Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstraße 13

Neue Folge. XX. Jahrgang 1908/1909 Nr. 15. 5. Februar.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst« und zum »Kunstgewerbeblatt« monatlich dreimal, in den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfaßt 33 Nummern. Die Abonnenten der »Zeitschrift für bildende
Kunst« erhalten die Kunstchronik kostenfrei. — Für Zeichnungen, Manuskripte usw., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und
Verlagshandlung keine Gewähr. Alle Briefschaften und Sendungen sind zu richten an E. A. Seemann, Leipzig, Querstraße 13. Anzeigen 30 Pf. für
die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, Rud. Mosse usw. an.

LITERATUR
Eine neue Michelangelo-Biographie.

Es gibt wenige Künstler, über deren Leben und Schaffen
öfter geschrieben wurde, als über Michelangelos. Die lange
Reihe seiner Biographien wurde noch bei seinen Lebzeiten
durch Condivi und Vasari eröffnet, und seitdem hat sich
dieselbe zu einem Ungeheuer angewachsen. Um sich einen
Begriff von dem Umfang derselben zu bilden, ist es lehr-
reich, einen Blick in Passerinis Bibliografia Michelangelesca
zu werfen, die 1875 anläßlich der Michelangelo-Feierlich-
keiten veröffentlicht wurde und somit über 30 Jahre alt ist!
Und diese letzten 30 Jahre waren gerade für die Erkenntnis
der Kunst und der Persönlichkeit des »Schicksals floren-
tinischer Kunst« überaus ersprießlich gewesen. An dieser
Arbeit war kaum ein anderer so bedeutend beteiligt als
Professor Karl Frey. Michelangelo Buonarroti ist wahr-
lich der »Mann seines Lebens«. Wir haben ihm die kri-
tische Ausgabe des »Vite« Condivis und Vasaris, die muster-
gültige Edition der »Rime« und der »Lettere« und end-
lich den Corpus der Handzeichnungen des Meisters zu
verdanken. Mit diesen Arbeiten hat Frey tatsächlich die
Grundlage für die erste, den heutigen Anforderungen ent-
sprechende Michelangelo-Biographie geschaffen. Als solche
können wir seinen »MichelagnioloBuonarotti, sein Leben und
seine Werke« (Berlin, Curtius, igo8), dessen erster Band
kürzlich die Presse verlassen hat, betrachten.

Das Werk sticht grundsätzlich von allem, was bisher
über Michelangelo geschrieben wurde, ab. Es ist nicht
das Resultat subjektiver Betrachtungen über die Werke
des Meisters, wie dies Thode und andere getan haben,
noch ist es eine Schilderung der historischen Szenerie, des
Milieus, von dessen Hintergrund sich die Persönlichkeit
des Oenius wie im Hochrelief abhebt, wie uns dies von
Grimm und Symonds in so glänzender Weise geboten
ward. Freys Programm könnte man folgendermaßen zu-
sammenfassen: Es soll der Versuch gemacht werden, die
Entwickelung des schaffenden Künstlers an der Hand der
mit guten Gründen anzunehmenden Tatsachen, die in so
manchen Fällen das Resultat von Freys Originalforschungen
in bisher unbekannten Quellen sind, zu verfolgen. Kon-
jekturen und Hypothesen vermeidet der Verfasser fast gänz-
lich, und von der historischen Staffage wird nur das Uner-
läßliche geboten. Ein sehr wichtiger Zug des Werkes ist
noch, daß der Verfasser der Entwickelung der Technik und
der Formauffassung in der Kunst Michelangelos gebüh-
rende und gerechte Aufmerksamkeit zuwendet, ohne jedoch
zu technisch oder theoretisch zu werden. Alles in allem,
der Verfasser operiert durchweg mit sinnlich vernehmbaren
Tatsachen, und der erste Eindruck, den die Lektüre seines
Buches hinterläßt, ist der einer sicher durchgeführten, auf
Nüchternheit und Klarheit basierten Darstellung. Die

ästhetische Würdigung des Meisters ist dabei vielleicht nicht
immer so eingehend, wie wir es wünschen möchten; aber
dieser Umstand bietet wieder den Vorzug, die rote Linie in
der Entwickelung des Meisters und die Beziehungen seiner ein-
zelnen Schöpfungen zueirianderklarer durchblicken zu lassen.

Der vorliegende Band ist den Jugendjahren Michelangelos,
endigend mit dem Jahre 1502, gewidmet. Dies ist eine Peri-
ode in des Helden Leben, wofür wir nur sehr spärliche authen-
tische Nachrichten besitzen: sowohl Vasari, wie Condivi
sind von größter Lückenhaftigkeit und Ungenauigkeit. Frey
hat manche wertvolle Notiz, ganz besonders über die Fa-
milie der Buonarroti, aus den florentinischen Archiven hervor-
geholt, die in den Quellen und Forschungen (siehe weiter
unten) meistens mit den Originalbelegen publiziert sind.
Außerordentlich wertvoll sind die Kapitel über Michelangelos
Verhältnis zur Antike und über die anatomischen Studien
desselben. Wir sehen den Meister vom Studium der Antike
— das ja nur in seiner ersten Jugend eine wirklich bedeut-
same Rolle in seinem Entwickelungsgang spielte — zu den
durchgreifendsten anatomischen Studien sich emporheben.
Diese Studien umfaßten nicht nur den menschlichen Körper,
sondern auch die Tierwelt, und sie wurden von Michel-
angelos Freund, dem Chirurgen Realdo Colombo, aufs
kräftigste unterstützt. Welch reiche Perspektiven würden
sich vor unseren Augen öffnen, wäre das vom Künstler
geplante Traktat über Künstleranatomie zur Ausführung
gekommen! Es ist dabei kaum notwendig an Dürers
Proportionenbuch, was Michelangelo durch den Colombo
wahrscheinlich kannte (K. Frey, p. 144), zu erinnern. Dieses
letztere Kapitel gibt eine überaus wertvolle Übersicht der
anatomischen Studien der Künstler in Florenz vor dem
Auftreten des Michelangelo.

Die Ansicht, daß Donatello unter den Vorläufern
Michelangelos vom bleibendsten Eindruck auf den Künstler
gewesen sei, ist noch bei manchen geltend. Nach Freys
Ausführungen wird dies wohl nicht mehr der Fall sein, und
durch dieselben wird man erst recht über die Bedeutung
Jacopo della Quercias und Verrocchios für des Meisters
Kunst sich Rechenschaft geben können. Die stilkritischen
Vergleiche der Arbeiten des großen Sienesen auf der Fas-
sade von San Petronio mit denen Michelangelos gehören
zum Besten, was das Buch enthält. Es sei übrigens auf
die geistreichen Bemerkungen über diese Frage im »Dona-
tello« des Lord Balcarres (London 1904, pp. 15, 71, 192
und passim), das Frey nicht gekannt zu haben scheint, ver-
wiesen. Es ist zu bedauern, daß Frey die Marmorstatuette
im Besitze von Mr. Charles Loeser nicht kennt. Vielleicht
wären seine Ausführungen über den Berliner Giovannino, an
deren rnichelangelesker Herkunft er keine Bedenken zu
haben scheint, nach einem Vergleich mit derselben, anders
ausgefallen.
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