Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

Page: 405
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1909/0211
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
405

Nekrologe — Personalien — Denkmäler

406

ligenlegenden verlegen, ist die der blühenden Täler der
Touraine oder der Indre, und diese Heiligen wurzeln boden-
stämmig in der Heimatserde. Die Hauptrolle der Heiligen
während dieser Periode war die der Beschützer der Städte,
Genossenschaften und Einzelindividuen. Wie sie diese
Rolle spielten, zeigt uns Male in dem Kapitel >Les aspects
nouveaux du Culte des Saints*. Es ist hier nicht der Ort,
seinen Ausführungen im einzelnen zu folgen.

Die große Bedeutung, die der Symbolismus in der
Kunst des Mittelalters hat, bleibt während dieser Epoche
ungeschmälert. Aber während der Symbolismus des
13. Jahrhunderts (wie er zum Beispiel auf den Fassaden
der großen Kathedralen zutage tritt) ein geschlossenes
System darstellt, tritt mit dem 14. Jahrhundert eine Ver-
wirrung desselben ein. Die Fassaden der Kirchen, die
während des 14. Jahrhunderts errichtet wurden, zeigen
nicht die Spur eines großen leitenden Gedankens, der die
Fassaden von Amiens oder Charlres zu Enzyklopädien
macht, die auf jede Frage des Gläubigen Antwort bergen.
»Alle die Schöpfungen des ausgehenden Mittelalters, noch
so groß an Umfang, stellen sich fragmentarisch vor: es
sind immer nur vereinzelte Kapitel, niemals eine vollständige
Erzählung. Die Kunst vergißt, daß sie dem Unwissenden
ein Resume alles Wissens schuldet. Die Kunstwerke dieser
Periode bezeugen nicht mehr die Geistesmacht der Ord-
nenden, sondern nur die Frömmigkeit — und manchmal
auch den Hochmut — der Brüderschaften, der Einzelnen
und der Könige.«

»Le soleil gothique se couche derriere la gigantesque
presse de Mayence«. Diese Worte des Genius Victor Hugos
geben den Kern aller Betrachtungen über die Auflösung der
mittelalterlichen Weltanschauung. Und mit ihr ging auch
die mittelalterliche Kunst zu Ende. Am interessantesten
ist dies zu beobachten an dem Umstand, daß während des
hohen Mittelalters die Kathedrale die Lehrerin der Masse
war, und ihre Fassade die Bibel der Armen; so übernimmt
der Holzschnitt, und mit ihm die Buchdruckerkunst, die Ver-
künderin neuer Zeiten, diese Rolle. Die illustrierten Bücher
des 15. Jahrhunderts sind dem Geiste nach mittelalterlich,
und Werke, wie die »Heures de Simon Vostre« verfolgen
die Absichten und entsprangen dem Geiste des hohen
Mittelalters. Male widmet in dem Kapitel über das mensch-
liche Leben, die Tugend und die Sünde in der religiösen
Kunst des ausgehenden Mittelalters längere Analysen dem
Inhalte dieser illustrierten Bücher.

Die Darstellung des Todes in einer realistischen Weise
fängt mit den letzten Jahren des 14. Jahrhunderts an. Wäh-
rend des ganzen 15. Jahrhunderts spielt der Tod in Literatur
wie Kunst eine bedeutende Rolle, im Gegensatz zu den vor-
hergehenden Zeiten, wo er selten und dann auch in einer ru-
higen, verklärten Weise dargestellt ward. Male gibt in seinen
Kapiteln über den Tod und das Grabmal sehr interessante
Ausführungen, wie z. B. über den Einfluß der Bußprediger
auf die Entstehung der Totentanzlegenden, über die Ars
moriendi und ihre Illustrationen usw. Das Kapitel über
das Grabmal stellt uns die Entwickelung desselben wäh-
rend des späten Mittelalters in einer sehr anschaulichen
Weise dar. Das vorletzte Kapitel ist den Darstellungen
des letzten Gerichts gewidmet. Die Apokalypse war nie-
mals mehr gelesen, als während des 15. Jahrhunderts, und
kein anderes Zeitalter hat sie häufiger in der Kunst dar-
gestellt. Diese Darstellungen gipfeln in Dürers Apokalypse,
die von Male ausführlich analysiert wird und deren Ein-
fluß er in Deutschland und Frankreich nachweist. Dies
war vielleicht die letzte große Leistung mittelalterlicher
Kunst.

Das letzte Kapitel endlich bringt uns die Gründe der
Auflösung der Kunst des Mittelalters vor Augen. Das

Konzil von Trient hat zwar die religiöse Kunst vor den
ikonoklastischen Tendenzen der Protestanten gerettet, aber
nur um sie gänzlich umzugestalten. Die 25. Lektion des
Tridentiner Konzils sagt: »Das heilige Konzil verbietet,
daß man in einer Kirche irgend ein Bildwerk aufstellt, das
an ein falsches Dogma erinnert und das die Einfältigen
verführen könnte. Man soll jede Unreinheit vermeiden und
die Bildwerke dürfen keine herausfordernden Züge tragen.
Um diese Entschlüsse zur Geltung zu bringen, verbietet
das heilige Konzil an irgend einem Orte, auch in
den Kirchen, die der Aufsicht des Ordinarius gar nicht
untergeordnet sind, ungewöhnliche Bildwerke aufzustellen
oder aufstellen zu lassen, ohne die Gutachtung des Bi-
schofs.« Das Resultat war eine strenge Kontrolle der
kirchlichen Kunst, die in Molanus, des großen Löwener
Gegenreformators »De historia sanctarum imaginum et
picturarum« am anschaulichsten zur Geltung kommt.
Male zeigt klar an der Analyse dieses Werkes, wie die
Gegenreformation die kirchliche Kunst ihrer Symbole be-
raubt, wie er alles, was mit dem Wortlaut der Evangelien
nicht übereinstimmt, aus der Kirche verdammt wissen will.
Damit war mit der mittelalterlichen Ikonographie, und
mit ihr mit der mittelalterlichen Kunstanschauung, denn
die beiden sind untrennbar, endgültig aufgeräumt worden.

In dieser Besprechung habe ich den Versuch gemacht,
den Inhalt des Werkes anzudeuten. Es ist natürlich un-
möglich, an dieser Stelle auf die Einzelheiten einzugehen.
Es soll nur noch gesagt werden, daß es in Frankreich kaum
ein nennenswertes Kunstwerk gibt, das Males Augen ent-
gangen wäre. Staunenswert ist die Fülle des Materials,
das er aus den Manuskripten zu holen weiß. Males Me-
thode ist, die Kunstwerke niemals isoliert zu betrachten,
sondern sie durch die großen religiösen Bewegungen, durch
die Werke der Theologen, Prediger und Moralisten zu
erläutern zu suchen. Natürlich fehlt jede formale oder
stilkritische Analyse in dem Werk, die man aber hier nie-
mals suchen wird. Das Buch erschien in einer seiner Be-
deutung würdigen Ausstattung. Druck und die zahlreichen
Illustrationen sind tadellos. morton ff. bernath.

NEKROLOGE
Am 30. April starb in München der bekannte Verlags-
buchhändler Albert Langen, der Begründer des seit dem
Jahre 1896 erscheinenden »Simplicissimus«, im 40. Lebens-
jahre. Er war am 8. Juli 1869 in Köln geboren. Die Gründung
seines Verlages fiel in eine Zeit, in der ein neuer Geist im
künstlerischen und literarischen Leben sich durchzusetzen
wußte. Langen hat es verstanden, für sein viel verehrtes
und viel gehaßtes Blatt die bedeutendsten Karikaturisten
Deutschlands und zum Teil auch des Auslandes zu ge-
winnen. Es sei hier nur an Namen wie Th. Th. Heine,
Rudolf Wilke, Bruno Paul, E. Thöny, E. Heilemann, H. Zille,
O. Gulbransson, Th.Steinlen erinnert. Auch Langens übriger
Verlag, den Gebieten der Kunst und Literatur gewidmet,
zeigt mit wenigen Ausnahmen anerkennenswerte Leistungen.
Vor allem aber der »Simplicissimus« wird immer, wie man
sich auch seinen Tendenzen gegenüber stellen mag, eine
Zeiterscheinung von großer kulturgeschichtlicher Bedeutung
bleiben.

PERSONALIEN
Mannheim. Zum Direktor der städtischen Kunst-
sammlung ist Dr. Wiehert, Assistent am Staedelschen
Institut in Frankfurt, ernannt worden.

DENKMÄLER
X Gelegentlich der diesjährigen Generalversammlung der
Goethe-Gesellschaft, die wie stets am Ende der Pfingst-
woche stattfindet, und bei der Geh. Hofrat Georg Treu
loading ...