Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstraße 13

Neue Folge. XX. Jahrgang 1908/1909 Nr. 22. 16. April.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« und zum »Kunstgewerbeblatt« monatlich dreimal, in den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfaßt 33 Nummern. Die Abonnenten der »Zeitschrift für bildende
Kunst« erhalten die Kunstchronik kostenfrei. — Für Zeichnungen, Manuskripte usw., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und
Verlagshandlung keine Gewähr. Alle Briefschaften und Sendungen sind zu richten an E. A. Seemann, Leipzig, Querstraße 13. Anzeigen 30 Pf. für
die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, Rud. Mosse usw. an.

LITERATUR

Brutails, J. A., Pre'cis d'archeologie du Moyen-Age. Paris,
Picard 1908.

Die Handbücher der mittelalterlichen Archäologie sind
besonders im Französischen zahlreich. Man sollte meinen,
daß mit Enlarts ausgezeichnetem Manuel auf einige Zeit
die Reihe abgeschlossen bleibt. Daß dies nicht der Fall
ist, beweist die vorliegende Neuerscheinung. Das Buch
soll, nach den Worten des Verfassers, besonders Studenten,
Geistlichen und Reisenden dienen. Es ist in der Tat nicht
ein historisches Werk, sondern ein Resümee der Methode
der mittelalterlichen Archäologie und eine Aufzählung der
Hauptformen der mittelalterlichen Kunst. Es ist staunens-
wert, welche Fülle und Präzisität der Verfasser mit der
äußersten Kürze der Darstellung zu vereinigen weiß. Das
erste Kapitel behandelt die allgemein kulturellen und tech-
nischen Charakteristiken mittelalterlicher Architektur, das
zweite, dritte und vierte Kapitel geben die allgemeinen
Charakteristiken der verschiedenen kirchlichen Bauformen
des Mittelalters in chronologischer Reihenfolge. Das fünfte
ist der Zivil- und Militärarchitektur gewidmet, und das
sechste und letzte gibt praktische Ratschläge über die
Redaktion und Illustration archäologischer Arbeiten. Dieses
letzte Kapitel ist außerordentlich lehrreich, es gibt praktische
Bemerkungen über das Photographieren und Zeichnen von
Details, ein kurzgefaßtes archäologisches Wörterbuch, eine
Anleitung zur Aufnahme von Plänen und Querschnitten. —
Das Buch wird für Anfänger, ganz besonders für solche,
die sich mit der mittelalterlichen Kunst Frankreichs be-
schäftigen wollen, von großem Nutzen sein. Natürlich ist
die ganze Auffassung Brutails' einseitig französisch. Am
klarsten kommt dies in der bibliographischen Einleitung
zur Geltung, unter den 30—40 aufgeführten Werken sind
nur zwei von nichtfranzösischen Gelehrten und diese auch
in den französischen Ausgaben zitiert! Das wertvolle an
der Arbeit bleibt wie gesagt, der pädagogische Zug, der
sich auch in der Wahl der Illustrationen wohltuend bemerk-
bar macht. M. H. Bernath.

A. H. Church, Farben und Malerei. Nach der 3. Auflage
von »The Chemistry of Paints and Painting« übersetzt
und bearbeitet von M. und W. Ostwald. (Sammlung
maltechnischer Schriften, herausgegeben von Ernst
Berger, Band III). Verlag von Georg D. W. Callwey,
München 1908. Preis geh. 5 M.; geb. 6.50 M.
Wiederholt ist in Zeitschriften und in der Öffentlich-
keit von der Wichtigkeit die Rede gewesen, die Kenntnis
des Materiales und der chemischen Eigenschaften aller bei
der Malerei gebräuchlichen Farben, Mal- und Bindemittel
zu verallgemeinern, damit die Künstler besser als früher
in die Lage versetzt würden, dauerhafte Gemälde zu
schaffen. Es wurde sogar von der »Chemie als Retterin

der Malerei« gesprochen und für Einführung chemischen
Unterrichts an unseren Kunstschulen plädiert. Daß die
Kenntnisse der Chemie bei der Herstellung des heutzutage
auf fabriksmäßigem Wege hergestellten Farbenmateriales
von größter Wichtigkeit sind, kann wohl nicht geleugnet
werden, andererseits ist aber durch den heutigen Kunst-
betrieb der Künstler kaum mehr sein eigener Farben-
fabrikant, wie zur Zeit des Mittelalters, sondern ist auf
den Farbenhändler angewiesen, und mehr noch als die
chemischen Wechselwirkungen scheinen die physikalischen
Einflüsse auf den Bestand der Kunstwerke von bestimmen-
der Wirkung zu sein. Der bekannte deutsche Physiker
und Chemiker Prof. W. Ostwald hat in seinen »Maler-
briefen« auf den großen Wert hingewiesen, den jeder
Künstler durch die Beobachtung eben dieser physiko-
chemischen Vorgänge innerhalb seiner Tätigkeit bei der
Schöpfung seines Werkes gewinnen muß, und ihm ist
auch die vorliegende Übertragung des Churchschen
Buches ins Deutsche vor allem zu danken. Während
wir über »Bestrebungen« und sehr gute Anfänge bis jetzt
nicht hinweggekommen sind, ist man jenseits des Kanals
schon seit Jahrzehnten dem Problem der wissenschaftlichen
Maltechnik nähergetreten. Als eine der besten Früchte
dieser Arbeit kann das genannte Buch von Church an-
gesehen werden und es gewinnt dadurch noch mehr an
Bedeutung, daß ein Gelehrter vom Rufe eines Ostwald
im Verein mit seiner ebenfalls kunstgeübten Tochter
Margarete die deutsche Ausgabe besorgt und mit Zusätzen
versehen hat. Wir stimmen dem Herausgeber zu, wenn
er in der Vorrede bemerkt, daß trotz der vorhandenen
deutschen Originalliteratur die Herausgabe von »Churchs
Chemistry of Paints and Painting« wünschenswert er-
schien, da es sich hier »um die Zusammenfassung von
Arbeiten und Erfahrungen handle, die der Verfasser seit
einem Lebensalter in dauernder Hingabe an den Gegen-
stand geleistet und gesucht hat, und in dieser Beziehung
das Werk außer Vergleich mit allen ähnlichen, nicht nur
in deutscher Sprache geschrieben stehe«. Was dieses
Werk überdies auszeichnet, ist die Art der Behandlung
des Themas; denn wenn auch der Chemiker zum Leser
spricht, behandelt er dennoch ausschließlich die künstlerisch-
technische Seite der Frage und die Chemie kommt nur
so weit zur Sprache, als es die wissenschaftliche Kenn-
zeichnung der Einzelheiten erfordert. Mit besonderem
Verständnis hat Church auch auf die historische Seite, d. h.
auf frühere technische Erfahrungen Rücksicht genommen
und alle Folgerungen gezogen, die auch für unsere heutige
Technik und die Erhaltung der Werke unserer Zeit Geltung
haben müssen. Nicht nur der selbsttätige Künstler, son-
dern auch der Kunstgelehrte und jeder, der sich für die
technische Seite der Malerei, sei es als Hüter von Schätzen
der Kunst oder als Liebhaber interessieren mag, wird in
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