Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Alfred Messels Berliner Museumspläne

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lieh mit solchen aus der Jagdfolge des Johannes
Stradanus, die ursprünglich für Poggio ä Cajano be-
stimmt war.

Aus dem letzten Raum tritt man auf die offene
Loggia, an der Südostecke des Palastes, von der der
Blick ein herrliches Panorama — von Settignano bis
San Miniato und auf die Stadt jenseits des Flusses
— umfaßt. Auch die Decke der Loggia ist gemalt;
sie ist der Juno geweiht, aber diese Malereien sind
durch den Einfluß der Witterung arg mitgenommen.

Geht man dann zurück und über die eine der
beiden Loggien in der großen Sala dei Cinquecento,
so kommt man jetzt in das Quartier der Eleonore
von Toledo, das man in umgekehrter Richtung durch-
schreitet, wie früher. Hier ist nun gleich am Ein-
gang eine neue Überraschung für den Besucher —
die so gut wie unbekannte Privalkapelle der Fürstin
mit den Fresken Bronzinos. In großen vielfigurigen
Szenen ist die Geschichte des Moses — Durch-
zug durch das Rote Meer, eherne Schlange, Moses
schlägt .Wasser aus dem Felsen — behandelt. Man
sieht hier das Streben des noch jungen Meisters nach
Leben und Bewegung. Er bringt so viel Akte an, als
nur irgend möglich. Sie haben die schwierigsten
Stellungen einzunehmen. Jedem wird sich das Aka-
demische dieser unter Michelangelos Schatten er-
wachsenen Kunst aufdrängen. Wieviel Können dabei:
aber kein erfreulicher Gesamteindruck. Auf dem
Altar sieht man die aus den Uffizien zurückgeholten
Tafeln: die Grablegung in der Mitte, die Verkündigung
rechts und links, gleichfalls von Bronzino. Man lese
bei Vasari nach, wie er alle diese Arbeiten bewunderte
(Milanesi VII, S. 596).

Es wurde oben schon angedeutet, daß einiges
Mobiliar die Räume belebt: große Tische, hochlehnige
Stühle, ein Paar Prunkschränke des 17. Jahrhunderts
mit Mosaiken oder aus Schildpatt mit Verzierungen
in Goldbronze. Er ist nichts besonderes dabei; die
meisten Stücke stammen aus späterer Zeit, als die
Dekoration der Zimmer, aber man wird dies kaum
als störend empfinden. Ob es ein sehr glücklicher
Einfall war, im Quartier der Eleonora in mehreren
Schränken eine (übrigens hübsche) Porzellansammlung,
die gelegentlich einmal der Kommune geschenkt
wurde, unterzubringen — viel Capodimonte, aber
auch andere, außeritalienische Fabriken —, lasse ich
dahingestellt. Nur zwei ganz abscheuliche Erzeug-
nisse modernster Keramik fallen unangenehm auf. —
In dem Zimmer mit den Stadtansichten standen früher
einige »sgabelli« offenbar des 16. Jahrhunderts; diese
vermißte ich. Und so ein Möbel, das hier seine
richtige Stelle finden würde: ich meine jenes reich
geschnitzte Schränkchen, offenbar aus der Zeit des
Cosimo Primo, das im Museo di San Marco ganz
am falschen Platz ist. Die Staatssammlungen haben
so wacker dazu beigetragen, diese Räume schmücken
zu helfen, daß sie auch dieses intakte, nur durch
neuerliche Vergoldung etwas geschädigte Möbel dem
Palast abtreten sollten.

An den Wänden einige Porträts späterer Medi-
cäer in ganzer Figur. Die paar mittelmäßigen

Quattrocentomadonnen, die schon früher im Quartiere
vorhanden waren, präsentieren sich jetzt, richtig ge-
hängt, gar nicht schlecht. Endlich sei noch auf die
jetzt gut aufgestellte Bronzefigur eines nackten Mannes,
ein signiertes Werk des Domenico Poggini, ver-
wiesen. Es ist die Arbeit eines interessanten Michel-
angelo-Nachahmers.

In dem großen, mit Ghirlandajos Fresken ge-
schmückten Raum sind Benedetto da Majanos ge-
fällige Marmorfiguren — Johannes der Täufer und
die zwei Kindergruppen — wieder an die ursprüng-
liche Stelle über der Intarsiatür zurückgekehrt, die sie
hoffentlich nie wieder verlassen werden. Und eine
weitere teilweise Rekonstruktion wird in der kleinen
Kapelle des Quartiere di Leone X. mit Freuden beob-
achtet. Auf dem Altar hat man die Kopie der Ma-
donna dell' Impannata von Raffael aufgestellt, die
hier ihre Stelle hatte, zwischen den zwei Figuren der
Heiligen Cosmas und Damian — unter den Zügen
des Cosimo vecchio und Herzog Cosimos — von
Vasari. So hat auch dieser anmutig dekorierte Raum
sein originales Ansehen wiedergewonnen.
_(Schluß folgt)_

ALFRED MESSELS BERLINER MUSEUMSPLÄNE

X Über Alfred Messels Berliner Museums-Ent-
würfe, deren Publikation im »Jahrbuch der kgl. preußi-
schen Kunstsammlungen« die Generaldirektion für eins der
nächsten Hefte vorbereitet, erfährt man schon jetzt einige
nähere Angaben. Übereinstimmend geben alle, denen
die Blätter vorlagen, ihrer Bewunderung Ausdruck über
die Art, wie Messel in den Jahren der Krankheit und Er-
schöpfung dies große Werk in Angriff nahm und durch-
führte. Wenn einst das, was hier die Phantasie und der
ordnende Sinn eines genialen Baumeisters dem Kartou
anvertraute, Gestalt gewonnen hat, wird Berlin in seinem
Zentrum eine Akropolis der Kunst besitzen, die schwerlich
ihresgleichen hat. Mit starker Hand hat der Architekt das
gesamte Bodesche Reformprogramm von igoö, soweit es
sich auf die Museumsinsel bezog, in die Tat umgesetzt:
der große Gesamtgrundriß, den er entwarf, umfaßt die
Neubauten des Deutschen Museums, des Pergamon-Museums,
des Vorderasiatischen Museums und den Erweiterungsbau
der ägyptischen Abteilung. Diese Gebäude der Zukunft
werden in Verbindung mit den älteren Bauwerken (dem
Neuen Museum, der Nationalgalerie, dem Kaiser-Friedrich-
Museum und den verbindenden Säulenhallen) das gesamte
Terrain des nordwestlichen Zipfels der alten Köllner Insel
bedecken, also das ganze Dreieck zwischen der sogen.
Museumsstraße (dem Wege der elektrischen Bahn) und
den beiden Spreearmen. Das hübsche alte Haus am
Kupfergraben mit seinem verträumten Garten, ein Erb-
stück aus der Schinkelzeit, heute im Besitz des Fiskus, so-
wie die Lagerhäuser und barackenartigen Baulichkeiten, die
heute noch zwischen den Museen stehen, werden fallen.
Die überaus schwierige Doppelaufgabe war nun, den neuen
Bauwerken auf dem verfügbaren Raum zwischen den be-
stehenden ihren Platz zu sichern und sie diesen so anzu-
gliedern, daß eine einigermaßen organische Einheit ent-
stand. Messel hat das Problem so glänzend gelöst, daß
das Resultat ganz einfach und selbstverständlich erscheint.
Der Grundriß der »Insel« ward dabei freilich verzwickt
genug.

Der Schwerpunkt des Planes liegt auf dem Gelände
zwischen dem Neuen Museum, der Stadtbahn und dem
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