Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Nekrologe

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des Vespasiano Strozzi und andere erwähnen ihn nicht.
Es liegt daher der Oedanke nahe, daß jene beiden Quellen
für den Vornamen »Vettere« in Zusammenhang stehen.
Da das genannte Gemälde seit seiner Entstehung bis zum
Verkauf an das Berliner Museum in Verona gewesen ist
und Vasari nach seinem eigenen Zeugnis über Veroneser
Künstler durch den in Verona ansässigen Dominikaner
Marco de' Mediä orientiert wurde, ist dieser Zusammen-
hang tatsächlich mehr als wahrscheinlich und damit fußt
unsere Kenntnis des Vornamens Pisanellos nur auf einer
einzigen unsicheren Stütze. Denn es müßte erst erwiesen
werden, daß jener Meister des Bildes identisch ist mit dem
berühmten Maler und Medailleur Pisano und dagegen
sprechen alle stilistischen Indizien.

Biadego hat nun eine urkundliche Notiz gefunden, die
die Frage nach dem Vornamen des Meisters endgültig
löst. In den Listen des Kirchensprengels von San Paolo
zu Verona findet sich im Jahre 1433 folgender Vermerk:

Dona Isabetta uxor condam Filipi de Hostilia 70 ann.

Antonius Pisanus pictor eins filius 36 ann.

Weiterhin wird eine vierjährige Tochter und zwei
Diener, ein »famulus« und eine »famula« erwähnt. Dieser
Antonius Pisanus ist danach 1397 geboren und kann nicht
mit dem Meister des Berliner Bildes, der erheblich früher
geboren sein muß, identisch sein. Es gibt also mithin
zwei veronesische Maler, die am Anfang des 15. Jahrhun-
derts den Namen »Pisano« trugen und es ist nun erst zu
entscheiden, wer von den beiden der Medailleur gewesen
ist. Biadego war durch eine Reihe glücklicher archi-
valischer Funde in der Lage, diesen Antonio überall und
zu denselben bisher bekannten Zeiten dort nachzuweisen,
wo der Pseudo-Vittore Pisanello sich aufgehalten hatte.
Zunächst wird Antonio Pisano im Juli 1441 im Hause des
venezianischen Notars Andrea del la Levada genannt. Am
21. November 1442 erhält »Antonius pictor dictus Pisanus«
in Venedig Urlaub für 12 Monate nach Ferrara, nur darf
er als »Rebell« und Veroneser Flüchtling Mantua und
Verona nicht betreten. Wir wußten nun bisher, daß Pisa-
nello 1439 m Mantua gewesen ist, wohin er am 16. April
1441 abermals von Ferrara aus reiste. Nach dem gleich-
falls bisher bekannten Briefe des Lodovico d' Este an
Ouglielmo Gonzaga muß er aber trotz des Verbotes nach
Mantua gegangen sein, weshalb ihn Lodovico zur so-
fortigen Rückkehr nach Ferrara auffordern läßt, wohin er
sich nach dem Brief des Gonzaga vom 3. März auch wirk-
lich begeben hat. (Noch am 7. September und 6. November
ist er dort anwesend).

Daß nun dieser »Antonio Pisano« tatsächlich mit dem
berühmten Pisanello identisch ist, beweist schon dieses
Ineinandergreifen der bisherigen Nachrichten mit den neuen.
Biadego führt aber weiterhin noch zwei urkundliche Notizen
aus dem schon früher genannten Register des Kirchen-
sprengels von San Paolo an, woraus ersichtlich wird, daß
derselbe »Antonio Pisano« auch Pisanello genannt wird.
1443 Pisanellus pictor cum matre, 10 sol.
1445 Antonius Pixanellus pictor etc.
Damit ist wohl an der Identität des Antonio Pisano
mit dem berühmten Medailleur und Maler nicht mehr zu
zweifeln, um so weniger als dieses Ergebnis nun auch mit
der weiter oben genannten Todesnachricht des Carlo de'
Medici übereinstimmt, deren Richtigkeit gleichfalls durch
eine urkundliche Notiz Biadegos bestätigt wird.

Biadego eruiert zunächst, daß die Mutter Pisanellos
in zweiter Ehe mit Filippo de Ostiglia, in erster mit Bar-
tolomeo da Pisa, Sohn des Enrico da Pisa, verheiratet war
und daß wir in dem obengenannten Andrea della Levata
den Vater des Bartolomeo della Levada zu erkennen haben,
der die Schwester Pisanellos Bona zur Frau hatte. In dem

Testament dieses Schwagers Pisanellos vom Jahre 1455
(14 Juli) wird angeführt, daß der Maler und seine in-
zwischen 1443 verstorbene Mutter Bartolomeo 843 Lire, und
17 Soldi 10 Denari schulden. Pisanello hatte natürlich als
Erbe seiner Mutter auch deren Schuld übernommen und
lebte mithin um diese Zeit noch. Die Notiz des Fazio so-
wohl wie des Carlo de' Medici ergänzen mithin diese
Ansicht. Pisanello ist tatsächlich im Oktober 1455 gestorben.
Der Umstand, daß Fazio so rasch über den Tod des Künst-
lers orientiert war, legt die Vermutung nahe, daß er in
Neapel gestorben ist. Schließlich wäre noch auf den
Unterschied der Angaben Vasaris über das Alter Pisanellos
hinzuweisen, der in seiner zweiten Ausgabe schreibt: »Pisa-
nello assai vecchio passö a miglior vita,« in der ersten:
»assai ben maturo terminö la vita,« was mit dem tatsächlichen
Alter Pisanellos übereinstimmt. Die spätere Korrektur
dieses Pasus in »assai vecchio passö a miglior vita«, mag
eben auf die Berücksichtigung der Inschrift des Gemäldes
zurückgehen, die ihn zwang, anzunehmen, daß der Maler
ein höheres Alter erreicht hat.

Jedenfalls werden wir nach Biadegos Untersuchungen
künftig nicht mehr von Vittore, sondern Antonio Pisanello
sprechen und schreiben müssen, wenn's auch schwer fällt,
die alte Gewohnheit aufzugeben. FRITZ BUR.QER.

4) Atti del Reale lstituto Veneto di scienze, lettere ed
arti, anno accademico 1907—8, Tom. LXVII ()uni 1908),
S. 837 ff.

NEKROLOGE

X In seiner Ateliervilla im Grunewald bei Berlin ist
am 3. November der Bildhauer Prof. Harro Magnussen im
Alter von 47 Jahren unter eigentümlichen, noch nicht völlig
aufgeklärten Umständen gestorben, die die Annahme eines
Selbstmordes nahe legen, ohne daß dieser Schluß doch ein
zwingender wäre. Der Tod ist durch eine Gaserstickung ein-
getreten, und die Untersuchung ergab, daß von einem sonst
unbenutzten Leitungsarm des Schlafzimmers der Verschluß
anscheinend mit Gewalt entfernt worden war. Dennoch ist
nicht erwiesen, ob Magnussen, der bis zum Abend des 2. No-
vember noch fleißig gearbeitet, dann bis nach Mitternacht
in einem Restaurant der Kolonie Grunewald sich aufge-
halten hat, an dessen Verhalten niemand bis zu diesem
letzten Augenblicke ein Anzeichen so schwerer Entschlüsse
bemerkte, der allen vielmehr als ein Bild der Gesundheit
und Arbeitslust erschien, der auch keinen Brief und keine
Aufzeichnung hinterlassen, die auf einen freiwilligen Tod
deutete, nicht doch das Opfer eines Unfalls geworden ist.
Nur schwer wird man sich mit dem Oedanken vertraut
machen, daß der hochgewachsene Mann mit dem blonden
Germanenkopf und den hellen Holstenaugen von der Höhe
des Lebens fort selbst den Weg ins Dunkel gesucht haben
soll. Und tragisch ist es, daß das letzte Werk, an dem
er arbeitete, wahrscheinlich noch an jenem letzten Tage
arbeitete, eine Gruppe ist, der er den Namen »Lebens-
durst« geben wollte! Magnussen, dem es an Erfolgen
nicht fehlte, gehörte zu den typischen Erscheinungen der
heutigen Bildhauergeneration, die von Hause aus über
eine tüchtige Begabung verfügen, denen aber die schranken-
lose Denkmalslust der Gegenwart gefährlich wird. Er
hatte in einer Reihe trefflicher Porträtbüsten (Klaus Groth,
joh. Trojan, Heinrich Seidel, Ernst Haeckel und Herzog
Friedrich von Schleswig-Holstein, die Großherzöge Peterund
August von Oldenburg, Emin Pascha, namentlich aber der
Kopf des Marschendichters Allmers) ein starkes Formgefühl
und eine nicht gewöhnliche Charakterisierungsgabe an den
Tag gelegt. Auch seine Bismarckköpfe und -Statuetten (noch
nach dem Leben modelliert) gingen über das Landläufige
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