Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Archäologische Nachlese

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Delos tragen wir noch nach, daß der mächtige Granitbau
gegenüber der Agora der Italiker sich als ein großes Kauf-
haus mit 16 Läden im Parterre und einem reich aus-
gestatteten Oberstock ergab. Im letzteren befand sich
wohl ein Vereinslokal der Kaufleute, sowie das benachbarte
der Poseidoniasten.

Ungewöhnlich reichhaltig sind die südrussischen Funde;
Pharmakowskys Übersicht ist auch durch die zahlreichen
Abbildungen, die seinen Bericht begleiten, wertvoll. Aus
dem Dorfe Klimowa im Solikamskschen Kreise des Gou-
vernements Perm stammen sieben große Silbergefäße
orientalischer, persisch-sassanidischer und byzantinischer
Arbeit, darunter eine Schale mit Darstellung des Königs
Sapor III. (ca. 385) auf der Jagd. Eine prachtvolle spät-
antike Schale, die ein Idyll trägt — ein vornehmer Mann
in beschaulicher Ruhe auf seinem Landgut —, hat byzan-
tinische Silberstempel aus dem 6. bis 7. Jahrhundert, die
aber auch einem Werke der flavischen Kaiserzeit nach-
träglich angefügt sein können. Einen in Batum gemachten
Fund von fünfzehn einzelnen verschiedenartigen Schmuck-
gegenständen, worunter ein Goldmedaillon mit Bergkristall
mit eingeschnittenem Lucius Verus als Hauptstück zu be-
zeichnen ist, erwarb die archäologische Kommission. —
In der Nekropole von Panticapaeum (Kertsch) wurden ein
Sarkophag aus Kalkstein mit Giebeldach, eine Grabkammer
mit gemalten Wänden und zahlreiche teils reliefierte, teils
gemalte und alle mit Inschriften versehene Grabstelen ge-
funden, wozu noch 21 Nummern Kleinfunde aus Bronze,
Terrakotta und schöne Vasen treten. Bei der Ausgrabung
eines »Kleine Blitznitza« genannten Hügels auf der Insel
Taman stieß man auf ein Pferdegrab von fünf auf der
Seite liegenden und mit dem Kopf zum Grabe gewandten
Pferdegerippen. Gebisse und Pferdegeschirre lagen bei.
Von der gleichen Stätte stammen Grabstelen mit In-
schriften und eine phoinikische Glasoinochoe. — Aus
Kertsch wurde eine prachtvolle attische Lekythos mit
Toiletteszene und ein eleganter silberner Löffel erworben.
— Bei Ausgrabungen in Chersonnes, bei der jetzigen
Quarantänebucht, wurde in der byzantinischen Schicht
eine christliche Basilika mit schönem Mosaikboden und
nahe bei der Stadtmauer eine Kapelle mit außen eckiger
Apsis und Altartisch in situ aufgedeckt. Auch die in der
Literatur erwähnten »Totentore« (nach der Nekropole)
glaubte man identifizieren zu können. Viele Einzelfunde
sind registriert. — Die Ausgrabungen auf Berezanj durch
Prof. E. von Stern ergaben eine viel größere Ausdehnung
der jonischen Stadt aus der Zeit des Anfangs des 5. Jahr-
hunderts v. Chr. — Bei den von Pharmakowsky in Olbia
gemachten Untersuchungen konnten die alten Mauern der
griechischen Stadt identifiziert werden, für die die Olbio-
politen in fortgeschrittenster Ingenieurkunst Schichtenfunda-
mente in den Lehmboden gelegt hatten. Eine steinere
Grabkammer neben einem Mauerturme zeigt, daß man
wohlverdiente Bürger unter der Stadtmauer begraben hat.
Weiter wurden Gräber aus dem 6. und 5. Jahrhundert
aufgedeckt. Nicht weniger als 2836 Inventarnummern
Einzelfunde aus Olbia sind für 1907 registriert, darunter
ein weiblicher Kopf aus dem 5. Jahrhundert (attisch), ein
Relieffragment aus gleicher Zeit und Herkunft u. a. m. —
Zwei in Jantschekrak im Taurischen Gouvernement ge-
fundene silberne Schilde mit Vergoldung und Reliefs darf
man wohl als Phalara der spätrömischen Zeit ansehen. —

Bei den Ausgrabungen der Berliner Papyruskommission
m der westlichen Hälfte des Koms von Elephantine in
Oberägypten wurden auf dem Boden des Chnumtempel-
bezirks hauptsächlich Kunstdenkmäler, nicht wie früher
Papyrus, gefunden. Zu erwähnen sind Siegelabdrücke mit
figürlichen Darstellungen griechischen Stils mit wenigen |

Ausnahmen aus Ptolemäerzeit, darunter als außerordentliche
Stücke ein Ptolmäerkopf in Dreiviertelansicht, Brustbilder
von Sarapis mit dem Modius und Isis mit Hörnern und
Sonnenscheibe. Aus dem Areal außerhalb des Tempels
stammt gute koptische Keramik und ein überlebensgroßer,
gut erhaltener Königskopf aus Granit aus dem 4.-3. Jahrhundert
v. Chr. Nach dem Tempelhaus zu wurde eine koptische
Anlage im Stil des sogenannten Siemeonklosters aufgedeckt,
von der ein hübsches koptisches Kapitell nebst Basis,
wahrscheinlich von der Säule eines Doppelfensters, her-
rührt. Von dem großen Chnumtempel, dessen Naos gar
nicht fertiggebaut und der von den Kopten sehr gründlich
zerstört worden war, ist nur wenig mehr vorhanden und
nur der Fund einer vollkommen unversehrten, großen
wunderschön bearbeiteten Granitschale für Weinopfer zu
registrieren. — Die weiteren deutschen Grabungen in der
Nekropole von Köm Ombo brachten nichts für die Kunst-
archäologie Interessantes; über die der deutschen Orient-
gesellschaft in Abusir ist an dieser Stelle schon berichtet.
— Von Clermont-Ganneaus und Cledats in Elephantine
ausgeführten Arbeiten sind Funde von fragmentierten Sta-
tuetten zu registrieren, unter denen Holzstatuetten von
wirklichem Kunstwerte sind; über die der Amerikaner bei
Hassaije und Komir, bei Lisht und Kargeh ist nichts Be-
sonderes zu bemerken, resp. in der Kunstchronik bereits
gesprochen worden. — Für die Tätigkeit der übrigen
Nationen wird der Annual Report des Egypt Exploration Fund,
der gegen Ende des Jahres erscheint, gewiß noch manches
Neue über die Jahre 1907/08 zu erzählen haben. — Die
Grabungen von Dr. Breccia in den Nekropolen von Alexan-
dria bestätigten die Datierung der Nekropole vom Schabti
in die allererste ptolemäische Periode; eine weitere größere
Grabanlage aus späterer hellenistischer Zeit weist Grab-
kammern mit interessanten Wanddekorationen und einen
mit einer Art Portikus und mit Halbsäulen ausgestatteten
Vorraum auf. Der Friedhof von Kramieh ist aus der
frühesten ptolemäischen Zeit und weist aramäische
Dipinti auf, wodurch die frühen jüdischen Niederlassungen
im Ptolemäerreich bestätigt werden, die man anzweifeln
wollte. —

Schultens Abhandlung »Nordafrika« ist das Muster
einer übersichtlichen Berichterstattung. Kein neu zutage
getretenes Mosaik aus diesem mosaikreichsten Gebiete des
alten römischen Reiches, keine interessante Inschrift fehlt
und keine irgendwie bedeutende Abhandlung könnte ge-
nannt werden, die dem Erlanger Gelehrten und seinen
Gewährsmännern entgangen sein könnte. — Aus Amphoren
gebildete Stützmauern aus der karthagischen Zeit sind
schon längere Zeit bekannt; in einer 1906 neugefundenen
Stützmauer ließen sich 2000 erdgefüllte und senkrecht
nebeneinander gestellte Weinamphoren nachweisen. Es
ist nun interessant, daß sich derartige Amphorenmauern
auch im alten Emporium an der Katatonischen Küste ge-
funden haben. — Von den Hadrumetischen Katakomben
sind jetzt nach dreijähriger Arbeit 117 Galerien mit
7000 Gräbern aufgedeckt. — Reiche Resultate gaben die
Ausgrabungen des Hauptmanns Benet beim Apolloheilig-
tum von Bulla Regia, das kein eigentlicher Tempel, son-
dern eine offene Area ist, an deren Hinterseite drei Zellen
liegen. Über die Statuenfunde aus diesem Heiligtum der
antoninischen Zeit äußerst sich Heinrich Bulle. In der
Cella gefunden: Apollon nach einem Vorbild des 4. Jahr-
hunderts, aus Skopasischem Kreise: Asklepios ebenfalls
nach einem Vorbild des 4. Jahrhunderts; Ceres? resp.
Römerin in der Tracht der Ceres geht auf die Phidiassche
Schule zurück (ApolIon=Baal, Asklepios=Eshmun, Ceres-
Tanit). Aus dem Säulenumgang des Vorraumes; Replik der
kleinen Herkulanerin, weibliche hellenistische Gewandstatue,
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