Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstraße 13

Neue Folge. XX. Jahrgang 1908/1909 Nr. 29. 18. Juni.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« und zum »Kunstgewerbeblatt« monatlich dreimal, in den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfaßt 33 Nummern. Die Abonnenten der »Zeitschrift für bildende
Kunst« erhalten die Kunstchronik kostenfrei. — Für Zeichnungen, Manuskripte usw., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und
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' "."' ■' " 'Die nächste Nummer der Kunstchronik, Nr. 30, erscheint am 16. Juli ====-

IDENTIFIZIERUNG EINES PORTRÄTS VON
REMBRANDT
Vor einiger Zeit zeigte mir Herr Ant. Mensing,
der ausgezeichnete Bibliophile und Kunstkenner in
Amsterdam, ein kurioses altes Buch »Le Cabinet de
Mr- de Scudery«, im Jahre 1646 in Paris erschienen,
worin er auf folgendes Gedicht hinwies:
Le Portraict
de Monsieur
le Marquis
d'Andelot.
De la main de Rheimbrandt

Tels les Perses autresfois,

Vouloient que fussent les Rois,

Qu'ils esleuoient sur le Throne:

Chacum en le voyant en demeure charme;

II paroist Adonis, lors qu'il n'est point arme,

Et lors qu'il a son Casque, une Reine Amazone.

Man hat es hier also mit einem zeitgenössischen
Gedicht auf ein jedenfalls vor 1646 von Rembrandt
gemaltes Porträt zu tun.

Der Dargestellte soll ein bartloser junger Mann
sein von distinguierter, wohl etwas weiblicher Schön-
heit, Adonis ähnlich wenn er keine Waffen trägt, und
wenn er den Helm auf hat, aussehend wie eine Ama-
zonenkönigin.

Er kann aber doch nicht auf einem selben Bild
zugleich bewaffnet und unbewaffnet sein!

Ist es dann möglich, daß es sich hier um solch
ein Porträt handelt, wie Rembrandt um die Mitte der
dreißiger Jahre öfters malte, und worauf die Handlung
transitorisch dargestellt ist? Kann der junge Marquis
gemalt sein, während er dabei ist sich zu waffnen?
Und sieht man dann den Helm, wovon am Schluß
des kleinen Gedichts gesprochen wird, irgendwo neben
ihm liegen?

Wenn man mit dieser Auffassung die früheren
Bände von Bodes großem Rembrandt durchblättert,
findet man schnell ein Bild, was der poetischen Be-
schreibung des Mr- Scudery genau entspricht und aus
französischem Besitz stammt. (Jetzt bei Richard Mor-
timer, New York.)

Bode reiht es als Nr. 205 unter die genrehaften
Einzelfiguren aus der Periode 1634—37 ein, und

nennt es »Ein /(rieger, den Panzer anlegend«. In der
Beschreibung sagt er . . . »im Begriff den Gürtel zu
schnallen. In Beinschienen und Brustharnisch; links
auf einem Tisch liegt der Helm. Dunkles langes
Haar, ohne Bart. Der ärmellose Panzer läßt die ge-
stickten Rockärmel und weißen Manschetten sehen.
Rechts an der Wand ein Plakat.« Auf diesem Plakat
ist etwas geschrieben oder gedruckt, — vielleicht war
es wirklich ein Aufruf zum Krieg oder zur Übung!
Höchstwahrscheinlich ist der junge Mann mit dem
feinen romanischen Gesichtsschnitt, den hübschen
Händen und den wohlgepflegten Haaren ein wirklicher
Offizier. Der Marquis d'Andelot — denn zweifels-
ohne haben wir es hier mit dessen Bildnis zu tun —
gehörte zur bekannten Hugenottenfamilie der Colignys,
welche mit dem Prinzen Friedrich Heinrich nahe ver-
wandt war. Des Prinzen Mutter war Louise de Coligny,
deren Vater, der berühmte Admiral Gaspard de Coligny,
in der Bartholomäusnacht ermordet wurde. Ein Bruder
dieses Gaspard war der tapfere Francois de Coligny,
Seigneur d'Andelot, dessen Söhne Henri und Gaspard
an niederländischer Seite gegen die Spanier kämpften.
Es läßt sich vermuten, daß unser von Rembrandt
gemalter und dem Aussehen nach um 1615 geborener
Marquis einer der Söhne von diesem, auf einem hübschen
Stich von W. J. Delff nach Miereveit ganz martialisch
aussehenden, jüngeren Gaspard war, denn Henri war
schon 1601 vor Ostende gefallen. Vielleicht läßt
sich von französischen Genealogen hier festeres be-
stimmen. Sicher aber gehörte der »Adonis« zu dem
in Holland weilenden französischen Familienkreise
Friedrich Heinrichs. Der Sekretär des Prinzen, Con-
stantyn Huygens, könnte dem Ausländer dann den
gerade zu der Zeit sehr mit ihm liierten Rembrandt
empfohlen haben.

Und jedenfalls findet man in diesem Bild wieder
ein Beispiel dafür, wie ein Gemälde von Rembrandt,
das man für ein Genrebild halten könnte, in Wirk-
lichkeit doch ein authentisches Porträt ist. Und daß
der große Freibeuter in seiner ersten Amsterdamer
Periode doch eine Zeitlang der Modemaler der vor-
nehmen Welt war, davon bietet dieses hübsche Konterfei
ein neues Zeugnis. JAN VETH.
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