Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Greisenpaar (Die Sühne) erinnert unmittelbar die
Gruppe „Adam und Eva am Ende ihres Lebens«,
während andere Gruppen (Adam und Eva, Nach dem
Sündenfalle, Adam findet Abels Leiche) wieder mehr
mit Meunier zusammenhängen. Sehr stark war Eber-
lein's Individualität niemals. Aber er hatte sich doch
etwas von einem persönlichen Stil geschaffen, und diesen
scheint er jetzt preisgeben zu wollen.

Ein jüngerer Künstler, Ferdinand Lepcke, ist zu
seinem eigentümlichen Bildwerk „Böses Gewissen«, das
keine Gruppe, kein Relief, überhaupt nichts Land-
läufiges, sondern etwas aus der Vorderseite eines kleinen
Mannorblockes flüchtig Herausgemeisseltes ist, augen-
scheinlich durch Rodin begeistert worden, vielleicht
auch durch Stuck. Ein nackter Mann ist auf der Erde
unter der Last seines Schuldbewusstseins zusammen-
gebrochen, und über ihm fauchen die Rachegöttinnen,
die ihn durch ihre Verfolgung zur Strecke gebracht
haben. Als lustiges Experiment, im Stile Rodin's zu
arbeiten, ist das Bildwerk wohl erträglich. Nachfolger
wollen wir ihm aber nicht wünschen, zumal nicht jetzt,
wo Rodin's Ruhm durch die Ablehnung seines Balzac-
Denkmals in Paris etwas erschüttert worden ist.

An die technischen Bravourstücke der alten Pariser
Schule erinnern die Gruppe „Achill mit dem Leich-
nam des Hektar« von Hans Everding in Kassel und
die auf einer Sau reitende Zauberin Circe von Lud-
wig KUnck. Es ist nicht zu leugnen, dass die kalte,
brutale Art, mit der Achilles einen Riemen durch die
durchbohrte Ferse Hektars zieht, um damit dessen
Leichnam an seinen Siegeswagen zu fesseln und
um die Mauern Trojas zu schleifen, sehr abstossend
wirkt. Aber Künstler, die sich aus den Klassen einer
Akademie in die Höhe ringen wollen, müssen jede
Aufgabe mit voller Energie zu lösen versuchen. Das
ist Everding gelungen, so weit es sich darum handelte, Er-
findungskraft, Kühnheit des Aufbaues und gründliche
Kenntnisse des menschlichen Körpers zu beweisen. Für
den Künstler bedeutet es immer eine Station in seinem
Streben. Er kann schon durch eine Reise nach Rom
von diesem kalten Pathos geheilt werden. Im Gegensatz
dazu ist KHnck's Circe ganz Leben und tolle Sinn-
lichkeit. Es ist für Berlin vielleicht noch etwas zu
gewagt. Aber lange wird es nicht mehr dauern, bis
auch die Unbefangenheit, die die Voraussetzung für
die Schaustellung solcher Kunstwerke bildet, in den
Salons, den Winter- und Sommergärten von Berlin W.
zur naiven Natur geworden ist.

Einen scharfen Gegensatz zu diesen überwiegend
durch moderne ausländische Vorbilder beeinflussten
Bestrebungen erkennen wir in einer beständig wachsen-
den Zahl deutscher Bildhauer, die im Gegensatz zu
der kalten Virtuosität äusserlicher Mache einer Art von
Spiritualismus, einer Innigkeit der Empfindung, die wir als
specifisch germanische Eigentümlichkeiten in-Anspruch

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nehmen möchten, huldigen. Ganz aus deutschem
Boden herausgewachsen ist freilich auch diese Richtung
nicht. Eine neue Kunstentwicklung oder, wie man
jetzt gern sagt, „Evolution« steht immer in einem ge-
wissen Zusammenhang mit irgend einer Vorgängerin.
Ohne einen solchen würde unsere Kunst, was leider
oft verkannt wird, in Barbarei versinken oder ganz
und gar erlöschen. Auffallend ist nur, dass jene
spiritualistische Richtung nicht, was doch ungleich
näher gelegen hätte, an deutsch-mittelalterliche Vor-
bilder, sondern an italienische des 15. Jahrhunderts
angeknüpft hat. Die Anregung dazu haben unzweifel-
haft die Münchener gegeben, zu deren alten Kunst-
überlieferungen der geistige und technische Zusammen-
hang mit Italien gehört. Von den Münchenern, die
dieser Richtung angehören, sind Eduard Beyrcr, O.
Busch und Josef Flossmann auf unserer Ausstellung
würdig vertreten, allerdings mit Werken, die man
schon in München gesehen hat. Doch werden ihre
Arbeiten diesmal von denen zweier Berliner überragt: von
zwei figurenreichen Kolossalreliefs mit zum Teil starker
Erhebung und Absonderung von Gruppen in Form von
Altarbildern von Ludwig Vordermayer und Hermann
Hidding. Das des ersteren stellt den Kreuzestod
Christi, das des anderen eine Madonna mit dem Kinde
in der Engelsglorie dar. Da der Streit über die
Grenzen zwischen Malerei und Plastik wohl als ab-
geschlossen gelten kann und die moderne Ästhetik
oder vielmehr Kunstbeurteilung nur danach fragt, ob
der Künstler seine Absicht erreicht hat oder nicht,
bleibt uns nur die Bejahung dieser Frage übrig. Es
ist jedem in seiner Art gelungen, und als besonderes
Verdienst möchten wir es beiden anrechnen, dass sie
die rein malerische Wirkung ausschliesslich durch das
Material (vorläufig nur Gips) ohne Beihilfe der Farbe
erreicht haben. Auch Max Kruse, der in einer
Sammelausstellung einen Überblick über einen grossen
Teil seines Schaffens giebt, gehört in den wesentlichen
oder doch wenigstens eigenartigen Zügen seiner Kunst
dieser Gruppe an. Neben ihm ist noch Johannes
Hoffart zu nennen, der in einer schlanken lilienhaften,
wie von einem sanften Hauche bewegten weiblichen
Gestalt den kühnen Versuch gemacht hat, die sich
zum Himmel aufschwingende Seele zu versinnlichen.

Von den Sonderausstellungen der jüngst ver-
storbenen Berliner Bildhauer Michael Lock und Nicolaus
Geiger bietet nur die des letzteren ausreichendes
Material zur Beurteilung seines starken, impulsiven
Talents, das wir bald nach seinem Tode an dieser
Stelle gekennzeichnet haben. Auch die Werke des
belgischen Bildhauers Charles van der Stappen sind
bei ihrer vorjährigen Ausstellung in Dresden hier be-
sprochen worden. Indessen enthält die Berliner Aus-
stellung einige interessante Arbeiten, die nicht in
Dresden zu sehen waren: ausser einigen Kleinbronzen

Die grosse Berliner Kunstausstellung.
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