Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Die neuen Erwerbungen und die Neugestaltung der Nationalgalerie in Berlin.

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Weib auf einer Riesenharfe der wilden Melodie mit
sanfterem Nachhall antwortet. Die Bewegung der an-
stürzenden und wieder zurückrieselnden Flut ist mit
ausserordentlichem Pathos gegeben; dem aufblinkenden
Glanz ordnet sich auch _ das rotviolette, in scharfen
Lichtern glitzernde Gewand des Weibes ein. Im Verein
mit den schon vorhandenen Werken wird Böcklin
nun in Berlin, das ihn so lange eigenwillig verkannt
hat, glänzender als irgendwo in Norddeutschland ver-
treten sein. Und jedes dieser fünf Bilder wird den
Meister von einer ihm ganz eigenen Seite zeigen.

Wilhelm Leibl's „ Dachauer Bäuerinnen" füllen eine
vielleicht noch empfindlichere Lücke als die beiden
Böcklinbilder, denn der grosse Münchener Kolorist, eine
von den weitabgewandten Naturen, war bisher in der
Berliner Sammlung nicht vertreten. Die lebensgrossen
Bäuerinnen in dem stillen Licht ihrer primitiven Häus-
lichkeit bezeugen aufs glücklichste Leibl's eminente kolo-
ristische Feinfühligkeit und die niemals übertreibende
Wahrhaftigkeit seiner Charakteristik. Es ist ein Genuss
zu beobachten, wie der beschränkte Hochmut des
jungen Weibes dem freundlichen Zureden der Alten
trotzt, wie das wundervoll gedämpfte und doch wieder
führende Rot der lang herunterhängenden Schleifen-
bänder durch die schwächeren und die indifferenten
Töne des Bildes hindurchgeht, dort an den Hauben
wieder zum Vorschein kommt, am Saume der tief-
schwarzen Gewänder aufblitzt und im Kissen auf der
Bank mild erglänzt, wie es in einen zarten und doch be-
stimmten Gegensatz zu dem Grau der getünchten Stein-
wand tritt und immer aufs Neue die farbige Haltung
bestimmt. Die Modellirung ist weich ohne Weichlich-
keit, der Kontur so im Licht gelöst und verschmolzen,
dass sich z. B. der Kopf der jungen Bäuerin nicht
völlig vom Hintergrunde abhebt. Das hervorragende
Werk, eines der schönsten, die Leibi überhaupt ge-
malt hat, stammt aus seiner reifsten Zeit, dem Ende
der siebziger Jahre, und befand sich bisher in Pariser
Privatbesitz.

Leibl's Schüler Wilhelm Träbner tritt mit einer
seiner ernst und tief gestimmten Landschaften auf,
deren Motive er auf Herrenchiemsee gefunden hat.
Diesmal ist es ein schmuckloses weisses Haus auf
der Höhe unter schattigen alten Bäumen mit einem
etwas studienhaft leeren Vordergrund in jenem tiefen
Altbronzegrün, das Trübner's beste Arbeiten kenn-
zeichnet. Auch dieses Bild ist schon über zwanzig
Jahre alt; für Trübner aber muss man in die sieb-
ziger Jahre zurückgehen, um Arbeiten zu finden, denen
seine heutige Manirirtheit noch fremd ist.

Bei weitem nicht die gleiche Anerkennung können
wir den beiden Bildnissen zollen, mit denen die Ga-
lerie bereichert wurde. Lenbach's »Fürst Hohenlohe"
erhebt sich zwar über das handwerksmässige Niveau
fast aller seiner neueren Arbeiten, aber, den gut

modellirten Schädel ausgenommen, fehlt es dem
Kopf an Rundung und Plastik, die bei dem von
Lenbach beliebten Verzicht auf lebhaftere Farben-
gebung und bei dem lässig zusammengestrichenen
Hintergrunde nur durch eine um so gewissenhaftere
Formbehandlung zu erzielen gewesen wären. Die
Sucht, durch einen rein äusserlichen Effekt zu frap-
piren, verrät sich besonders störend in der Stellung
und im Glänze des linken Auges, während das
zur Hälfte sichtbare rechte mit dem Knochenbau über-
haupt keinen organischen Zusammenhang mehr hat.

Lediglich auf den Effekt hin hat auch Max Koner
das Porträt Ernst Curtius' gemalt, das ihm vom
Staate aufgetragen wurde. Trivial in der Farbengebung
kommt das Bild in seinem etwas anspruchsvoll-gefall-
süchtigen Breitformat auch mit seiner Charakteristik
über das Triviale nicht hinaus. Es ist kein sonder-
lich würdiges Glied in der Reihe der Gelehrtenbild-
nisse von Knaus und Scheurenberg oder der Dichter-
porträts von Stauffer-Bern und Henseler. Vom „hellen
Griechenblick" dieses erst im hohen Alter getrübten
Auges, von der tönenden Beredsamkeit dieses edel ge-
formten Mundes hat der Maler nichts zu bannen ge-
wusst. Und nur mit Mühe täuscht die pathetische
Gebärde über die philiströse Auffassung.

Den alten Bestand der Sammlung ergänzen aufs
glücklichste drei Bilder zweier längst verstorbener
Meister, Waldmiillefs und Schmitson's, die beide der
Wiener Schule angehören, und von denen Schmitson,
der jung verstorbene, jetzt erst zu wahrer Beachtung
gelangen wird. Das grössere der Schmitson'schen
Bilder „Auf der Weide" wurde auf der Auktion Hoyos
erworben, das kleinere „Pferde in der Steppe" ge-
langte als v. Normann'sches Vermächtnis an die Galerie.
Mit vollendeter Meisterschaft beherrscht Schmitson in
seinem grossen Tierstück alle Wirkungen des Lichtes,
wie es in der heissen Atmosphäre zittert, wie es auf
den Bäumen und Gräsern hin und her schwankt, wie
es über das blanke Fell der Rinder hinwegspielt. Und
das zu einer Zeit, da man noch mit Vorliebe sich in
den goldigen Dämmerungen des Galerietones erging.
Das kleinere Bild der ungestüm dahinjagenden Pferde
zeigt nicht ganz die gleichen Vorzüge; das rasende
Vorwärtsstürmen in staubiger Atmosphäre ist aber auch
hier treffend gegeben. In noch weiter zurückliegen-
den Jahrzehnten hat sich Ferdinand Waldmüller mit
Energie dem Freilicht zugewandt, und wenn auch die
„Heimkehr von der Kirchweih" mit den prall von
der Sonne beschienenen, rotbäckigen Kindergesichtern
schliesslich etwas bunt ausgefallen ist, so nimmt diese
Arbeit doch wegen des ausgesprocheneren Licht-
studiums und der schönen in leisen Hügeln an-
steigenden Landschaft den Vorrang vor dem der
Galerie bereits angehörigen Bilde des Künstlers ein.
Die Auflösung der Sammlung Heckscher zu Berlin
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