Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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Neue Bilderbestimmungen in der Brüsseler Gemäldegalerie.

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dass folgender Passus bei Carel van Mander genau
auf das d'Oultremont'sche Altarwerk passt:

»Dans la ,Vieille eglise' (Oud Kerck) d'Amsterdam,
il y avait de lui un beau tableau d'autel representant
la Descente de Croix, peinture remarquable et soig-
neusement executee. On y voyat une Madeleine
agenouillee pres d'un linceul pose a terre avec de
nombreux plis et cassures, le tout d'apres nature, selon
la coutume constante adoptee par l'artiste pour ses
draperies.« (Ed. Hymans.)

Die Beziehung auf das Altarwerk ist kaum zu
bezweifeln. Schlagend wirkt besonders die ausführ-
liche Beschreibung des im Altarwerke sehr hervor-
tretenden Leichentuches. Er schreibt also dies Trip-
tychon sowie die anderen stilistisch zusammenhängen-
den Gemälde dem Jacob Cornelisz zu. Stilvergleich-
ungen, die man bei Wauters vermisst, haben mich
zu demselben Resultate geführt. Auf die Überein-
stimmung der Gesichtstypen, des Kolorits, der Falten-
lage, der Dekorationsweise etc. kann ich hier nicht
im einzelnen eingehen. Ich möchte nur auf die Ge-
stalt der Gottesmutter hinweisen, die in ihrer unge-
wöhnlichen Stellung: knieend mit eingezogenen Beinen
und mit im Schmerz zusammengeflochtenen Händen
ganz so auf einem mit dem Monogramm versehenen
Holzschnitte (Brüsseler Kabinett), sowie auf einer in
Dresden, zuerst von Scheibler nachgewiesenen Feder-
zeichnung des Meisters vorkommt1). Auch bitte ich
die Typen und die Faltenlage mit den in der Nieuve-
zyd'schen Kapelle in Amsterdam aufgefundenen Frag-
menten von Wandgemälden zu vergleichen. (Ab-
bildungen in Oud Holland 1895.) Meiner Ansicht
nach ist die ganze Reihe von Gemälden einer noch
nicht erkannten Frühperiode des Meisters zuzuweisen.

Nr. 47: Schule van Orley genannt. Thronende
Maria. Wahrscheinlich spätes Altarwerk unseres
Meisters.

Hendrik Bles. Ausser den ihm in der Galerie
zugeschriebenen Gemälden: die Predigt Johannes' und
die Versuchung des hl. Antonius möchte ich ihm und
seiner Werkstatt noch folgende Werke zuschreiben:
Das grosse Triptychon Nr. 78, die kleineren Nr. 119
und 91. Diese der Ecole Flamande zugeschriebenen
Altarwerke zeigen alle im Hauptfelde die Anbetung
der Könige. Das erste dürfte als eigenhändiges Werk,
das zweite als nicht ganz eigenhändig, das dritte als
Werkstattbild bezeichnet werden2).

Nr. 119: Mabuse genannt. Triptychon. Mittel-
bild: Christus bei dem Pharisäer. Flügel: Auferweckung
des Lazarus und Himmelfahrt Magdalena's. Nach
Vergleichung mit den oben erwähnten und mit an-
deren Werken gehört dies hochinteressante Altarwerk
keinem anderen als dem Bles. Scheibler hat ihm
das Bild zugeschrieben, doch ohne Zustimmung. Ich
muss mich jedoch seiner Meinung anschliessen.

Meister der Himmelfahrt Maria's. Die beiden

1) Die Frauen an des Heilands Kreuz.

2) Die Anbetung der Könige war eine Spezialität Bles'.
Auch das grosse Triptychon in der Brera Nr. 435, Scuola
Tedeschi genannt, gehört ihm, und die kleine, schwache
Anbetung Nr. 386 seiner Schule.

Altarwerke, die Himmelfahrt Maria's darstellend (Nr. 70
und 71, Ecole Flamande genannt), gehören diesem
Meister und sind nicht, wie Fetis meint, von zwei
verschiedenen Händen. Demselben Meister oder seiner
Schule dürften die Stifterbildnisse Nr. 65 und 66 ge-
hören.

Meister der Virgo Deipara (sogenannter Jan
Mostaert.) Diesem Meister, dem irrtümlich zwei gleich
zu erwähnende Altarflügel zugeschrieben sind, gehören in
Wirklichkeit die beiden grossen Tafeln: Nr. 115: eine
Stifterfamilie mit dem Porträt der Heiligen Georg
und Barbara und Nr. 114: Maria als Schmerzens-
mutter darstellend1). Die Komposition der Nr. 185
ist dem Dreiheiligenbilde Memling's in Brügge ent-
nommen, was schon beweisen dürfte, dass der Autor
nicht der von v. Mander hochgepriesene Mostaert sein
kann. Die kleine Anbetung der Könige Nr. 20, Jan
van Eyck zugeschrieben, ist auch mit Mostaert in
Verbindung gebracht worden, steht aber seinem Lehrer
Gerhard Davidjjedenfalls näher.

Barend van Orley. Diesem in Brüssel thätigen
Meister werden in der Brüsseler Galerie verhältnis-
mässig wenige und bis vor kurzem noch wenigere
Werke zugeschrieben. Die Gemälde, die ihm, seiner
Werkstatt und seiner Schule gehören, beschränken
sich jedoch nicht auf die im Katalog erwähnten. Ihm
gehören noch:

Nr. 102—104: Ecole Flamande genannt, Heiligen-
darstellung auf sechs Schmaltafeln.

Nr. 30: Lambert Lombard genannt, »Les Cala-
mites huniaines«. Zwei Hochtafeln, jetzt ein Diptychon
bildend.

Nr. 98: Grosses Triptychon, mit der Kreuzabnahme
als Mittelbild, Verrat Judas' und Auferstehung auf den
Flügeln.

Nr. 124: Inconnu genannt. Porträtbild eines
Greises2).

Die breiten Gesichtsformen mit den aufgestülpten
Nasen, die stürmischen Bewegungen, die Faltenlage,
das Kolorit an den Altarwerken, die unverkennbare
Technik des Meisters im Porträt zeigen, dass wir es
hier mit Orley'schen Schöpfungen zu thun haben.
In die Einflusssphäre van Orley's gehören noch fol-
gende Werke:

Nr. 112: Ecole Flamande genannt. Grosses Trip-
tychon mit einem Mirakel des hl. Antonius als Mittelbild.

Nr. 54: Jan Swart irrtümlich genannt. Triptychon
mit der Anbetung der Könige auf der Haupttafel.

Nr. 78: Ecole Flamande genannt. Anbetung der
Hirten.

Nr. 25: Jacob Grimmer irrtümlich zugeschrieben.
Legenden des hl. Eustachius.

Jan und Cornelisz van Coninxlo. Dem Jan van
Coninxlo sind »Nachkommenschaft der hl. Anna«
(Nr. 7), »Geburt und Tod des hl. Nicolas« (Nr. 8

1) Einmal Vorder-und Rückseite desselben Altarbildes.

2) Das sehr bedeutende Doppelbildnis eines alten
Mannes und seiner Frau, das vor kurzem in die National-
galerie zu London gekommen ist, gehört meiner Ansicht
nach auch dem van Orley. Es wird Flemish School genannt
(Nr. 1689).
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