Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

Page: 391
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1898/0204
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
392

Porträt Bronzinos uns eher eine idealisirte Dar-
stellung bietet. Als Bestätigung aber, dass der Künst-
ler den Doria damit zu bezeiehnen gedachte, soll er-
wähnt werden, dass das Gemälde aus der Sammlung
Giovio von Como stammt, wo der bekannte Humanist
Giovio eine Sammlung von Bildnissen berühmter Männer
zusammengestellt hatte, und diesem, seinem Freunde,
wie Vasari berichtet, Bronzino ein Porträt des Andrea
Doria malte.

Der Meister giebt sich darin als ein unbedingter,
aber keineswegs übertriebener Nachfolger Michel-
angelo's zu erkennen: der Torso ist meisterhaft be-
handelt, der sichtbare linke Arm, die Hände, mit der
dem Meister eigenen Bewegung, sowie der Kopf
zeigen Leben und Grossartigkeit. Kurz, ein Werk,
um welches sowohl Florenz als die fürstliche Doria-
galerie Mailand beneiden dürften und das in der
Breragalerie als eine ganz unerwartete Überraschung
aufgetaucht ist. GUSTAV FRIZZONI.

NEKROLOGE.

f Dresden. Am 26. April starb der 1836 in Warenberg
in Westfalen geborene Bildhauer Professor Heinrich Baeumer,
bekannt als der Verfertiger der Statue Salomo's für das
Mausoleum des Prinz-Gemahls von England in Frogmore
bei Windsor und, ausser anderem, der Marmorgruppe „Venus
und Amor" in den Anlagen der Dresdener Bürgerwiese.

London. Im April dieses Jahres verstarb in Virginia in
den Vereinigten Staaten von Nordamerika, Mr. George
Williams. Der Verstorbene genoss sowohl in Amerika wie
in England einen sehr bedeutenden Ruf als Architekt. Wegen
seiner theoretischen Kenntnisse, aber auch als praktischer
Fachmann, galt er als Autorität in allen Specialbauten, die
im klassischen griechischen Stil gehalten waren, oder in
Streitfragen über altgriechische Baulichkeiten. Er war ein
Schüler von Decimus Burton. Nach mehreren Kunst- und
Forschungsreisen in Griechenland kehrte er nach England
zurück. Seine Laufbahn zeichnete sich hier besonders aus
durch Aufführung von Staats- und Privatbauten in Liverpool.

v. s.

f Düsseldorf. Der bekannte hervorragende Genremaler
Benjamin Vauticr, geboren 27. April 1829 in Morges am
Genfer See, ist am 25. April gestorben.

Paris. Gustave Moreau, dessen am 19. April erfolgten
Tod wir in der letzten Chroniknummer berichteten, besuchte
die Ecole des Beaux-Arts und debutirte 1852 im Salon mit
einer Pietä. Seine bekanntesten Bilder sind der „Minotaurus"
(1855), „Ödipus und die Sphinx" (1864), der „Jüngling und
der Tod", „Orpheus von den Mänaden zerrissen" (im Luxem-
bourg), „Salome", „Jakob und der Engel", „Galathea",
„Helena". Seit 1880 hat er nicht mehr öffentlich ausgestellt,
aber in der Stille seines Ateliers eine Fülle von Werken ge-
schaffen. Seinen Nachlass von zweihundert Gemälden hat
er dem Staate vermacht. Erst wenn diese uns zugänglich
sein werden, wird ein Urteil über den ebenso berühmten
wie wenig gekannten Meister möglich sein. G.

A. R. Der Gcschichtsmaler Otto Knille, dessen am
7. April in Meran erfolgten Tod wir bereits kurz gemeldet
haben, wird in der Erinnerung der Nachwelt vornehmlich
als Schöpfer des in der Berliner Nationalgalerie befindlichen,
1873 gemalten Bildes „Tannhäuser und Venus" fortleben.

Man mag den künstlerischen Wert dieses Werkes so gering
abschätzen, wie man will — ein wichtiges historisches Denk-
mal für die Entwicklungsgeschichte der neueren deutschen
Malerei bleibt es doch. Der damals 41jährige Künstler hatte
darin alles zusammengefasst, was er an koloristischem Können
in der Düsseldorfer Schule, in Paris und später in München
erworben hatte. Für die Zeit seines Entstehens bezeichnet
dieses Bild den Gipfelpunkt des Erreichbaren. Man trug so-
gar kein Bedenken, es als ebenbürtige koloristische Leistung
dicht neben Makart's „Catarina Comaro" zu stellen, als man
beide Bilder 1873 in Wien zu gleicher Zeit sehen konnte.
Knille hatte sich zuvor schon in München durch einige
historische Bilder — durch einen toten Cid, der, auf sein
Ross gebunden, die Feinde erschreckt, und durch den „Tod
des Totilas" — bekannt gemacht. Es war ihm auch schon
ein grosser Auftrag von seiner Landesherrin, der Königin
Marie von Hannover, zu teil geworden: die Ausschmückung
einiger Räume im Schlosse Marienburg bei Nordstemmen
mit Darstellungen thüringischer Sagen. Aber diese Bilder,
die trotz der Ereignisse von 1806 vollendet wurden, bekamen
nur wenige zu sehen. In ihnen soll aber die schöpferische
Kraft Knille's den höchsten Aufschwung genommen haben.
Um 1870 nahm er seinen Wohnsitz in Berlin, und hier
wurde ihm nach dem Erfolge seines Tannhäuserbildes bei
der Reorganisation der Akademie auch eine Lehrthätigkeit
eröffnet, die zuletzt zur Leitung eines Meisterateliers geführt
hat. Sie nahm ihn sehr stark in Anspruch; denn er hat
seitdem ausser einigen kleinen Märchenbildern und Land-
schaften nur vier grosse kulturgeschichtliche Friese für die
Berliner Universitätsbibliothek im Staatsauftrage und in den
letzten Jahren noch ein kolossales Gemälde allegorischen
Inhalts geschaffen, das den Dreibund als den Fels verherr-
licht, an dem die finsteren Gewalten der Revolution und
der Anarchie zerschellen. Es war eine Komposition im Rubens-
stile, koloristisch sehr wirksam, aber mehr vornehm als ge-
waltig. Knille war seiner ganzen Veranlagung nach ein
mehr denkender als naiv schaffender Künstler, und unter
dieser Bedachtsamkeit hat seine künstlerische Produktion
gelitten. Die Fülle seiner Gedanken war sogar so stark,
dass er oft zur Feder griff. Er hat auch sehr beachtens-
werte Betrachtungen über seine Kunst veröffentlicht, die er
in zwei kleinen Büchern „Grübeleien eines Malers über seine
Kunst" (1887) und » Wollen und Können in der Malerei"
(1897) zusammengefasst hat. In letzterem Buche hat er sich
besonders gegen die modernen Richtungen ausgesprochen,
aber mit der vornehmen Ruhe, die seine Kunst und sein
Leben gekennzeichnet hat, ohne jemals über die sachliche
Polemik zur persönlichen überzugehen.

PERSONALNACHRICHTEN.

London. Mr. C. L. Eastlake, Direktor der „National-
Gallery", hat sich nach 2ojähriger und vollbewährter Wirk-
samkeit an dem genannten Institut in den Ruhestand ver-
setzen lassen. Bei seinem Ausscheiden wurden ihm von
zahlreichen Vereinen und anderen Seiten Freundschaftsbe-
weise, sowie ehrende Andenken zu teil. Besonders wird sein
Abgang von dem studirenden und kopirenden Publikum
bedauert, da er gerade für dieses bemüht war, jede nur
denkbare Erleichterung zu schaffen. Sein Nachfolger ist
noch nicht endgültig bestimmt. Mr. Eastlake führte die
Specialaufsicht über „die National-Gallery", da Sir E. Poynter
ausser der Oberaufsicht über dieses Staatsinstitut auch noch
mehrere andere Funktionen in ähnlicher Weise ausübt.

v. S.
loading ...