Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Eine Zeichnung von Baidung Grien. — Bücherschau.

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vorteilhaften Pakt abzuschliessen. Sie sind das den
Leuten, die Geld und Qgmüt zugleich besitzen, ohne-
hin schuldig. Denn es ist nicht zu verkennen, dass
der moderne Naturalismus — man mag ihn so hoch
schätzen, wie man will — doch die Genremalerei so
gründlich verdrängt hat, dass sie selbst in Düsseldorf
ihren alten Nährboden verloren hat. In Berlin ist
noch weniger davon zu finden. Ein paar Bilder von
Paul Meyerheim, von Brausewetter, Dielitz, E. Henseler,
Qenzmer sind alles, was uns noch an die entschwundene
Pracht erinnert.

Mit der Geschichtsmalerei ist es noch schlechter
bestellt. Wer nicht einen festen Auftrag hat, wagt
sich nicht mehr an so kostspielige Unternehmungen
heran, und was wir dann von Bildern zu sehen be-
^ kommen, die auf Bestellung gemalt sind, ist gerade
nicht geeignet, eine tiefe, nachhaltige Erregung hervor-
zurufen. Zwei Bilder unserer Ausstellung, die im
Auftrage des Kaisers gemalt sind, beweisen das: die
»Ritterweihe vor der Schlacht", eine ohne lange Er-
klärung unverständliche Episode aus der Geschichte
Kaiser Heinrichs VII., von Hermann Knackfuss, und
eine für eine Regimentsgeschichte wichtige Erinnerungs-
tafel aus den Befreiungskriegen (1814) von dem pol-
nischen, nach Berlin übergesiedelten Maler Adalbert
von Kpssak. Zwei fleissige, gediegene Arbeiten, die
Hochachtung fordern, aber weder durch ihren Inhalt
noch durch ihre Darstellung begeistern. Beides hat
diesmal Anton von Werner mit seinem Bilde „Kaiser
Wilhelm der Grosse auf dem Sterbelager" erreicht.
Das Gegenständliche, das übrigens nicht in allen
Punkten der Wirklichkeit entspricht und auch einen,
den Werner'schen Bildern sonst völlig fremden melo-
dramatischen, fast sentimentalen Zug hat, lassen wir
beiseite. Für die rein künstlerische Betrachtung bildet
die Behandlung des Helldunkels den vornehmsten Reiz,
und hier hat der Künstler selbst denen, die sich sonst
gegen seine trockene, aber wahrheitsgetreue Geschichts-
erzählung ablehnend verhielten, volle Anerkennung ab-
gezwungen. ADOLF ROSENBERG.

EINE ZEICHNUNG VON BALDUNG GRIEN.
Mit der Kunstsammlung Landsinger kam im
April 1890 durch H. Helbing in München auch eine
wertvolle Kollektion alter, vorwiegend italienischer
Handzeichnungen zur Versteigerung. Unter den
Blättern, die an den Besitzer, den bekannten Münchener
Maler und Radierer Sigm. Landsinger, zurückgingen,
befand sich ein weiblicher Studienkopf, den der j
Katalog (Nr. 326) einem „Nürnberger Meister", eine j
frühere Aufschrift auf der Rückseite „Aldegrever"
zuschrieb. Mit Recht hat jedoch Ad. Bayersdorfer
in der etwas beschädigten Kreidestudie neuerdings
eine Originalzeichnung Baldung's erkannt. Sie zeigt

auf bräunlich getöntem Papier eine nur in den Um-
! rissen angelegte Frauenbüste, im Dreiviertelprofil
nach rechts gewendet, das offene, emporgewehte Haar
— ein Lieblingsmotiv des Meisters — in leichten
Löckchen geringelt (25,5x15,5 cm). Obschon eine
schwächere Leistung des so ungleichen Künstlers,
bietet das Blatt Interesse durch die Jahreszahl 1536,
die es in einer von Baidung auch sonst auf Zeich-
nungen gebrauchten, übergrossen Frakturschrift im
rechten Unterecke trägt. Derselben Zeit wie unsere
Skizze entstammen nämlich offenbar die merk-
würdigen, trotz ihres grossen Massstabes sehr durch-
geführten Kreideköpfe der Maria und einer Anzahl
Apostel im Baseler Museum, die wohl für ein ver-
lorenes oder verschollenes Gemälde des Meisters be-
stimmt waren. Das Marienbrustbild der Folge — das
Rieffei kürzlich, ohne ausreichendem Grund, für Grüne-
wald in Anspruch genommen hat (Zeitschr. f. christl.
Kunst, X, 168) — zeigt die grösste Verwandtschaft
mit der vorliegenden flüchtigen Modellstudie, geht
vielleicht unmittelbar auf sie zurück. Die Apostel-
köpfe aber nähern sich in ihrer harten, trockenen
Behandlung bereits dem Joseph auf dem 1539 da-
tierten Bildfragment einer „Anbetung des Jesukindes"
in der Karlsruher Kunsthalle. Auf Grund der Jahres-
bezeichnung des Münchener Kopfes müssen also die
Baseler Kartons, die, weil sie zum Teil ältere Typen des
Meisters wiederholen, bisher als Produkte seiner
mittleren Zeit galten, vielmehr seinem letzten Jahr-
zehnte zugewiesen werden; damit ist aber für die
Chronologie der spätesten, nur selten datierten Ar-
beiten Baldung's ein nicht unwichtiger Anhaltspunkt
gewonnen. st—y.

BÜCHERSCHAU.

Kritische Studien zur Ästhetik der Gegenwart von

Hugo Spitzer. Leipzig und Wien, Verlag von Carl

Fromme, 1897.
In der sehr undankbaren Form von Recensionen neuer
fachwissenschaftlicher Werke hat der Verfasser, Professor
der Philosophie an der Grazer Universität, eigene Gedanken
und eigene Forschungen zur Geschichte der Ästhetik nieder-
gelegt; um nun diese im „Euphorion" gedruckten Aufsätze
weiteren Kreisen bekannt zu machen, hat er sie in dem vor-
liegenden Buche vereint herausgegeben. Ob er seinen Zweck
erreichen wird? Spitzer schreibt einen weitläufigen, schwer-
fälligen Stil; seine Perioden erstrecken sich oft über zwanzig
bis dreissig Zeilen und sind mitunter recht mühselig zu ver-
stehen; auch fehlt seiner Sprache Anschaulichkeit; man hört
einen Mann reden, der fast ängstlich die unmittelbare Be-
rührung mit den Dingen der Welt zu vermeiden scheint
und sich in den Mantel des Gelehrten hüllt. Lässt man sich
aber nicht die Mühe verdriessen, seinen altmodisch einge-
schachtelten Sätzen zu folgen, so merkt man bald, dass ein
scharfsinniger und sehr gelehrter Herr spricht. Spitzer
bespricht folgende Werke: »Vom charakteristisch Schönen"
von Th. Alt; „Die Philosophie des Metaphorischen" von
Biese; „Geschichte der neueren Psychologie" von Dessoir;
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