Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.

HERAUSGEBER:

ULRICH THIEME und RICHARD GRAUL

Verlag von SEEMANN & Co. in LEIPZIG, Gartenstrasse 17.

Neue Folge. IX. Jahrgang. 1897/98. Nr. 10. 30. Dezember.

Redaktionelle Zuschriften nimmt ausser Herrn Dr. U. Thieme, Leipzig, Erdmannstr. 17 auch Herr Dr. A. Rosenberg,
Berlin SW., Yorkstrasse 78 entgegen.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet S Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeitschrift für bildende
Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. - Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und Verlags-
handlung keine Gewähr. Inserate, ä 30 l'f. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen ausser der Verlagshandlung die Annoncenexpeditonen von Haaselt-
stein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

DAS MUSEO CORRER IN VENEDIG.

VON ERNST STEINMANN.

Nachdem schon vor zwei Jahren Akademie und
Museo Archaeologico durch Venturis erfahrene Hand
vollständig neu geordnet worden sind, ist nun endlich
auch vor kurzem die Aufstellung und Trennung der
unermesslichen Kunstschätze im Museo Correr nach
künstlerischen Gesichtspunkten zur That geworden.
Allerdings fehlt zur Zeit noch die Numerirung der
Kunstwerke, und den neuen Katalog verheisst man uns
erst fürs nächste Frühjahr, aber die Einrichtung der
Zimmer, die Aufstellung der Gemälde, Waffen, Majo-
liken, der Plaketten-, Münz- und Cameensammlung ist
vollendet. Man schreitet heute durch den Waffensaal des
Mittelgeschosses, dessen säulengetragene Loggien sich
auf den Kanal Grande öffnen, vorbei an zwei Terrakotta-
büsten Alessandro Vittorias in eine Flucht von fünf
Kabinetten, wo in etwas gedrängten Reihen das Mittel-
gut der Galerie, nach Schulen geteilt, untergebracht
ist. Hier hängen die Kreuztragung Palmezzanos,
Madonnen von Bocaccino und Bissolo, die Heim-
suchung Carpaccios und — leider viel zu hoch — ein
ausgezeichnetes Frauenporträt in scharfem Profil, ein
Pier della Francesca in venezianischer Verkleidung.
Hier hängen die wenigen flämischen und holländischen
Meister in bestem Lichte, und endlich ist ein beson-
deres Kabinett für die reizenden Genrebilder Pietro
Longhis, die Veduten Canalettos, den „Maskenball"
und den „Klosterbesuch" Quadris und endlich für
einige skizzenhafte Bilder Tiepolos und Piazzettas
reservirt. Der Sammlung Morosini ist ein besonderer
Raum geweiht, in den man gelangt, wenn man in den
Waffensaal zurück schreitet: ein wahres Museum von
Trophäen versunkener venezianischer Herrlichkeit, das

überaus malerisch dem Barockgeschmack der Gegen-
stände entsprechend ausgestattet ist Es folgt jetzt in
den anstossenden Sälen die überaus reiche und wohl-
geordnete Sammlung von Plaketten und Münzen, eine
Kostümsammlung, eine Ausstellung alter Spitzen, alter
Stoffe, zahlloser Luxusgegenstände an Fächern, ge-
schnittenen Steinen, Gläsern, köstlichen Geschmeiden
— kurz der ganze Reichtum der alten Venezianer scheint
hier noch einmal dem Auge der Nachwelt seine Wunder
entfalten zu wollen. Ein kleiner Rokoko-Salon mutet
uns besonders an. Hier bewundern wir die reizendsten
Möbel, eine n Portantina", zierlichste Gerätschaften, und
an den Wänden hängen Sittenbilder von Longhi,
Veduten von Quadri und die köstlichsten Porträte
der Rosalba Carriera. Was man von den Arbeiten
des Alessandro Vittoria aus der Rosalien-Kapelle von
San Giovanni e Paolo dem Brande entrissen hat, ist
in einem besonderen Gemache vereinigt; meist sind
es Bronzen, darunter der berühmte Kandelaber, aber
auch die Marmorfragmente sind hier mit peinlichster
Sorgfalt gesammelt und aufgestellt.

Die Majoliken des Museo Correr gehören zu den
schönsten Italiens; wurde doch von Morelli Timoteo
Viti selbst für die Zeichnung der aus 17 Gefässen be-
stehenden Credenza verantwortlich gemacht, die sich
in weitläuftigem Raum in grossen Glasschränken mit
den Glasarbeiten von Murano aufs glänzendste präsentirt.
Das Bibliothekzimmer, in dessen Schränken früher diese
köstlichen Gefässe bewahrt wurden, schliesst sich gleich
daran; hier kann man an alten Einbänden Studien
machen und das Auge an einer Fülle von feinen
farbenprächtigen Miniaturen erfreuen.

Mit der eigentlichen Gemäldegalerie schliesst die
Flucht der Zimmer ab. Es sind nur noch zwei Räume.
Im ersten sieht man die Altvenezianer, die zum grossen
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