Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Nekrologe — Personalien — Weitbewerbe — Denkmäler

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Was die Kirchen anbetrifft, so ist der Dom aus König
Rogers II. Zeit (ungefähr 1130 geweiht) bis auf die Ap-
siden zerstört. Darinnen haben sich aber die byzantinischen
Mosaiken aus dem 12. Jahrhundert erhalten und das ist
ein großes Glück, wenn man bedenkt, daß in ihnen noch
so viel von der großen byzantinischen Kunst lebt. Zerstört ist
indessen das Mosaik mit der Jungfrau Maria und dem Christus-
kinde, wohl älter als die des Domes, aber im 12. Jahrhundert
ganz restauriert, im Convento di San Giorgio. Ein großer
Schutthaufen ist die Kirche von Santa Maria delle Scala.
Keine Nachricht haben wir von dem Tondo Andrea della
Robbias, welches die zerstörte Kirche von Santa Maria
della Scala schmückte, aber wie gesagt, aus den Ruinen
kann noch vieles gehoben werden, und gewiß wird der
mit dem Leben davongekommene Prof. La Corte-Callier,
der Direktor des Museums und um die messinesischen
Kunstwerke so verdiente Gelehrte, alles aufbieten, um
so viel wie nur möglich zu bergen. Der große Neptun-
brunnen Montorsolis am Hafen ist gerettet, zerstört der
Orionbrunnen am Dom vom gleichen Künstler, aber man
hofft vieles von dem Statuenschmuck wiederfinden zu können.

Noch ist es nicht möglich, genaues zu erfahren, aber
ich hoffe, der Kunstchronik bald einen reichhaltigeren Be-
richt senden zu können. fed. h.

NEKROLOGE
X In Berlin starb am 25. Januar der Maler und Illustrator
Rudi Rother im Alter von 46 Jahren. Er war am
19. Januar 1863 zu Hirschberg i. Schi, geboren, hat 1884
—1888 die Berliner Akademie besucht und seitdem eine
sehr lebhafte künstlerische Tätigkeit, namentlich auf dem
Gebiete der Illustration, entfaltet. Rothers liebenswürdige
Persönlichkeit erfreute sich in Berliner Künstlerkreisen all-
gemeiner Sympathie.

PERSONALIEN
X Zu Jozef Israels' 85. Geburtstage, den Holland
am 27. Januar feierte, hat ein Landsmann des Künstlers,
der jetzt in Berlin lebende Dichter und Schriftsteller Her-
mann Heijermans, im » Berliner Tagebl.« allerlei Persönliches
von dem großen Alten erzählt. »Israels,« so berichtet er,
»unternimmt erst täglich seinen Spaziergang durch den
alten Haagschen ,Bosch', langsam dahinwandelnd, gebeugt,
das weiße Haar vom schwarzen Schlapphut bedeckt, Schritt
vor Schritt, wie es scheint in Nachdenken versunken, um
sich dann in dem Atelier seiner fast gar nicht künstlerischen'
Wohnung einzuschließen. Wenn er im Sommer seine Villa
in Scheveningen bewohnt, die Villa, die ihm von einem
Verehrer für sein ganzes Leben überlassen wurde, fährt er
noch jeden Tag mit der Dampfbahn nach seinem Atelier
in den Haag. Und in der Dampfbahn liest er die Bücher,
die ihn interessieren. Aber die liest er auf seine Manier.
Er reißt nämlich, bevor er seine Villa verläßt, genau so
viel heraus, wie er während der Fahrt nötig zu haben
glaubt. Seine ganze Bibliothek ist auf diese Weise in den
Papierkorb gelangt, aber, so sagt er selbst: ,Viel wichtige
Bücher bin ich auf diese Art nicht losgeworden; denn die
meisten Bücher von heute sind nur eben des Zerreißens
wert.' Abends sitzt er ständig bei seiner Gesellschaftsdame,
Fräulein Keller, zu Hause. Dann hält er erst ein behag-
liches Schläfchen, raucht eine Zigarre aus einem gläsernen,
hermetisch verschlossenen Behälter, (,um sie besonders
gut trocken zu halten'), und wenn er dann, wie meist,
Besuch hat, spielt er vergnügt wie ein Kind eine Partie
Schach, lange über die Züge nachsinnend und mit freudig
glänzenden Augen, wenn er die Partie gewinnt. O, es
ist solch ein Vergnügen, ihn eine Partie gewinnen zu

lassen! Wie er bei seinem Alter noch so besonders wider-
standsfähig, noch so stark in seiner Arbeit geblieben ist?
Junger Mann,' sagt er mit seinem prächtigen Lächeln,
,willst du alt werden, dann schaffe gesunde Kunst, eine
Kunst, die nichts Apartes sucht, eine Kunst, die nicht nach
Sensation strebt, und besonders: kritisiere niemals deine
Kollegen, weil alles in der Kunst so verflixt schwierig ist,
ja, so verteufelt schwierig . . . arbeite ruhig, dann arbeitest
du lange und gut ....'«.

X In der diesjährigen Hauptversammlung des Vereins
für deutsches Kunstgewerbe zu Berlin am 29. Januar
hat bei den Vorstandswahlen, trotz der emsigen Agitation
einer Gegenpartei, diejenige Gruppe der Mitglieder gesiegt,
die dem bewährten früheren Vorstand ihr Vertrauen be-
zeugte. Es wurde demnach zum Vorsitzenden wiederum
Geheimrat Dr. Muthesius gewählt, zum ersten Stellvertreter
Direktor Dr. Peter Jessen, zum zweiten Stellvertreter der
Glasmosaikfabrikant August Wagner.

WETTBEWERBE

X Zu dem Wettbewerb für ein neues Fünfundzwanzig-
Pfennigstück, dessen Ergebnis wir in der vorigen Nummer
mitgeteilt haben, veröffentlicht die »Werkstatt der Kunst«
eine Kundgebung des »Künstlerverbandes deutscher Bild-
hauer«, die auf das Mißverhältnis zwischen der außer-
ordentlich starken Beteiligung der Künstler und der Auf-
gabe selbst hinweist. Es sind bei dem Wettbewerb über
fünfhundert Entwürfe eingegangen. Dabei war der künstle-
rischen Betätigung nur ein sehr geringer Spielraum ge-
lassen, da die Anbringung des Adlers usw. bis ins Detail
genau vorgeschrieben war. Besonders aber war es eine
Bedingung, die der »Künstlerverband« mit Recht tadelnd
hervorhebt: es wurde nämlich verlangt, die Entwürfe gleich
in der Münzgröße von 23 Millimeter Durchmesser einzu-
liefern. Die Befähigung, in so kleinen Dimensionen zu
modellieren, besitzen indessen nur ganz wenige deutsche
Bildhauer. Es wäre am richtigsten gewesen, nur diese
auszuwählen und zu einem engeren Wettbewerb einzu-
laden. Denn alle übrigen Bewerber waren nun genötigt,
ihre Entwürfe in größeren Dimensionen anzufertigen und
dann erst auf mechanischem Wege in die Münzgroße ver-
kleinern zu lassen. Die Verkleinerung kostet für jede
Münzseite 100 Mark, so daß der weitaus größte Teil der
Bewerber für jeden Entwurf 200 Mark bare Unkosten
hatte. So hat also die deutsche Künstlerschaft für diesen
Wettbewerb, wenn man nur diese 200 Mark Auslagen
rechnet und die Aufwendung an Arbeitskraft und Zeit
ganz aus dem Spiel läßt, 500X200 Mark, d. h. 100000 Mark
ausgegeben — damit schließlich insgesamt an drei preis-
gekrönte Bewerber 4000 Mark ausgezahlt wurden! Mit
Recht weist die Kundgebung der Bildhauer darauf hin,
daß unter solchen Umständen eine Reichsbehörde nicht
ohne weiteres zu dem Hilfsmittel einer allgemeinen Kon-
kurrenz greifen solle.

DENKMÄLER
X Das Berliner Virchow-Denktnal von Fritz Klimsch
soll nun doch in der Form, die das Komitee nach den
Verhandlungen mit dem Künstler seinerzeit genehmigt
hatte, errichtet werden. Wie bekannt, hatte der Kaiser zu-
erst seine Zustimmung zur Aufstellung des Monuments
versagt; der Monarch hat indessen auf eine ausführliche
Eingabe des Geheimrats Waldeyer hin seine Bedenken auf-
gegeben und die Genehmigung nachträglich erteilt. Die
Nachricht wird allenthalben mit Genugtuung gehört werden:
man entsinnt sich des Unbehagens, das die Berliner Kunst-
welt ergriff, als im vorigen Jahre die Ablehnung des vor-
trefflichen Werkes bekannt wurde. Besonders sympathisch
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