Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Nekrologe.

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hause in ein besonderes Gebäude überführt worden
war. Die neuen Räume, obwohl eigens für den Zweck
erbaut, verursachten eine Reihe schwerer Missstände.
In sinnlosen Dimensionen erbaut, boten die hohen
Säle eine mangelhafte Lichtquelle. Der Bau mit seinen
übermässig dicken Mauern und der schweren Archi-
tektur besitzt hierdurch die Kardinalfehler vieler
Museumsbauten. Ausserdem waren die Heizvorrich-
tungen so schlecht, dass die Gemälde stark angegriffen
und teilweise völlig entstellt wurden. Im November
1895 musste daher das Museum geschlossen werden
und niemandem, selbst dem hartnäckigsten Kunst-
historiker nicht, öffneten sich in der folgenden Zeit
die Thore. Im Mai 1896 übernahm die Geschäfte
der Stadt eine neue Municipalität, die sich ihrer Pflichten
den Kunstsammlungen gegenüber bewusst wurde.
Umfassende Veränderungen wurden getroffen. Es
wurden neue Heizvorrichtungen angelegt, das Licht,
so gut es ging, verbessert, die Gemälde einer sorg-
fältigen Restauration unterworfen. Einem Maler über-
trug man die Direktorstelle. Am Anfang dieses Jahres
fand die Wiedereröffnung bis auf die Zeichnungs-
sammlung des Musee Wicar statt. Das Erdgeschoss
nehmen die wenig bedeutenden kunstgewerblichen,
ethnographischen und Skulpturensammlungen ein. Der
erste Stock enthält neben der erwähnten berühmten
Zeichnungssammlung die Gemäldegalerie. Dort ist
auch der als Hauptanziehungspunkt des Museums
bekannte herrliche Mädchenkopf aus Wachs, jenes
edle und liebliche Bildwerk italienischer Renaissance,
untergebracht. Doch wie wenig hat man sich durch
.die Aufstellung eines solchen Kunstwerkes würdig ge-
zeigt. Inmitten von abscheulichen modernen Bildern
hat es an der Wand in einem schilderhausartigen
Kasten von schlechtem Holz, dessen Inneres mit Gold-
papier beklebt und dessen Glasthür mit zwei hand-
festen Schlössern versehen ist, einen unwürdigen
Platz gefunden. Von den Gemälden bieten die
holländischen und vlämischen des 17. Jahrhunderts
das meiste Interesse, unter denen sich manch köstliches
Werk findet. In der Galerie des Primitifs sind die
ältesten Bilder untergebracht, unter denen kaum etwas
Anziehendes vorhanden ist. Auch die moderne
französische Schule weist nur wenig Werke ersten
Ranges auf. Der Katalog von 1893 mit seinen vielen
sinnlosen Attributionen und teilweise sogar unrichtigen
Beschreibungen der Bilder wurde lediglich mit einem
Vorwort versehen, im übrigen unverändert gelassen.

W.

NEKROLOGE.

London. — Der Direktor der Königlichen Kunstakademie
und zugleich das eigentliche Haupt als Lehrer der Kunst-
schule, Mr. Philip Hermogencs Calderon, ist am 30. April d. J.
in London verstorben. Der Verewigte war ebenfalls einer

der ersten ausübenden Maler Englands und Mitglied des
Senats der Akademie. Wie der Name schon andeutet, von
spanischer Abkunft, 1833 in Poitiers geboren und dann nach
Paris übergesiedelt, begann er daselbst seine künstlerische
Laufbahn. Später Hess er sich in London gänzlich nieder.
Im Jahre 1867 erhielt er auf der Pariser Ausstellung die
erste Medaille, die überhaupt einem englischen Künstler zu
teil wurde. 1878 wurde Calderon Mitglied der englischen
Akademie, in demselben Jahre bekam er die grosse fran-
zösische Medaille sowie die Ehrenlegion. In den nächsten
Jahren malte er sehr fleissig Genrebilder, und zwar sowohl
moderne wie antike Sujets. Sein Diplomabild betitelt sich
„Whither?" Dann folgte „Oenone" und „Aphrodite". Seine
Linien sind graziös, leicht, mit gefälliger Farbe, verbunden
mit einer sehr geschickten Manier des Vortrages. Vor allem
aber hatte er dadurch grossen Erfolg, dass er weibliche
Schönheit in einer ungemein sympathischen Weise auszu-
drücken verstand. Das genannte Bild, „Aphrodite" auf den
blauen Wogen des Meeres treibend, hatte einen ungewöhn-
lichen Beifall in Paris. 1887 wurde der Meister zum Direktor
der Kunstschule ernannt. Seit dieser Zeit malte er selbst
nur wenig und stellte fast gar nicht mehr aus. Wie es
wohl nicht anders zu erwarten war, interessierte er sich
lebhaft für spanische Kunst, und man konnte ihn häufig in
der „National-Gallery" die grossen alten spanischen Meister
studieren sehen. An Murillo hat er gelegentlich Anklänge,
dagegen gar nichts mit Velasquez gemein. Als seine besten
Bilder gelten die nachstehenden: „DieTochter des Gefangenen-
aufsehers", „Niemals wieder", „LaDemande enMariage", „Die
englische Gesandtschaft in Paris während der Bartholomäus-
nacht", „Die Waisen", „Auf ihrem Wege zum Thron", „Die
Jungfrau von Orleans", „Ruth und Naomi". In seinen
letzten Jahren dekorierte Calderon vielfach die Häuser von
Kunstliebhabern durch Wandmalereien von Blumen und

FrÜChten- SCHLE.N.TZ.

P. Düsseldorf. — Am 25. April starb nach kurzer
Krankheit kurz vor seinem 70. Geburtstage Benjamin
Vautier. Der Verstorbene ist neben den beiden Achen-
bach wohl der populärste Düsseldorfer Maler gewesen.
Er verkörperte gewissermassen eine ganze Richtung, die fast
ein Menschenalter für die deutsche sogenannte „Genremalerei"
massgebend gewesen ist. Vautier wurde am 27. April 1829
in Morges am Genfer See als Sohn eines Pfarrers geboren,
studierte zunächst bei Hebert und Lugardon in Genf, um
sich der Miniaturmalerei zu widmen, ging aber dann nach
Düsseldorf, wo er Schüler von R. Jordan wurde. In dem
Bauernleben seiner Heimat und des Schwarzwaldes fand er
jene Motive, die, mit grosser Liebenswürdigkeit und Natür-
lichkeit behandelt, seinen Ruf in Kürze begründeten. Was
Berthold Auerbach mit seinen Dorfgeschichten für die
Litteratur, das bedeutet Vautier mit seinen Bauernbildern
für die zeitgenössische Malerei. Seine zahlreichen Bilder,
die er in der ersten Zeit figurenreicher komponierte, als in
den letzten Jahren, sind durch Vervielfältigungen aller Art
so bekannt geworden, dass von einer Aufzählung an dieser
Stelle abgesehen werden kann. Vautier ist in den letzten
Jahren künstlerisch nicht mehr an die Öffentlichkeit getreten.
Seine Werke sowohl, wie die Liebenswürdigkeit und Lauter-
keit seines Charakters sichern ihm ein ehrenvolles und
sympathisches Andenken.

H. A. L. Der Bildhauer Heinrich Bäumer ist in Dresden
am 27. April gestorben. Er war als Sohn eines wenig be-
mittelten Tischlermeisters am 25. Februar 1836 in dem west-
fälischen Städtchen Warendorf geboren und hatte sich ohne
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