Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

Page: 425
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1909/0221
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
425

Nekrologe — Personalien

426

gefunden hat, die selbstverständlich aus seinem eigenen
Gebiete, der ägyptischen Archäologie, entnommen
waren. Er erzählte von einem mysteriösen Tempel
im Westen des Nils in der Nubischen Wüste bei
Amada oder Ibsambul, der vielleicht einmal gesehen,
aber seitdem gewiß nicht wiedergefunden worden ist,
und über Geräusche in dem Tempel von Edfu, die
von einer Platte ausgingen, sobald die Sonne diese
traf. — In seiner Begrüßungsrede hatte Maspero
schon darauf angespielt, daß man in Kairo das nicht
erwarten dürfe, was ein Kongreß in einer kleinen
europäischen Stadt schon bieten könne. Er sagte,
daß das Komitee durch die Führungen in den Museen,
bei denen u. a. auch Fr. v. Bißing in ganz aus-
gezeichneter Weise führte, und die Touren nach Ober-
ägypten für das Fehlende Entschädigung bieten wür-
den. Und dies hat es wahrlich getan! Die Ein-
drücke, die den Kongreßmitgliedern in Kairo durch
dieses einzigartige Museum von überwältigender Größe
und durch die anderen Sammlungen, dann durch die
öffentlichen Bauten (koptische und muhammedanische
Kunst) vermittelt wurden, waren gewaltige. Und was
dann noch dazu kam: Pyramiden und Sphinx (der
übrigens jetzt auch definitiv in das alte Reich versetzt
ist), Sakkhara, Abydos, Denderah, Esneh.Edf u, Komombo,
Assuan, Philae und Elephantine und endlich auf dem
Rückwege Luqsor und Karnak, die Königs- und
Königinnengräber in Theben und Deir-el-baheiri mit
den Bauten der altertumsfreundlichen Königin Hat-
chesput, das ist so Herrliches und so Unvergeßliches,
daß wohl keiner nur vor einem dieser Wunderwerke
längst vergangener Zeiten gestanden hat, ohne darin
etwas Unbegreifliches und Unerhörtes zu sehen. So
hat der Archäologische Kongreß in Ägypten eine
wirkliche und gewiß auch nachhaltige Bedeutung.
Und da haben wir von dem fremdartigen orientalischen
Leben und der Wüstennatur mit ihren glänzenden
Farbenwirkungen gar nicht gesprochen, die wir durch
diese Gelegenheit kennen lernten!

NEKROLOGE

Der Münchener Historienmaler Ludwig Thiersch
ist am 10. Mai in München im Alter von 84 Jahren ge-
storben. Geboren am 12. April 1825 in München, studierte
er dort die Bildhauerei bei Schwanthaler, die Malerei bei
Schnorr, Heß und Schorn. Dann ging er nach Rom, war
zuerst Bildhauer, wandte sich aber dann ganz der Malerei,
vornehmlich der religiösen, zu.

W. Beattie Brown, ein hervorragender Landschafter
der Schottischen Schule, starb kürzlich in hohem Alter in
Edingburgh.

Am 11. Mai ist in München der Maler und Illustrator
Ferdinand Freiherr von Reznicek im jugendlichen
Alter von vierzig Jahren gestorben. Er ist, nach Rudolf
Wilke und Albert Langen, seit einem halben Jahre der
Dritte aus der alten Garde des »Simplizissimus«, der jäh
dahingerafft ward. Reznicek, ein Österreicher von Geburt
und ein Bruder des bekannten Kapellmeisters und Kompo-
nisten, gehörte unter den Zeichnern des Münchner sati-
rischen Blattes nicht in die vorderste Reihe. Hinter Eduard
Thöny, dem er die wichtigsten Anregungen verdankte, stand
er als ein Künstler, der die französisierende Eleganz Her-
mann Schlittgens aus den »Fliegenden Blättern« in der
freieren, schärferen und, flotteren Luft des »Simplizissimus«

verjüngte. Er war kein Kritiker von Staat und Gesellschaft
wie Th. Th. Heine, kein behäbiger Humorist wie Bruno
Paul, kein geistreicher Karikaturenmeister wie Wilke und
Gulbransson, sondern ein Herrscher im Reich der Lebe-
welt und der Pikanterien, der Münchner Ballsäle und Sport-
plätze, der Offizierkasinos und der Badeplätze, der Chroni-
queur der kleinen Mädchen mit der großen Sehnsucht und
der gefälligen Damen de plus grande marque, ein unge-
zogener und indiskreter, aber immer graziöser und amü-
santer Ausplauderer der intimsten Boudoir- und Schlaf-
zimmergeheimnisse, der mit dem Froufrou seidener Jupons,
mit Spitzenhöschen und durchbrochenen Strümpfen, mit
Negligenovitäten und anderen Toilettendingen wie kein
Zweiter Bescheid wußte. Er versah das Amt, diejenigen
Abonnenten und Leser des »Simplex«, die sich um Politik
und soziale Zustände nicht viel kümmern, zu unterhalten
und den großen Haufen mit seinen erotischen Impromptus
zu kitzeln, aber es ist sein Ehrentitel, daß er diesen Beruf
mit übermütiger Erfindungskraft und großer künstlerischer
Sicherheit ausfüllte. Seine Tüchtigkeit in der zeichnerischen
Darstellung galanter Szenen, prekärer Stellungen und
»halbausgezogener« Situationen hatte etwas vom sinnlichen
Leichtsinn des Münchner Fasching, Reznicek war der un-
erreichte Historiker der Redoute, und der Farbengeschmack,
mit dem er diese Themata vortrug, war von hoher Kultur.
Immerhin hat er in den letzten Jahren im »Simplizissimus«
einen breiteren Raum eingenommen, als ihm gebührte; um so
anerkennenswerter, daß er dennoch niemals auf die Ebene
des Reinäußerlichen, Nur-Pikanten hinabglitt, sondern seinen
Blättern stets eine respektable Qualität zu wahren wußte.

Ein französischer Militärmaler der älteren Schule,
Henri Dupray, geboren in Sedan 1841, ist in Paris ge-
storben.

Am 1. April starb in New York Walter Florian, der
Bildhauer. Er war in New York geboren, studierte dort und
in Paris (er hatte die goldene Medaille bei Julian ge-
wonnen) und endlich wieder in Amerika unter St. Gaudens.
Seine Hauptstärke lag im Porträt und zu seinen Schöp-
fungen von bleibendem Werte gehören die Porträts Rodin,
Karl Schurz und General Cronje. — George Herbert
Mc Cord, amerikanischer Landschafts- und Marinemaler,
starb in New York am 6. April. — Francis H. Schell,
der erste Künstler, der den Luftballon zum Zwecke von
Skizzieren benutzt hat, starb am 1. April in Germantown Pa.
Seine Skizzen aus dem Bürgerkrieg machten seinen Namen

berühmt. Bernath.

PERSONALIEN
X Geheimrat von Tschudi hat nun den Ruf nach
München endgültig angenommen. Er scheidet aus seiner
bisherigen Berliner Stellung als Direktor der Nationalgalerie,
um in der süddeutschen Hauptstadt Franz von Rebers er-
ledigten Posten einzunehmen und die leitende Persönlich-
keit in der Königlich bayerischen Zentral-Oetnälde-Direktion
zu werden. Damit hat die Affäre, die seit fünfviertel
Jahren das kunstfreundliche Deutschland in Atem gehalten,
den für Berlin ungünstigsten Abschluß gefunden: die
Nationalgalerie verliert ihren Reorganisator, der preußische
Staat einen Museumsbeamten von Weltruf, die Hauptstadt
des Reiches einen Mann, dem sie seit vierzehn Jahren
Leistungen und Anregungen von unvergänglichem Wert
verdankte. Die Mißstimmung der Berliner Kunstkreise über
dies Ende der unerquicklichen Angelegenheit ist um so
größer, als man genau weiß, daß Herr von Tschudi
nach der Rückkehr von jenem ominösen »Urlaub« gern
in Berlin geblieben wäre, wenn man ihm Entgegen-
kommen gezeigt und den Wiedereintritt in sein Amt
erleichtert oder auch nur nicht erschwert hätte. Aber man
loading ...