Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Adolfo Venturi und der Baumeister

der Kirche San Francesco in Assisi

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Kupfergraben. Dort hat Messel eine dreigliedrige Anlage
vorgesehen, die sich um einen Ehrenhof in Gestalt eines
Rechtecks herumzieht, während dessen vierte Seite durch
eine Kolonnade abgeschlossen wird. Im Fond (an der
Ostseite des Hofes) erhebt sich, etwa auf der Stelle des
alten, nunmehr abgebrochenen Baues, das neue Pergamon-
Museum. Links von ihm zieht sich, bis zum Wasser vor,
das Deutsche Museum; ihm gegenüber das für vorder-
asiatische Kunst. Vom Kaiser-Friedrich-Museum soll, aus
den Kabinetten der holländischen Malerei im Erdgeschoß,
ein Übergang über die Stadtbahn ins Deutsche Museum
führen. Dies wiederum ist mit dem Vorderasiatischen
durch jene Kolonnade verbunden, die durch ein Mittel-
portal unterbrochen wird. Und die Fassade des Vorder-
asiatischen Museums endlich findet ihre Fortsetzung in der
Wasserfront des niedrigeren Erweiterungsbaus der ägyp-
tischen Kunst, der hier dem Neuen Museum westlich vor-
gelagert ist. So wird man also, wenn man am Kupfer-
graben steht, am Spreearm von der nördlichen Inselspitze
(dem Portikus des Kaiser - Friedrich - Museums) bis zur
eisernen Brücke an der Museumsstraße eine fortlaufende
monumentale Fassadenfolge vor sich haben.

Mit großem Geschick hat sich Messel für die neuen Ge-
bäude eine passende Stilsprache geschaffen. Er wählte in
der Hauptsache eine Mischung aus barocken, zopfigen und
klassizistisch anmutenden Elementen, wie er sie ja auch
sonst gelegentlich angewandt hat, eine von fern gleichzeitig
mit Schlüter, Knobeisdorff und Schinkel verwandte Archi-
tektur, die dennoch das Gepräge seines persönlichen Ge-
schmacks erhielt; eine Kompromiß-Bauweise, die in Ver-
bindung mit den bodenständigen Berliner Traditionen steht
und doch durchaus von modernem Empfinden durch-
tränkt ist; die darum hier besonders am Platze ist, weil
sie das Problem, zu Stülers Neuem Museum, zu Stracks
Nationalgalerie und zu Ihnes Kaiser-Friedrich-Museum
Stilbrücken zu schlagen, aufs glücklichste löst, ohne sich
etwa einem dieser Bauwerke näher anzuschließen. So
werden die disparaten Teile zu einer Einheit gesammelt,
wodurch überdies die älteren Bauten, an sich alle drei
keine Meisterschöpfungen, wesentlich gewinnen werden.
Den Mittelpunkt der ganzen weitverzweigten Anlage aber
bildet das Pergamon-Museum. Und hier ist Messel zu
ganz anderen Stilgedanken übergegangen, zu feierlichen
archaistischen Formen mit einem Einschlag von assyrischen
Bildungen, denen doch wieder enge Beziehungen zu den
Nachbargebäuden naturgemäß nicht fehlen. Die pracht-
vollen Pilastergliederungen der Seitenfronten des Deutschen
und Vorderasiatischen Museums (also der Längswände des
Hofes) bereiten auf die massige Formgebung und die
majestätische Frontalfläche des Pergamonbaus über dem
Portal vor, während sein flacher horizontaler Dachabschluß
mit den gräzisierenden Giebeln der anderen beiden Museen
wirkungsvoll kontrastiert. Eine schöne Zeichnung aus
Messels Atelier gibt einen Blick auf den Ehrenhof frei, der
mit seinem monumentalen Rahmen einen großartigen Ein-
druck machen wird. Der Architekt hat für sein Zentrum
ein Reiterdenkmal in Gattamelata-Haltung vorgeschlagen
und dem Reiter eine ferne Ähnlichkeit mit dem regierenden
Kaiser gegeben. Es ist jedoch die Frage, ob die ruhige,
freie Fläche dieses idealen Platzes nicht ohne Unterbrechung
noch königlicher wirken würde, zumal da sie schon einmal
durch ein mäßig erhöhtes Mittelfeld von großen Stein-
quadern gegliedert ist, an dessen vier Ecken dekorative
Figuren in ruhender Stellung, also von horizontalen Linien
bestimmt, angebracht werden sollen. Doch das alles ist
wohl im einzelnen noch nicht so genau festgesetzt. Auch
über die Bekrönung des Pergamon-Museums ist die letzte
Entscheidung noch nicht gefallen. Eine Zeitlang wollte

man das Dach mit Quadrigen schmücken; jetzt neigt man
mehr zu einer Aufstellung großer Bronzeschalen, die ohne
Zweifel bessere Figur machen würden.

Wohl aber sind die Pläne für die Anordnung der
Innenräume schon ziemlich genau fixiert. Im Deutschen
Museum, wo sich eine historische Folge erschließen wird,
verteilen sich die Schätze auf ein Sockelgeschoß, ein Haupt-
stockwerk und ein zweites Oberlicht-Stockwerk an der
Seite, das aber von außen nicht sichtbar wird, so daß die
nach dem Hofe zu gelegene Fassade straffer zusammen-
gefaßt werden konnte und sich nicht in allzuviel Details
verliert. Sehr wirkungsvoll wird sich die Aufstellung des
Pergamenischen Altars präsentieren. Der Beschauer wird
vom Portal über mehrere Stufenabsätze langsam höher ge-
führt, bis er vor dem Altaraufbau selbst steht. Der breite
Fries des Gigantenkampfes aber wird nicht wie in dem alten
Hause rings um die Altararchitektur herumgeführt, sondern
so angebracht werden, daß die Skulpturen der nunmehr an
die Saalmauer stoßenden Rückwand rechts und links von
den großen Treppenwangen die hier befindliche Darstellung
fortsetzen, so daß man also die gewaltige Gesamtkompo-
sition in dem freieren, höheren und größeren Raum von
vorn mit dem Auge umfassen und studieren kann. — Im
Anschluß an das Pergamon-Museum sind, im Mittelpunkt
der ganzen Insel, die Räume für die Generalverwaltung,
sowie für eine Verkaufsstelle der Gipsgießerei und für ein
Büfett vorgesehen, die schon in Bodes Denkschrift an diese
Stelle verwiesen wurden.

Der Bau beginnt jetzt mit dem Pergamon- und dem
Deutschen Museum. Die Fundamentierung verursacht erheb-
liche Schwierigkeiten und Kosten, da auf dem schlechten,
einst sumpfigen und von Kanälen durchzogenen Baugrunde
alles auf eingerammten Pfählen aufgebaut werden muß
(bekanntlich steht auch Schinkels Altes Museum auf Pfahl-
rost). Man nimmt an, daß die ersten beiden Gebäude in
fünf Jahren vollendet sein werden. Wann das ganze Werk
abgeschlossen sein wird, wird freilich heute noch kein
Prophet sagen können.

ADOLFO VENTURI UND DER BAUMEISTER DER
KIRCHE SAN FRANCESCO IN ASSISI
Es ist ungefähr ein Jahr her, daß der berühmte römische
Professor sein Buch »La basilica d'Assisi« (1908; Roma)
vor die Öffentlichkeit brachte. Die darin enthaltenen Aus-
führungen machten leicht den Eindruck, daß sie der ganzen
komplizierten Baugeschichte der Kirche eine neue, festere
Basis geben würden. Venturi hat mit einem kühnen Griff
Filippo de Campello, der bis dato als der Architekt (von
1232 an) der Kirche galt, aus der Baugeschichte streichen
wollen. An seine Stelle hat er dann einen Fra Giovanni
da Penna, den er mit dem Franziskaner und Mystiker
Fra Giovanni di Penna San Giovanni aus der anconitischen
Mark identifiziert, als den eigentlichen Architekten und
Dekorateur der Kirche stellen wollen. Diese Annahme hat
Venturi auf folgende Grundlagen basiert: In einem, Septem-
ber 1, 1238 datierten, an Frate Elia, damaligen General der
Minoriten gerichteten Brief, nennt Papst Gregor IX. den
Giovanni da Penna als Architekten und verlangt von Fra
Elia, daß er denselben weiter in Sassovivo weilen lassen
soll, um den Bau einer Wasserleitung zu beendigen. Dann,
behauptet er, sei Filippo da Campello erst gegen 1253 an
der Fabbrica der Kirche tätig gewesen und dann auch nur
als »spenditore« d. h. Wirtschaftsbeamter. Dies ist, nach
Venturi, aus dem Briefe Innozenz IV. an Filippo aus dem
Jahre 1253 ersichtlich. Derselbe hat die Überschrift wie
folgt: »Innocentius etc. etc. dilecto filio Fratri Philippo de
Campello Ordinis Minorum Magistro, et Praeposito operis
Ecclesiae Sancti Francesci«. Nach Venturi trennt das Komma
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