Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstraße 13

Neue Folge. XX. Jahrgang 1908/1909 Nr. 33. 24. September.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« und zum »Kunstgewerbeblatt« monatlich dreimal, in den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfaßt 33 Nummern. Die Abonnenten der »Zeitschrift für bildende
Kunst« erhalten die Kunstchronik kostenfrei. — Für Zeichnungen, Manuskripte usw., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und
Verlagshandlung keine Gewähr» Alle Briefschaften und Sendungen sind zu richten an E. A. Seemann, Leipzig, Querstraße 13. Anzeigen 30 Pf. für
die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, Rud. Mosse usw, an.

===== Die nächste Nummer der Kunstchronik, Nr. 1, erscheint am 8. Oktober —-

NEUES VOM METROPOLITAN MUSEUM OF ART
IN NEW YORK

Das Metropolitan-Museum hat neulich zehn außer-
ordentlich wichtige chinesische Teppiche erworben, von denen
europäische Sammlungen bedeutende Stücke nicht besitzen.
Sie unterscheiden sich von den persischen Teppichen in jeder
Beziehung. Die Zeichnung besteht hauptsächlich aus gerad-
linigen, geometrischen Mustern. Die persischen Arabesken
werden durch an die Mäanderbänder erinnernde Ornamente
ersetzt. Sie sind nicht so überladen, sondern zeigen große
freie Felder um die Muster. Die Farbengebung ist heller
als in persischen Erzeugnissen. Die Zeichnung ist ge-
wöhnlich dunkelblau auf hellgrünem oder gelbem Grund.
Die beste Periode dieser Teppiche ist das letzte Drittel
des 18. und das erste des 19. Jahrhunderts, und die Neu-
erwerbungen datieren aus dieser Periode.

Es ist erfreulich, zu beobachten, wie die rührige Direk-
tion dieses Museums nicht nur die Abteilungen der Malerei,
Plastik und Kunstgewerbe, sondern auch die der Hand-
zeichnungen durch wohlerwogene Neuerwerbungen zu be-
reichern versucht. Es ist schon einmal an dieser Stelle davon
die Rede gewesen, jetzt können wir weitere verzeichnen. Drei
vortreffliche Kompositionen Rowlandsons zeugen von der
humoristischen Begabung, mit der er seine Gestalten zu be-
leben wußte. Die erste, ein frühes Werk, stellt eine militärische
Revue dar und ist noch in der humoristischen Charakte-
ristik sehr zurückhaltend (als Illustrator war R. nicht selten
sehr übertrieben und an die schlechtesten Seiten Hogarths
erinnern so manchmal seine Werke!) Sein »Conoisseur«
ist dann das typische Werk seiner Kunst; an Hogarth er-
innernd, ist Rowlandson doch weicher in der Zeichnung,
seine Naturbeobachtung ist feiner und die Koniposition
ausgeglichener. Die dritte Zeichnung »Epsom am Derby-
Tag« zeichnet sich durch malerische Gruppierung der Ge-
stalten und eine sehr feine lyrische Note in der Land-
schaft aus. — Weiter können noch je eine charakteristische
Zeichnung von Hoppner und Sir David Wilkie erwähnt
werden.

Unter den italienischen Zeichnungen ist eine in der
Art des Leandro Bassano gezeichnete Komposition (nach
Fry: Esther vor Ahasverus, auf demselben Blatt auch ein
Jünglingskopf). Dem Francesco Bassano schreibt Fry ein
sehr schönes Blatt mit Bauern nebst Schafen zu. Es
gehört jedoch eher dem Giovanni Benedeäq Castiglione,
von dem sich noch mehrere Zeichnungen im Museum be-
finden. Sehr wichtig ist die Federzeichnung von Guer-
cino, die uns eine Skizze für das große Altarbild in San
Gregorio in Bologna zeigt (der hl. Wilhelm von Burgund
als Karthäuser vom hl. Bernhard in den Orden aufgenom-

men). Auch eine Anbetung der Könige wird dem Meister
zugeschrieben. Unter den niederländischen Zeichnungen
der Neuerwerbungen sind gleichfalls mehrere interessante
Sachen zu nennen. So ein Blatt, von Fry ungefähr 1520
datiert, einen Reigentanz darstellend: auf einem Hügel
Musikanten und im Hintergrund romantische Landschaft
mit einem Schloß und einer Windmühle. Die Trachten
sind nicht einheitlich, sondern sie zeigen ein eigentüm-
liches Gemisch von deutscher, niederländischer und lom-
bardischer Kleidung. Die Zeichnung ist wohl einem jener
nordischen Wanderkünstler zuzuschreiben, die um diese
Zeit viel über die Alpen gingen, und deren Kunst aus
einer merkwürdigen Verquickung nordischer und südlicher
Elemente besteht. Vielleicht die wichtigste Zeichnung je-
doch der Sammlung überhaupt ist der neue Rembrandt:
ein Mann führt ein beladenes Kamel, im Hintergrund die
Umrisse eines zweiten Kamels, während links nahe dem
Rand drei Schafe in die Szene hereinschauen. Diese
Zeichnung war ehemals in der Sammlung von Sir Joshua
Reynolds, dann bei R. Holditch und Sir James Knowles
(vgl. Hofstede de Groot, Kat. der Rembrandtzeichnungen,
Nr. 1069). Das Blatt gehört zu den besten des Meisters.

Unter den neuen Gemälden sind mit Freude zu be-
grüßen zwei Meisterwerke neuester deutscher Kunst:
Heinrich Zügels wuchtige »Ochsen, einen Bach kreuzend«
sind farbenprächtig und großzügig in der Zeichnung,
während Hans Thomas »Am Gardasee«, ein von lyrischer
Stimmung erfülltes Bild, von großer dekorativer Wirkung
ist. Es sind bisher unter den Gemälden im Museum
kaum nennenswerte moderne deutsche Arbeiten zu sehen
gewesen, und es erscheint uns als eine wichtige Tat von
seifen zweier Deutsch-Amerikaner, diese Bilder dem Mu-
seum überwiesen zu haben.

Angelo Bronzinos Kunst hat lange unter dem Banne
der Verachtung, die den Epigonen der Renaissance zuteil
ward, gestanden. Kaum hier und da erhob sich eine
Stimme in der allerletzten Zeit, die für diesen großen Por-
trätisten die Stellung, die er nach seinen künstlerischen
Verdiensten einnehmen sollte, beanspruchte. Das Museum
tat wohl, das außerordentlich gut erhaltene Porträt des
Cosimo I. Medici zu erwerben. Bronzino malte ähnliche
Porträts des ersten Großherzogs von Toskana in großer
Zahl, sie waren bestimmt, als Geschenke an die be-
freundeten Höfe verschickt zu werden. Das Bild des
Metropolitanmuseums stellt den Fürsten als Feldherrn im
Panzer, mit dem Helm in der linken Hand, noch ziemlich
jugendlich dar und steht einem ähnlichen Bild in den
Uffizien am nächsten. Das Gemälde hat einen schönen
alten Rahmen.

Außer diesem Bild kamen noch folgende Gemälde in
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