnahme zu erfreuen.
Schon der künstlerisch vornehme Katalog von Juul
de Praetere verspricht viel und die Ausstellungsräume
selber erfüllen die erweckten Hoffnungen durchaus.

Die Ausstellung ist im ganzen eine völlig moderne,
unter den wenigen Bildern älterer Richtung sind be-
sonders zu erwähnen: Juliaan de Vriendt: „De Heilige
Cecilia "j seine ii feestbloemen« sind bei uns bereits
bekannter. ' Ferner wäre Theofiel Lybaert's „Heilige
Elisabeth van Hongarije" zu nennen. Von den jüngeren
Malern hat Emiel Claus zwei vortreffliche Gemälde
geschickt, namentlich sein u Rozeken« ist mit prächtiger
Gegenständlichkeit und Frische gemalt. — Ihrer reiz-
vollen Farbengebung wegen sind hervorzuheben der
in Deutschland bereits oft genannte Frans Courtens,
Frans Binge, Alexander-August fiannotiau, Jaak Ros-
seeis, dessen „Regen" eins der feinsten Gemälde der Aus-
stellung ist, Alfred Stevens mit pikantem Farbenreiz ge-
maltes Seestück und Ferdinand Wlllaert, der mit zwei
grossen Stadtpartien aus Gent und Brügge sich Courtens
nahe verwandt zeigt, während er in zwei anderen Bil-
dern, in dem „na het lof" (nach dem Segen) betitelten
Mondlichtbild, in dunklem Schieferblau und Hellgrau
und dem „Molenweg",einem gewitterschwülen Sommer-
abend in schwefelgelber Beleuchtung, mit vorzüglichem
Glück eigene Wege geht. In seinem „Nog niet« be-
zeichneten Gemälde führt er einen auf den Spat
gestützten, von der Arbeit ein wenig rastenden Alten
vor, der vortrefflich beobachtet und geschildert ist.

— Der intimen Stimmung wegen, die aus ihnen spricht,
möchte ich anführen: Edgar Farasyn's „vöör den
slagboom", Victor Ollsoul's „opkommende maan"
und zwei Landschaften von Rudolf Wytsman, unter
denen mir ganz besonders der kleine baumumstandene
Teich in hügligem, waldumgrenztem Terrain gefiel.

— Sehr interessant ist es, Constantin Meunier auch
als Maler kennen zu lernen, er hat ein tt het Zaaien"
(die Aussaat) betiteltes Gemälde geschickt. Von Theo
van Rijsselberge, dessen „l'heure embrasee" in der
Ausstellung der libre esthetique in Brüssel die Auf-
merksamkeit erregte, sind zwei sehr wirkungsvolle
Bilder da, „de vrouw in oranje" und „de spits van
Perkiridec te Roseoff". Durch seine Technik (er ge-
hört zu den „pointillisten") erzielt er vortreffliche

Raum- und Luftwirkungen. — Die symbolistische
Richtung der neuen Kunst wird vertreten durch Con-
stant Montald, Kflrel Doudelet und durch Leo Frede-
rlc's „kranke bloem«. Eugeen Laerman's hat zwei seiner
breiten derben Bauernbilder ausgestellt. — In der Ab-
teilung für Aquarell und Pastell wären Bertha Art und
Herman Richlr zu nennen.

Wie in Brüssel, Berlin und an anderen Orten,
wo Gelegenheit war, moderne vlätnische Künstler
kennen zu lernen, zeigt sich auch hier wieder, dass
das Schwergewicht ihrer Leistungen auf plastischem
Gebiet liegt. Der in sommerlich frischen hellen Farben
sehr wohlthuend und gefällig dekorierte Saal für Bild-
hauerei enthält eine Fülle guter Arbeiten. Unter den
Skulpturen rechts vom Eingang in den Saal fallen
zwei Bronzebüsten von Thomas Vincotte, durch ihre
charaktervolle und kräftige Behandlung auf, nämlich
Catilina, mit kühnen markigen Zügen, in die ver-
wüstende Leidenschaften ihre Spuren gegraben, und
die „Medusa«, aus deren schlangenumringelten Ant-
litz mit dem finster harten, unenträtselbaren Ausdruck
zwei grosse Augen mit grassem Blick starren. Die
Catilinabüste Vincotte's befindet sich auch im Besitz
der Nationalgalerie in Berlin. — Oraaf de Lalatng hat
eine geniale Marmorbüste, einen Engelkopf, und eine
Bronzegruppe, einen Tiger im Kampf mit einer
Schlange, ausgestellt. — Strenger und straffer in der
Behandlung \st Lodewijk Afßs^s „napolitaanschevrouw".
— Von Julius Lagae will ich den reizvollen Kinder-
kopf aus Elfenbein und die mit „Vader en Moeder«
gezeichnete Doppelbüste nennen. Letztere namentlich
ist eine vortreffliche Arbeit. Güte und würdevoller
Ernst im Antlitz des Mannes und mütterliche Eitelkeit
und Stolz in den freundlichen Zügen der sonntäglich
geschmückten Frau sind zu lebendigem Ausdruck
gebracht. — Godfrled Devreese's „brostbeeld mijns
vaders" ist weicher behandelt, aber auch hier findet
sich das Intime der Charakteristik. — Paul Dubois
führt uns in seiner „vrouw met den zak" eine lebens-
volle realistische Figur aus dem Treiben der modernen
Strasse vor. Das ärmlich gekleidete magere Weib,
das in groben Holzschuhen, unter der Last des Sackes
auf dem Rücken tief vorgebeugt daher kommt, ist
mit unmittelbar überzeugender Wahrheit geschildert;
das magere Gesicht mit dem spähenden Ausdruck,
das in dürftigem Knoten im Nacken liegende Haar
sind meisterhaft gegeben. — Realistisch und eigenartig
aufgefasst ist Juliaan Dillen's „Engel". Der kindliche
Körper des geflügelten Mädchens, der vom flatternden
Gewandtuch kaum geschützt wird, der rührende Aus-
druck des Kindergesichts zeigen uns keine konventionelle
Idealfigur, sondern ein armes Kind aus unseren Tagen
es könnte die aufsteigende Seele von Gerhardt Haupt-
mann^ Hannele sein. Noch einmal hat Dillen's in
einer Doppelbüste von tf Bruder und Schwester« das
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