Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstraße 13

Neue Folge. XX. Jahrgang 1908/1909 Nr. 31. 20. August.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« und zum »Kunstgewerbeblatt« monatlich dreimal, in den Sommer-
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== Die nächste Nummer der Kunstchronik, Nr. 31, erscheint am 10. September - ====-

LUDWIG JUSTIS »GIORGIONE«1)
Von Karl Woermann

Das Erscheinen eines neuen zweibändigen Werkes
über Qiorgione, den großen Schöpfer der venezianischen
Kunst des 16. Jahrhunderts, der zu den Bahnbrechern
unseres ganzen modernen Kunstempfindens gehört, ist
unter allen Umständen ein Ereignis in der Geschichte der
Kunstwissenschaften; und wenn dieses Werk von einem
als Kenner und Forscher bereits so vorteilhaft bekannten
Kunstschriftsteller wie Ludwig Justi, dem Neffen unseres
Altmeisters Karl Justi, herrührt, so wird man von vorn-
herein geneigt sein, es als freudiges Ereignis zu begrüßen.
In der Tat ist Ludwig Justis Qiorgione ein gutes, ein
gründliches und sogar ein lesbares Buch. Als abschließen-
des Werk über den großen venezianischen Maler aber kann
es und will es auch offenbar nicht angesehen werden. Da-
zu wirft es zu viele Fragen auf, die noch nicht beantwortet
werden können, dazu versieht es selbst noch allzuviele
Bildertaufen auf Giorgiones Namen mit einem leichteren
oder schwereren Fragezeichen, dazu wird es vielleicht so-
gar etwas zu sehr von der ausgesprochenen Eigenart der
persönlichen Ausdrucksweise seines Verfassers getragen.

Aber gerade die Ehrlichkeit, mit der es das noch Un-
sichere, selbst so weit der Verfasser es mit großer Leb-
haftigkeit verficht, noch als unsicher erkennen läßt, nimmt
für das Buch ein; den gegenwärtigen Stand der Giorgione-
Forschung spiegelt es jedenfalls anschaulich wieder; und
seine eigenartige Anordnung, die den Leser die Entwick-
lung der Anschauungen Justis mitmachen und miterleben
läßt, hält uns von Anfang bis zu Ende in Atem.

Vor allen Dingen ist es Justi darum zu tun, dem
Helden seiner Darstellung seine richtige Stelle in der Ent-
wicklungsgeschichte der venezianischen, ja der italienischen
Kunstgeschichte anzuweisen — oder vielmehr zu lassen.
Denn Justi tut wohl daran, nicht an Giorgiones offensicht-
lichem Verhältnis zur Kunst Bellinis und zur Kunst Tizians
zu rütteln, zwischen denen die seine, von so selbständigem
Leben sie erfüllt ist, wegweisend in der Mitte steht. Gegen
die neulich von einem jüngeren Fachgenossen (Biermann)
ausgesprochene Ansicht, daß Giorgione durch seine Eigen-
art »aus der allgemeinen italienisch-künstlerischen Entwick-
lung ausscheide« und zu jenen Persönlichkeiten gehöre,
»die außerhalb jeder Zeit und aller Gesetze ihre Wege
gehen«, spricht doch schon die Tatsache, daß fast alle
seine Bilder auch schon anderen venezianischen Meistern
zugeschrieben gewesen sind. Eingehend schildert auch
Justi den traumhaften, von stillem Feuer durchglühten

1) Giorgione, von Ludwig Justi, zwei Bände, Berlin
1908, bei Julius Bard.

Grundzug der Kunst des Meisters; aber er legt ein Haupt-
gewicht auf den Nachweis, wie er sich aus der herberen,
härteren, bunteren Art des 15. Jahrhunderts allmählich
durch die innige Verschmelzung der von Florenz ausge-
gangenen freien Formensprache mit der neuen oberitalie-
nischen Helldunkel- und Farbengabe zu jener großen,
freien, glühenden venezianischen Kunst des 16. Jahrhunderts
emporarbeitete, in der die neuen Formen und die neuen
Farben, beide für sich und miteinander, zu unauflöslicher
Einheit verbunden erscheinen; und er läßt uns ahnend
mitempfinden, daß Giorgione, der kaum 33 Jahre alt
wurde, wenn er Tizians Alter erreicht hätte, diesem ver-
mutlich auch in der Entwicklung der Pinselführung zu
jener meisterhaften Breite und Wucht vorangegangen sein
würde, auf der unsere ganze moderne Malweise beruht.

Daß die freibewegte Formensprache des 16. Jahr-
hunderts sich von Florenz aus durch die ganze Welt ver-
breitete, erscheint in der Tat unzweifelhaft; aber aufweichen
Wegen diese Verbreitung erfolgt ist, läßt sich hier, wie in
einigen anderen Fällen, schwer im einzelnen nachrechnen.
Manchmal scheint es, als würden unsichtbare Keime einer
neuen Welt- und Kunstanschauung durch die Luft von Ort
zu Ort getragen. Daß die Anwesenheit Lionardo da Vincis,
Pietro Peruginos und Fra Bartolommeos in Venedig zu
dieser Entwicklung beigetragen, mag man zugeben; aber
ich möchte es doch nicht einmal so halb umwunden hin-
stellen, wie Justi, daß Giorgione seine traumhafte Seelen-
stimmung Perugino, sein Helldunkel Lionardo, die groß-
zügige Linienführung seiner späteren Zeit Fra Bartolommeo
verdanke. Jedenfalls kann ich mir nicht denken, daß Gior-
gione nicht nahezu derselbe Giorgione geworden wäre,
wenn der Zufall jene drei mittelitalienischen Meister nicht
nach Venedig geführt hätte. Die gegenwärtige, an sich
unzweifelhaft begründete »biologische« Richtung der Kunst-
geschichte, gegen deren Einseitigkeiten übrigens Justi
selbst sich gelegentlich ausspricht, verlangt freilich, daß
jede Erscheinung unmittelbar an eine andere, voraus-
gegangene angeknüpft und aus ihr erklärt werde. Aber
der Nachweis, daß das »post hoc« ein »propter hoc«
sei, läßt dabei manchmal zu wünschen übrig, und jeden-
falls ist jenem jüngeren Fachgenossen, dessen Urteil über
Giorgione ich anführte, zuzugeben, daß die Erkenntnis
der großen Künstlerpersönlichkeiten dabei leicht zu kurz
kommt.

Neu ist in Justis Werk, dessen erster Band den Text,
dessen zweiter Band die vortrefflichen Abbildungen ent-
hält, außer seiner ganzen Anlage, zunächst die eindring-
liche und umfängliche Schilderung des Entwicklungsganges
des Meisters, namentlich seines späteren, auf die Darstellung
bewegteren Lebens gerichteten Entwicklungsganges. Daß
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