Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Pariser Brief

Inkonvenienzen noch nicht erwachsen, und es ist
nicht ratsam, an solchen mühsam zustande gebrachten
Vereinbarungen ohne Not zu rütteln. Erst in jüngster
Zeit sind die Gehalte sämtlicher Beamten und Be-
diensteten des Museums neu und in zufriedenstellen-
der Weise reguliert worden; sie sind heute den
bayerischen Staatsbeamten der gleichen Kategorien
durchaus gleichgestellt. Das schon wieder zu ändern,
wäre in hohem Maß bedenklich. Durch die Nicht-
wiederbesetzung der zweiten Direktorstelle würde aber
auch dem Verwaltungsausschusse das unstreitig wich-
tige Recht vorenthalten, das ihm zusteht, den zweiten
Direktor vorzuschlagen. Der Charakter der nationalen
Anstalt kann aber nur dann vollständig gewahrt bleiben,
wenn die Rechte des Verwaltungsausschusses nicht
weiter geschmälert, sondern auf das Peinlichste respek-
tiert werden. Gerade um seiner Eigenart willen ge-
nießt das Oermanische Museum heute noch die Sym-
pathien der deutschen Nation. Sie ihr im vollen
Maße zu erhalten, ist das gemeinsame Interesse aller
beteiligten Faktoren und ihre erste und vornehmste
Pflicht. —ss.

PARISER BRIEF

Seit Charles Jacque, Meryon und dem noch unter
uns weilenden Altmeister Bracquemond hat die Ra-
dierung in Frankreich einen neuen Aufschwung ge-
nommen, nachdem man sie vorher recht gründlich
vergessen hatte. So gründlich, daß Bracquemond,
um sich mit der Technik der Radierung vertraut zu
machen, nach langem Herumfragen endlich die ge-
wünschte Aufklärung in der beinahe hundert Jahre
vorher erschienenen Enzyklopädie Diderots fand. Der
Niedergang und das fast gänzliche Aussterben der
Technik im ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts
hing mit der Entdeckung Senefelders zusammen; die
Lithographie hatte den Künstlern ein so überaus be-
quemes und leichtes Mittel zur Vervielfältigung ihrer
Zeichnungen an die Hand gegeben, daß sie die viel
kompliziertere und schwierigere Technik der Radierung
fahren ließen, um sich der Steinzeichnung zuzuwenden.
Dabei kam nun freilich viel Schönes heraus, und ohne
die Lithographie hätten sich Meister wie Charlet, Raffet,
Daumier, Gavarni usw. vielleicht überhaupt nicht durch-
arbeiten können. Indessen ist die Lithographie doch
kein eigentlicher Ersatz für die Radierung, und das
dämmerte den Künstlern endlich auf, nachdem man
die Radiertechnik schon vergessen hatte. Die eine
ist nicht ausdrucksvoller als die andere, aber eine jede
hat ihr ganz besonderes Feld, worauf sie größere
Wirkungen hervorbringen kann als die andere, genau
wie auch wiederum der Holzschnitt andere Ausdrucks-
fähigkeiten besitzt, die weder mit der Radierung noch
mit der Lithographie erreicht werden können.

Gegenwärtig zählt die französische oder vielmehr
die Pariser Kunst, — denn einige ihrer hervorragendsten
Vertreter sind zwar Pariser, aber nicht Franzosen, —
ebenso tüchtige Radierer wie Maler und Bildhauer.
Selbstverständlich ist die Originalradierung interessanter
als die radierte Kopie von Zeichnungen und Gemälden,
obgleich anderseits auch nicht vergessen werden darf,

daß einige der größten Meister der Radierung das
eine Gebiet so sehr gepflegt haben wie das andere,
Einige sehr bedeutende Radierer wieUnger undjacque-
mart haben sogar nur sehr wenige Originalradierungen
geliefert und sich fast ganz auf das Kopieren von
Gemälden usw. beschränkt. Auch Meryon hat einige
Gemälde kopiert, Bracquemond hat fast so viel kopiert
wie original gearbeitet; und wenn man eine solche
radierte Kopie von Unger oder Bracquemond in die
Hand nimmt, kann man sich der Tatsache nicht ver-
schließen, daß der wahre Meister in der Kopie seine
persönliche Eigenart und Bedeutung ebensogut zeigen
kann wie in der Originalradierung. Dahingegen aber
ist der mittelmäßige Radierer als Kopist noch ganz
bedeutend langweiliger denn als Originalstecher, und
darum stimmt es wohl im allgemeinen, wenn man
die Originalradierung an sich interessanter findet als
den Nachstich.

In Paris hat sich vor einigen Jahren eine Ver-
einigung der Originalradierer gebildet, die sich nicht
ungeschickt Peintres-graveurs nennen. Gegenwärtig
haben sie ihre achte Ausstellung bei Durand-Ruel.
Wenn die Leute sich mit Recht Peintres-graveurs
nennen, so hätten sie doch den Zusatz »francais«
weglassen können; parisiens wäre besser gewesen, denn
als Pariser könnte man mit einigem guten Willen den
Schweden Zorn, die Holländer Zücken und Storm
van Gravesande, den Armenier Edgar Chahine, den
Engländer Muirhead Bone und den Belgier Baertson
schließlich gelten lassen, als Franzosen aber doch wohl
nicht. Und beinahe könnte man sagen, daß diese
Ausländer am interessantesten in der Ausstellung sind.
Zum Glück sind Bracquemond und Lepere zur Stelle,
um die französische Ehre zu retten, der erstere aller-
dings nur mit zwei Blättern, die aber Meisterstücke
sind, der andere mit einer ganzen Reihe seiner aus-
gezeichneten Arbeiten. Sehr schön sind auch- die An-
sichten von den Seineufern von Eugen Bejot, die vor-
trefflichen Holzschnitte von Colin, denen man eigent-
lich hier nicht zu begegnen erwartete, denn ebensogut
wie Holzschnitte könnte man auch Lithographen
bei den Peintres-graveurs ausstellen lassen. Charles
Cottet ist etwas schwer und schwarz; von der eigent-
lichen Technik der Radierung, die Tonwerte durch
feine Nuancierung zu geben, scheint er nicht viel zu
wissen, und so sind noch manche Maler, die sich
dieser Technik bedienen, ohne sich die Mühe zu nehmen,
sie erst zu erlernen. Ein Fachmann ersten Ranges, der
alle Möglichkeiten der Radierung kennt und heraus-
holt, ist Eugen Delätre, der Sohn des größten Kunst-
druckers unserer Zeit; seine Radierungen aus der
Normandie und aus Paris sind technisch nahezu voll-
kommen, Louis Legrand hat sich dereinst als Illustrator
des Courrier francais einen Namen gemacht, und das,
was er damals war, ist er auch heute noch; wollte er
auf seine mehr oder weniger für lüsterne Augen
älterer Herren bestimmten Themata verzichten, ich
fürchte sehr, er würde weniger Bewunderer finden,
trotz seiner virtuosen Technik. Dann sind da noch
zu nennen: Loys Delteil, der jetzt die Nadel wegge-
legt hat und sich durch die Abfassung und Heraus-
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