Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

Page: 291
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1898/0154
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Bücherschau.

292

völlig frei, wird die Plattform auf der Rückseite durch
niedrige Ballustraden abgeschlossen, die aber in der
Mitte der Hinterseite Raum für eine 8 Meter breite
fünfstufige Treppe lassen, welche durch schlanke
Pylonen geziert ist. Die Pylonen von obeliskenähn-
licher, etwas beängstigender Schlankheit tragen im
Fluge herbeieilende Viktorien, welche den siegge-
krönten Kaiser mit Lorbeerkränzen schmücken wollen.
Pylonen und Viktorien erreichen fast die Höhe der
Reiterfigur des Kaisers. Gestalt und Haltung der
Viktorien ist die konventionelle antike. Den vorderen
Abschluss der Ballustraden an den Enden der längeren
Queraxe bilden zwei niedrige Gruppen von je drei
sitzenden allegorischen Figuren auf niedrigen Posta-
menten. Die Allegorien sind durch die bekannten
ihnen beigegebenen Attribute verständlich. Links vom
Beschauer bilden die Metall- und die Textil-Industrie
eine Gruppe mit dem Handel, den sie in ihre Mitte
genommen haben, und rechts schauen Wissenschaft,
bildende Kunst und Tonkunst ehrerbietig zu der
Kaiserfigur auf. Die Gruppen sind natürlich und
nicht übermässig bewegt entsprechend dem Gesamt-
charakter des Denkmals.

In der Mitte der Plattform erhebt sich der mässig
(etwa 7—8 Meter) hohe Sockel für die etwa 6 Meter
bis zur Helmspitze messende Reiterfigur des Kaisers.
Sich nach oben verjüngend ruht der Sockel auf zwei
Stufen und ist an den senkrechten Kanten mit Voluten
geschmückt, zwischen denen die Hochreliefs der Seiten-
felder Platz finden. Die Reliefs leiden vor allem an
dem Mangel, dass man unbedingt der Erläuterung
des Künstlers bedarf, um zu erkennen, was sie be-
deuten sollen. Reichsschild, Reichsschwert und Reichs-
krone, welche auf der Stirnseite den Sockel zieren
und den Namen Wilhelm I. einschliessen, sind ja ver-
ständlich. Vergeblich habe ich aber nach einer Deu-
tung der kleinen Gruppe an der Rückseite gesucht
und gefragt. Für die beiden grossen Reliefs an den
Längsseiten des Sockels liegt eine Erläuterung des
Künstlers vor, mit der sie sich verstehen lassen. Das
zur Linken des Kaisers will die Vereinigung von
Nord und Süd unter der deutschen Flagge durch
zwei Frauengestalten verkörpern, die sich die Hand
reichen, aus denen aber nicht möglich ist herauszu-
finden, dass sie Nord und Süd bedeuten sollen. Das
Relief zur Rechten des Kaisers zeigt eine weibliche
Figur, die in einem Muschelwagen von Seepferden durch
die Wogen gezogen wird; eine heroldartige Figur mit
dem Hamburger Wappen am Wams hält schützend über
die weibliche Figur eine Flagge. Der Künstler will,
dass man in dem Relief den deutschen Handel unter
dem Schutze der deutschen Seeflagge erkennen soll.

Ein Meisterstück in der Auffassung, dem man
ansieht, dass der Künstler mit Liebe und Hingebung
der Aufgabe sich widmete, ist die Figur des Kaisers.

Auf edlem trefflich modellirten Pferde, das in dem
Augenblicke dargestellt ist, wo es der Reiter in
ruhiger Gangart angehalten, sitzt die Gestalt des
Kaisers, lebenswahr, ohne Pose, wie man ihn so
oft gesehen hat, als schaute er betrachtend auf etwas
hin, was ihn interessirt. Er wird auf dem Rathaus-
markte nach der Rathausfront hinschauen, die mit den
Bildsäulen grosser deutscher Kaiser geschmückt ist.
Der Mantel ist auseinander geschlagen und zeigt die
Interimsuniform des Generals, welche Helm und Säbel
vervollständigen. Die Hände hat der Kaiser über den
Zügeln zusammengelegt. Reiter und Pferd bilden ein
harmonisches Ganzes und finden allgemeine Anerken-
nung auch in Kreisen, in denen man sonst mancherlei
am Denkmal auszusetzen weiss. Der Gesamtein-
druck des Denkmals ist ein ruhiger, beschaulicher,
wenn man so sagen darf, akademisch korrekter. Es
ist eine in allem wohl abgewogene Arbeit, der aber
leider, das ist die Ansicht vieler hiesiger künstlerischer
Kreise, der grosse Zug fehlt.

Als Material für die Ausführung ist bei der Platt-
form deutscher Granit und Mosaikpflaster, für die
architektonischen Teile roter polirter schwedischer
Granit und für die Figuren, Reliefs und Ornamente
Bronze gedacht. Die Kosten der Ausführung sind
mit 750000 Mark anscheinend zu niedrig veranschlagt

H. S. ELBA.

BÜCHERSCHAU.

Theodor Lipps, Raumästhetik und geometrisch-optische
Täuschungen. (Mit 183 Figuren und einer Tafel.) Leipzig,
J. A. Barth, 1897. 8". VIII und 424.

Das interessante Buch lässt sich hier nur seiner Tendenz
nach charakterisiren, nicht auszugsweise mitteilen. Der Ver-
fasser geht aus von dem psychologischen Thatbestand, dass
alle Formen auf Thätigkeit gedeutet werden. Die Säule ist
im Augenblick der ästhetischen Anschauung nicht ein ruhen-
des Gebilde, sondern ein Wesen, dass sich seine Form selbst
giebt, das aufsteigt, sich zusammen nimmt, den Eindruck
des Widerstandes erfährt und überwindet u. s. w. Nicht
nur eine reiche Kunstform, schon die blosse Konfiguration
von ein paar Punkten, eine Linie, eine abgegrenzte Fläche
hat eine bestimmte Tendenz, entwickelt eine ihr eigentüm-
liche Thätigkeit. Was Lotze darüber im Mikrokosmus kurz
andeutend, aber mit feinem Gefühl geschrieben hat, ist be-
kannt. Lipps beschreibt nun die Thatsachen der ästhetischen
Auffassung der Raumformen systematisch und präcis und
verwendet diese Thatsachen zur Erklärung der geometrisch-
optischen Täuschungen. Warum erscheint ein Quadrat grösser,
wenn eine Seite in der Zeichnung fehlt, als das gleichmässig
umschriebene? Weil die Fläche an der offenen Seite sich
auszudehnen und in die Umgebung hinüberzufliessen scheint.
Es ist die allgemeine Regel, dass man das Begrenzte als
solches unterschätzt, denn im begrenzten Raum wirkt die
begrenzende Thätigkeit als wesentlicher Eindruck und die
entgegenwirkende Ausdehnung oder Ausbreitung erscheint
nur als sekundäre Tendenz. In dieser Art gelingt es dem
Verfasser, die mannigfaltigen geometrisch-optischen Täu-
schungen aus einem einheitlichen Gesichtspunkt zu erklären.
loading ...