Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Nekrologe

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P. Francesco Maria Angeli, Collis paradisi amoenitas etc.,
1704, verlassen haben. P. Angelis Oberflächlichkeit hebt
schon Venturi in seinem Buche hervor. Dagegen ist die
Bulle korrekt publiziert in Reuters Bullarium Franciscanum,
Quarocchi, 1908, p. 65, Nr. 671.

Assisi, 2. Juli 1909 MORTON H. BERNATH.

NEKROLOGE

Am 29. Juni ist Richard Muther, ordentlicher Pro-
fessor der Kunstgeschichte an der Universität Breslau, erst
49 Jahre alt, gestorben. Wie eine Feuergarbe ist bei dieser
Nachricht alle Verehrung und Geringschätzung, aller Preis
und aller Groll aufgeloht, die Muthers Lebensweg begleitet
haben. — Wir wollen nicht den Totenrichter spielen, um
wieder das zu sagen, was in hundertfachem Echo hundert-
mal gesagt worden ist; schließlich wirkte dies Einerlei der
urteilenden Gebärde langweiliger, als der Inkulpat selbst
es je im Leben war. Denn ennuyant sind seine Bücher
und Aufsätze nie gewesen — schlimm genug, daß er sich
dafür jeden andern Genre erlaubte.

Richard Muther war am 25. Februar 1860 im thürin-
gischen Ohrdruff geboren. Seine Studien betrieb er in
Leipzig unter Springer, bei dem er 1881 mit einer soliden
Arbeit über Anton Graff promovierte. Dann ging er nach
München, habilitierte sich 1883 als Privatdozent und
assistierte von 1885—1895 am Münchener Kupferstich-
kabinett als Kustos. In diesen Jahren schloß er einen
Bund mit dem Münchener Verleger Georg Hirth, dem die
Herausgabe der beiden prächtigen Cicerone durch die
Münchener und Berliner Galerie und dann die nützliche
Sammlung der Deutschen Bücherillustration der Gotik und
Frührenaissance entsprossen sind. Bei Georg Hirth er-
schien auch 1893—1894 das Werk, das Richard Muthers
Glück und Ende war: »Die Geschichte der Malerei im
19. Jahrhundert« (nach deren Erscheinen bekam er 1895
die Breslauer Professur). Vergessen wir niemals, wie
dieses Buch einst auf uns erleuchtend und befreiend ge-
wirkt hat, wieviel Kenntnisse wir daraus geschöpft haben
und wie oft wir es — noch jetzt vom Bücherborte
herunternehmen. Dies Werk wird bleiben. Trotzdem es
zu Boden geschleift wurde, wartet es noch heute seines
Überwinders; es hat sich in den 15 schreibseligen Jahren
noch keiner gefunden, der es durch neue Tat überflüssig
gemacht hätte.

Was dann kam, war böse. Allerlei Bücher und
Büchelchen, von denen bald schon die Titel vergessen sein
werden. Rasche Arbeit mit der Sucht und Fähigkeit zu
blenden. Er liebte eben das Feuerwerk, hat sich aber da-
bei oft die Hände verbrannt. Schließlich lief er mit so
vielen Wunden bedeckt umher, daß ihn seine Fachgenossen
mieden. Er hat daran schwer gelitten. So wurde er
mehr und mehr Journalist. Hier war er bis zuletzt ge-
sucht und gefeiert. Und das mit gutem Rechte. Denn er
handhabte mit hoher Virtuosität die einprägsame und ge-
fällige Kunst, empfangene Eindrücke rasch in gleichgestimmte
schillernde Worte umzusetzen. Dort, wo Stimmung über
Wissen, Gefühl über Gelehrsamkeit, Blitzlicht über lang-
sam erarbeitete Helligkeit gestellt werden, hatte Muther
seine große Gemeinde. Besonders in den sensitiven Kreisen
der Wiener Sezession. Da hatte er wirklich Kontakt.

Nun wird, wie wir hören, nach seinem Tode noch
einmal ein dickes großes Buch von ihm erscheinen: eine
dreibändige Geschichte der gesamten Malerei, über deren
Drucklegung er abgerufen wurde. Möge sie nicht neue
Schatten auf sein Bild werfen. o. K-

In Bad Reinerz ist der geschätzte Berliner Landschafts-
maler Professor Willy Hamacher am 8. Juli gestorben.

Der Künstler, der am 10. Juli 1865 in Breslau als Sohn
eines Historienmalers geboren wurde, hat also nur ein
Alter von 44 Jahren erreicht. Mit Walter Leistikow und
anderen gehörte er zu den Meisterschülern Hans Gudes.
Zahlreiche Auszeichnungen sind ihm zuteil geworden.
Kurz vor seinem Hinscheiden erhielt er den ersten Ehren-
preis der Stadt Berlin. Zum Wirkungsfeld seiner künst-
lerischen Betätigung hatte er sich die westliche Riviera
erwählt, und so behandeln viele seiner Bilder das felsige
Gestade zwischen Genua und Rapallo. Ein solches Motiv
stellt auch sein Bild »Vernazza di Levante« dar. Es ist im
Besitz des Städtischen Museums der bildenden Künste zu
Leipzig und im ersten Hefte des laufenden Jahrgangs der
»Meister der Farbe« reproduziert.

Am 4. Juli starb in Rom der Erzabt von Monte Cassino
Bonifazius Krug, der sich durch seine Arbeiten im
Gebiet der christlichen Kunst rühmlichst bekannt ge-
macht hat und dem auch die Restaurierung der herrlichen
Krypta des Klosters zu danken ist. Abt Krug war am
19. September 1838 zu Hünfeld bei Fulda geboren.

In Bremen ist am 28. Juni der Maler und Dichter
Arthur Fitger gestorben. Er war am 14. Oktober 1840 in
Delmenhorst geboren. Die Säle vieler öffentlicher Gebäude,
so besonders in Bremen (Ratskeller, Börse) und Hamburg
haben durch seine dekorativen Wandmalereien ein fest-
liches Gepräge erhalten. Auch das Postmuseum in Berlin
hat er unter anderem mit Wandbildern geschmückt.

A. J. Somow f. Am 30. Mai (12. Juni) verschied zu
St. Petersburg im Alter von 79 Jahren der Oberkonservator
(Abteilungsdirektor) der Gemäldegalerie der Kaiserlichen
Eremitage Andrei Iwanowilsch Somow. In ihm ist ein be-
deutender Bahnbrecher der kunsthistorischen Ideen in Ruß-
land dahingegangen. In dem klassischen Lande des ererbten
Amateurgeschmackes ancien regime, wo die »intelligente«
Masse der Gesellschaft der bildenden Kunst mindestens
fremd gegenüberstand, die Kunstgelehrten aber wiederum
ihre Interessen der byzantinischen und nationalen Archäo-
logie hauptsächlich zuwandten, war Somow einer der
ersten, die die Notwendigkeit erkannten, den reichen Besitz
Rußlands und speziell Petersburgs durch eine Behandlung
nach den Gesichtspunkten der neu entstehenden historischen
Kunstwissenschaft zu erschließen. Von Hause aus Mathe-
matiker, hatte Somow auf zahlreichen Reisen sich schon
frühe ein reges Kunstinteresse angeeignet, dessen erste
Betätigung eine Studie über die Gemälde der Eremitage
vom Jahre 1859 war- ln späteren Jahren hat dann Somow
alsHerausgeberdes »Westniklsjaschtschnychlskusstw« (Bote
der schönen Künste), der bei der Akademie der Künste erschien,
für die Verbreitung kunsthistorischerAufklärung gesorgt und
in gleicher Richtung bewegten sich die kunsthistorischen
Artikel der russischen Realenzyklopädie von Brockhaus und
Ephron, die alle von ihm redigiert, zum großen Teile auch
von ihm verfaßt worden sind, sodann die Leitung der
russischen Ausgabe von Woermanns Kunstgeschichte (bis
zur Mitte des zweiten Bandes) und die Texte der Eremitage-
edition von Hanfstängl und Suworin und eine ganze
Reihe von kunsthistorischen Artikeln, die in verschiedenen
russischen Zeitschriften erschienen. Besonders sind dann
noch die Monographien über Brüllow und Fedotow
(beide 1878) zu nennen. Weitaus die wichtigste Leistung
Somows für die Kunstwissenschaft ist aber die Ab-
fassung des ersten räsonnierenden Katalogs der Eremitage-
galerie, der 1889—1893 in erster Auflage erschien und
seitdem immer wieder neu aufgelegt wurde; noch an
seinem Todestage hat Somow sich den eben erschienenen
Neudruck des ersten Bandes zur letzten Durchsicht
vorlegen lassen. Als Somow 1885 an diese Aufgabe
ging, die ihm sein Vorgänger im Amte, der früh
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