Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Ausstellung japanischer Buntdrucke.

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damit man sie nicht etwa mit den hochachtbaren
Damen verwechselt, die hintenherum knoten. Die
letzteren sind sämtlich ehrbar. Ein reizendes Bild von
Utamaro zeigt zwei niedliche Kurtisanen mit zwei
Katzen, die im Zimmer auf und ab gehen. An der
Wand hängt ein Bild des japanischen Vesuv, des
schneebedeckten Fusijama. Über dieses grosse Land-
schaftsbild lässt nun Utamaro ein kleineres herunter-
hängen, auf dem er die beiden unten parodirt. Oben
gehen ebenfalls am Fusse des Fusijama zwei Damen
spazieren, aber sie haben sich hinten geknotet, und
die vordere blickt mit so viel Verachtung, wie in Japan
in sein Gesicht zu legen, einem anständigen Menschen
erlaubt ist, auf die beiden Kätzchen herunter.

Denn, auch das muss nebenbei bemerkt werden,
der vornehme Ostasiate soll sein Gesicht so in der
Gewalt haben, dass man ihm keine Seelenregung an-
sehen kann. Er muss bei seiner Hochzeit dasselbe
Gesicht machen wie beim Harakiri, wo er sich vor
feierlich versammelter Familie den Bauch aufschlitzt.
Sich gleich bleiben ist die Forderung der Aristokratie
drüben wie bei uns. Daher kommt es, dass ein
Künstler, wenn er die Vornehmen darstellt, oder die,
welche es den Vornehmen nachmachen, in das Gesicht
gar keinen Ausdruck legen darf. Man sehe sich die
fünf Blätter Harunobu's an, die Kiyonaga's und die
Utamaro's, und achte auf die Gesichter: wo Ausdruck
darin ist, wird im ganzen Körper keine Ruhe sein,
das prächtige Gewand und vielleicht auch die Um-
gebung werden zeigen, dass das Bild nicht einen
Vornehmen, sondern einen Schauspieler vorstellt.

Mit Harunobu wurden die Schauspieler ein be-
liebter Stoff für Maler, weil sie es ermöglichten, grosse
Farbenpracht in den Gewändern und Charakteristik
in Bewegung und Antlitz zum Ausdruck zu bringen.
Sein Zeitgenosse Shunsho mit seiner ganzen Schule
hat fast nur Schauspieler und Bühnenstoffe behandelt;
von ihm und seinem hochbegabten Schüler Shuncho
sind mehrere Blätter in der Ausstellung zu sehen.
Sein gleichaltriger Freund Sharaku geht noch weiter,
indem er nur die Köpfe solcher Charakterfiguren
macht, die einen Europäer wie Karikaturen anmuten,
aber denen man eine scharfe Beobachtung nicht ab-
sprechen kann. Die schönsten Theaterbilder der Samm-
lung sind: Shuncho's aus zwei Blättern bestehendes
Theaterensemble und Kiyonaga's Theaterorchester.
Shuncho führt uns in ein Sommertheater. Durch ein
Bambusgitter sieht man auf eine graugrüne Landschaft,
der man ansieht, dass es Nacht ist. Im Innern tanzt vorn
ein alter Mann und redet dabei etwas Witziges, wobei
vom Souffleur sein Gesicht mit einem Licht beleuchtet
wird, damit der Zuschauer seiner Mimik besser folgen
kann. Im Hintergrunde steht eine Gruppe von Tän-
zerinnen und das Orchester, bei dem besonders ein
reichgekleideter alter Musikant auffällt. In der Mitte

i brennen Papierlaternen. An diesem Bilde lässt sich
; viel lernen in Bezug auf die Art und Weise, Licht
und Helligkeit ohne Schatten hervorzubringen. Das
andere noch schönere Bild stellt ein Orchester von
drei Männern und zwei Frauen dar. Hier hat der
grösste Meister des Buntdrucks, Kiyonaga, eine Har-
monie der Farbe, der Linie und der Komposition
erreicht, die ihn unter die grossen Künstler aller
Zeiten einreiht. Wie diskret und fein die Gesichter
der von der Musik bewegten Männer! Welches
Ebenmass in den Körpern, welcher Ernst und
welche Grazie in der Gewandung. Leider sind von
diesem grossen Kiyonaga — es ist ein Name, den
sich zu merken verlohnt — nur noch wenige Blätter
in dieser Sammlung, zwei Blätter mit drei vornehmen
jungen Mädchen in reizend einfachen sonnigen
Landschaften, ein Blatt, einen Spaziergang mit Kin-
dern darstellend, und ein humoristisches Blatt, auf
das besonders hingewiesen werden mag. In der Mitte
ist eine Grablaterne und ein Gitter, welches zwei
Gräber voneinander trennt. Vor dem Gitter liegt auf
der Erde eine trostlose junge Witwe, und neben ihr
schluchzt ihre Mutter, indem sie ihren Ärmel an die
Augen hält. Hinter dem Gitter steht in gelber Trauer-
kleidung ein junger Mann, der vermutlich seine Frau
verloren, und neben ihm schluchzt sein Vater, indem
er sich auch mit dem Ärmel die Augen wischt. Das
Lustige ist nun, dass die beiden weinenden Alten noch
Zeit finden, die beiden Jungen anzustossen und sie auf-
einander hinzuweisen. Die Bewegung ist meisterhaft
parodirt. Man denkt dabei unwillkürlich an die alt-
griechische Novelle von der Witwe, die ihren toten
Mann an den Galgen hängt, um dem Wachtposten
für sich das Leben zu retten.

Ist von Kiyonaga leider nicht mehr bei diesem
Anlass zu sagen, so viel mehr von dem decadent der
Schule, von Utamaro, der nicht Mass halten kann,
und besonders mit schwarzen Flächen bis zum Über-
druss operirt. Überlange Figuren, überlange Köpfe,
gezierter Faltenwurf, aber grosser koloristischer Farben-
reiz sind Hauptmerkmale dieses Meisters. Seine Stoffe
wählt er aus allen Kreisen, die gute Gesellschaft, das
Theater und die Halbwelt sind ihm gleich vertraut.
Aus der guten Gesellschaft ist in der Sammlung eine
Falkenjagd der Tokugawa, d. h. der eigentlich regieren-
den Shogunfamilie, und viele Kinderstuben und
Toilettenscenen. Reizend schildert er die Mutter-
freuden und die Spiele der jungen Mütter mit ihren
Kindern. So schildert er eine junge Mutter, die ihr
Kind auf den Schultern trägt und sich so weit vorn-
überbeugt, dass das Kind ihre beiden Köpfe im Spiegel
eines Brunnens sehen kann. In Linie, Farbe und Idee
ist das ein Blatt, das jeden anspricht. Wäre Utamaro
ein Europäer und hätte „Guck, guck" darunterge-
schrieben, erwäre sofort ständigerMitarbeiteram Daheim
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