Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Khnopff auf seine Art? Entkleide die Kunst ihres
mystischen Zaubers, ihrer nie auszuschöpfenden Rätsel-
tiefe, und was bleibt von ihr übrig? —

Eine wundervolle Marmorbüste zeigt Khnopff als
Bildhauer ersten Ranges. Wer diesen Frauenkopf
genau betrachtet, findet Rätsel auf Rätsel in ihm ver-
borgen, die zu lösen kein Verstand der Verständigen
vermag. Eine Mischung von flämischem Typus und
heroischer Kraft — ein weiblicher Imperatorenkopf.
Auf vollen Schultern ein kräftiger Hals, breite Backen-
knochen, unter energischen Brauen ein Paar hellblau-
graue Augen, hohe Stirn und feiner Haaransatz, der
stolze Mund mit kleinen feingeschwungenen Lippen
und die Nase gerade, mit leise geblähten Nüstern:
das ist ein Typus, der zu denken giebt. Und auch
hier Anklänge an den in so vielen Variationen wieder-
kehrenden Idealkopf, an dem sich der Künstler zu
berauschen scheint, wie in verzückter Anbetung eines
Idols. Mich mahnt dieser weibliche Kopf, halb Engel,
halb Dämon, mit seinem leicht englischen Typus an
ein ähnliches Idealbild: Rossetti's „Beate Beatrice",
dessen Original den painter-poet zu den herrlichsten
Schöpfungen begeisterte und ihm zugleich wie ein
Vampyr das Mark aus den Knochen sog. Solche
Frauen treten dem Künstler wie ein Fatum in den
Weg, indem sie sein ganzes ferneres Schaffen bestimmen,
im Guten und im Bösen den Inhalt seines Denkens
monopolisiren; es sind die, welche unter Tausenden
das geträumte Ideal in sich verkörpern, Fleisch ge-
wordene Heilige, Erfüllungen tiefverborgenster Sehn-
sucht. Und wie unter Tausenden nur ein Ideal, so ist für
den Künstler das verkörperte Ideal vielgestaltig unaus-
schöpflich, nie zerrinnend und jenseits von Gut und Böse.
So erscheint es in allen Metamorphosen — als Weib,
Engel, Sphinx — wie bei Khnopff und Rossetti. Da ist
eine kleine Zeichnung mit Silberstift auf grauem Papier,
„Tennis-Spielerin" benannt; wieder derselbe Kopf,
wenn auch in moderner Umgebung, immer derselbe und
doch nie der gleiche. Man betrachte das grosse Ölbild
»Die Liebkosung". Mit Raubtiertatzen karessirt diese
Tigersphinx den Jüngling; aber ihre Krallen sind ein-
gezogen und mit einem undefinirbaren Ausdruck
wollüstigen Triumphes, halb geschlossenen Auges,
lehnt sie den Kopf — wieder denselben Rätselkopf
— lüstern und schmeichelnd an seine Knabenwange.
Merkwürdig, dass ein solcher Symboliker ein einfaches
Stück Naturausschnitt (wie das „Stille Wasser") mit
gleicher Liebe und Vertiefung malen mag! Und doch
wieder eigentlich nicht, denn das beweist eben die
Richtigkeit der Voraussetzung, von der ich ausging.
Dieses Bild (in der Februarmimmer des „Studio"
reproduzirt) und ein anderes kleines landschaftliches
Stück (Pastell), nebst zwei Zeichnungen und die eben
besprochene liebkosende Sphinx, haben bereits ihre
Liebhaber gefunden, ein Zeichen für das Ver-

ständnis, oder mindestens das Verlangen des kauf-
kräftigen Publikums nach dem mystischen und sym-
bolischen Element in der Kunst. Wer das nicht
merkt, verkennt den Zug unserer Zeit, die den Na-
turalismus (im platten Sinne) überwunden und viel-
leicht im Grunde niemals ehrlich an sein allein selig-
machendes Evangelium geglaubt hat.

(Fortsetzung folgt.)

W. S CHOL ERMA NN.

DIE AUSSTELLUNGEN DER AQUARELLISTEN
UND PASTELLISTEN IN PARIS.

Die französischen Aquarellisten und Pastellisten,
die bei den grossen Salons von der Hängekommission
und besonders vom Publikum ziemlich stiefmütterlich
behandelt zu werden pflegen, veranstalten seit einigen
Jahren im Monat April Sonderausstellungen, und zwar
mit stetig wachsendem Erfolge. Die heurige Aus-
stellung der Aquarellisten in der Galerie der Champs
Elysees ist weitaus die beste der letzten Jahre, und
die der Pastellisten bei Georges Petit reiht sich ihrer
schönen Vorgängerin würdig an.

Was zunächst auffällt, ist die fast völlige Ver-
wischung der Grenzen der verschiedenen Techniken.
Wirkungen, die früher der Ölmalerei allein vorbehalten
schienen, sucht man jetzt nicht nur mit den Pastell-
stiften, sondern sogar mit der Wasserfarbe zu erreichen.
Ouignard giebt auf einem grossen Bilde die unendlich
melancholische Stimmung eines trüben Tages in
weiter Sumpflandschaft prachtvoll wieder (le Marais
dans les Landes), Muenier weiss auf seinem „Brouillard
dans la prairie" den ganzen Zauber des leichten Nebels
zu schildern, der an kühlen Herbstmorgen auf der
Wiese liegt. Oirardot und Dinet haben farben-
sprühende Scenen aus dem Orient dargestellt. Maurice
Faure giebt einen kräftigen weiblichen Akt in künst-
lich greller Lampenbeleuchtung, und La Touche ver-
steht sogar in seinen „Jüngern von Emmaus", der
„Kreuzabnahme", der „Stiftsversammlung" etc. die
Wasserfarben für seine höchst interessanten kolo-
ristischen Experimente dienstbar zu machen. Nicht
allen Künstlern sind allerdings ihre Versuche geglückt,
Maximilienne Ouyon erreicht auf ihrem „Im Theater"
— einem Herrn und einer Dame im Gespräch in
einer Loge — bei weitem nicht die intensive Farben-
wirkung, an die wir bei der Darstellung solcher
Scenen im Ölbild oder Pastell gewöhnt sind. Im Por-
trätfache scheint die Aquarelltechnik für die Dar-
stellung charaktervoller Männerköpfe besonders un-
günstig zu sein. Um so schöner sind einige Kinder-
bildnisse. Allen voran steht hier der liebenswürdige
Boutet de Monvel, dessen reizenden Kinder- und
Märchenscenen man im vorjährigen Marsfeldsalon ja
einen ganzen Saal eingeräumt hatte. Es lässt sich
nichts Anmutigeres denken als die schlanke Gestalt
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