Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 12.1901

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

HERAUSGEBER:

Dr. Max Gg. Zimmermann

UNIVERSITÄTSPROFESSOR

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Qartenstrasse 15
Neue Folge. XII. Jahrgang. 1900/1901. Nr. 26. 23. Mai.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst« und zum »Kunstgewerbeblatt« monatlich dreimal, in den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der »Zeitschrift für bildende
Kunst« erhalten die Kunstchronik gratis. — Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und Verlags-
handlung keine Gewähr. Inserate, & 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen ausser der Verlagshandlung die Annoncenexpeditionen von h a a s e n -
stein & Vogler, Rud. Mosse u. s. w. an.

ÄLTERE UND NEUERE KUNST IN HAMBURG
Von Wilhelm Schölermann, Kiel
(Schluss aus No. 23)

Nach der im Vorhergehenden geschilderten Epoche
tritt in der historischen Entwicklung eine ziemlich
weite Lücke ein, die auszufüllen einer ausdauernden
Nachforschung auf hamburgischem Boden vorbehalten
sein mag. Was ein wirkliches Spürtalent an unge-
ahntem Reichtum ans Licht zu ziehen vermag, das
haben wenige Jahre konsequenter Nachfrage gezeigt.
Wer kann sagen, was noch verborgen ist?

Wirkliches Lokalkolorit offenbart erst wieder ein
Hamburger Maler, der am Ausgang des dreißig-
jährigen Krieges lebte: Mathias Scheits. Scheits, dem
auch Wilhelm Bode seit Jahren seine Aufmerksamkeit
zugewendet hatte, muss eine Persönlichkeit von viel-
seitigen Anlagen gewesen sein, dessen umfangreiches
Talent ein Schaffensgebiet umfasste, das uns die
»Gesellschaft« der zweiten Hälfte des siebzehnten
Jahrhunderts mit grosser Anschaulichkeit vor Augen
führt. Er hat uns das wieder aufblühende Leben
der Hansestadt nach der Verödung der Kriegsjahre
so frisch geschildert und humorvoll erzählt, dass wir
das selige Aufatmen spüren, das damals die vom
Alp befreiten Bürger empfanden, als sie — in länd-
lichen Festen und Picknicks vor der Stadt — den
sicheren Frieden geniessen durften, unter dessen
Schutz Handel und Wandel so schnell den Wohl-
stand wiedergeben. In seiner technischen Ausdrucks-
fähigkeit hat Scheits den weiten Spielraum durch-
gearbeitet, der von den flämischen Sammet- und
Seidenkünstlern bis zu den Bauernmalern, von
Wouwerman bis Rembrandt geht, aber er war selb-
ständig genug, um alle diese gefährlichen Ein-
wirkungen in heimatlichem Sinne umzuwerten. Näher
auf diesen Maler an dieser Stelle einzugehen, ver-
bieten Raum und Zeit.

Eigenartig gross, und doch in ihrem vorzeitigen
Ausgang fast tragisch, tritt uns heute diejenige Früh-
epoche deutscher Kunstblüte entgegen, die in den
ersten Dezennien des verflossenen Jahrhunderts so

machtvoll und bescheiden zugleich einsetzte. Licht-
wark fasst sie unter dem Gesichtspunkt Die jungen
Hamburger der zwanziger Jahre« zusammen und
schildert in lichtvoller Darstellung, wie gerade die
zwanziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts —
also unmittelbar nach den Befreiungskriegen — durch
das gleichzeitige Empordringen einer Fülle junger
Talente gekennzeichnet waren, die, so verschieden
ihre Begabung war, durch die gemeinsamen Merk-
male früher Reife so hervorragten, dass sie von
sechzehn bis zu zwanzig Jahren Kunstwerke schufen,
die von den Arbeiten der damals lehrenden Genera-
tion grundverschieden waren und oft die allgemeine
deutsche Entwicklung weit späterer Epochen vor-
wegnahmen.

Aber diese frühen Schösslinge starben, mit ein-
zelnen Ausnahmen, schon bevor Stamm und Blätter
sich entfalten und härten konnten. Sie waren zu
dicht gesäet, rangen vergebens nach Luft und Licht
und von der Sehnsucht allein konnten sie nicht
leben. »Sehnsüchtige Zeiten pflegen mit Talenten
gesegnet, satte Zeiten dagegen unfruchtbar zu sein«
drückt Lichtwark diese Vorblüte der Kunst treffend
aus. Die Erfahrung bestätigte das: als die satteren
Zeiten kamen, die Jahre der »grossen Erfüllungen«,
war's in Deutschland mit den grossen dichterischen
und künstlerischen Talenten vorbei. Sie erlebten zu
viel auf einmal, die Sehnsucht hatte keinen Platz
mehr im Umkreis der Gedanken.

Ein Jüngling mit der grossen ungestillten Sehn-
sucht nach dem Ungemeinen und Schweren in der
Kunst war der Hamburger Bäckerssohn Julius Oldach.
Über den Lebensgang dieses merkwürdig tiefbeanlagten
Menschen sind kaum mehr als ein paar flüchtige
Daten aufbewahrt worden, die in ihrer knappen Ein-
fachheit sehr tiefe Einblicke in seine Seele gestatten
und seine geistige Physiognomie plastisch wie ein
Hochrelief heraustreten lassen. Das eine Dokument
ist die Todesanzeige, die nach damaliger Sitte ein
Stück Biographie enthält:

Am 19. Februar starb unser Sohn Julius Oldach
auf seiner Reise nach Italien in München. Sein
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