Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

»»iSS»?*

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstraße 13

Neue Folge. XX. Jahrgang

1908/1909

Nr. 5. 13. November.

monat l^Ilnstcllronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« und zum »Kunstgeweibeblatt« monatlich dreimal, in den Sommer-
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ANTONIO NICHT VITTORE PISANELLO!

Vor zwei Jahren habe ich in meiner Studie über Fran-
cesco Laurana den Nachweis zu führen gesucht, daß Pisa-
nello für den berühmten Triumphbogen des Alfonso in
Neapel Entwürfe gemacht haben muß, die wohl teil-
weise in dem untersten Geschoß und in dem Relief des
■ riumphbogens darüber auf uns gekommen sind, wenn auch
durch die Hände der ausführenden Meister verändert und
verstümmelt. Abgesehen davon, daß Pisanello tatsächlich
Wiederholt in den Diensten Alfonsos erscheint und für ihn
auch als Medailleur tätig- gewesen ist, versuchte ich die un-
verkennbaren Einwirkungen seiner Kunstweise auf die
Gestaltung der beiden unteren Bogengeschosse durch den
Nachweis zu erklärendaß der größere Teil der in dem
Codex Vagliardi in Paris befindlichen Zeichnungen Kopien
von der Hand eines Schülers Pisanellos nach dessen ver-
loren gegangenen Entwürfen für das Triumphzugrelief des
Rogens darstellen. Venturi hat in der Rezension meines
Ruches in der Arte2) sich gegen diese Ausführung erklärt.
Ohne an meinen Deduktionen irgendwie sachliche Kritik
zu üben oder auf die fraglichen Zeichnungen die Leser
hinzuweisen, greift er nur eine nebenbei gemachte Bemer-
kung heraus und geht der Hauptsache aus dem Wege3).

1) Siehe S. 66, Abb. 26; S. 68, Abb. 27 und Tafel X.

2) Auch die Untersuchungen Avenas, aus denen hervor-
V?*' daß der Bogen in vier Absätzen gebaut wurde, be-
stätigt meine Annahme.

3) L'arte 1907, X, S.472. Nach Venturis Text könnte man
einen, ich führte für meine Behauptung nur die vage Notiz,

ob '>Eneas Pisano* 1449 in Neapel genannt wird, an,

mitWp 'Ch darauf hinweise, daß diese Notiz wohl nichts
Reze 'Sane,1° zu tun hat. Wie Venturi dazukommt, in der
riconnS'°n VOn mir zu behaupten »A Roma egli ha voluto
Con/i,SCere 'a mano del Laurana ne' bassorilievi
Paolofr* di. San Pietr0> testh Pub'icati da L'Ai
steht d '0r<kn'>* ist mir-ganz unverständlich. Denn erstens
Qiord 'n mei'iem Buche nichts und zweitens fußt Paolo
nisse 01 ^'kst in seinem Aufsatz teilweise auf den Ergeb-
PreuR' mflner e,genen kurz vorher in den Jahrbüchern der
lach jS Kunstsammlungen publizierten Forschungen,
denen die Reliefs teilweise dem Pietro Paolo genannt
s no zuzuschreiben sind. (Daß die Darlegungen Oiordanos,
mit ri" S'g V°n me'nen Ergebnissen abweichen, sehr wohl
diesen in Einklang zu bringen sind, werde ich an
erer Stelle dartun.) Aber es ist doch jedenfalls ganz
rstaunhch, daß ein Rezensent in solch oberflächlicher Weise
solh 86 BehauPtungen aufstellt. Ein Mann wie Venturi
ue doch auch den Schein vermeiden, als ob er bei einer
v 'ssenschaftlichen Besprechung den tatsächlichen Sach-
fnalt m tendenziöser Absicht entstellte.

della
Arte da

Ich gäbe deshalb ein »disegno scorretto, fantastico«, indem
ich glauben machen wolle: »l'arco disegnato anche su ab-
bozzi del Pisanello, il quäle dormiva il sonno eterno da
qualche anno allorche l'arco stesso fu costruito.« Venturi
tut so, als sei seine Behauptung, Pisanello müsse spätestens
1451, dem Jahre des Beginnes der Erbauung des Triumph-
bogens, gestorben sein, dokumentarisch erwiesen. Gewiß
wird Pisanello seit 1449 nicht mehr urkundlich genannt.
Jedoch erst im Jahre 1456 haben wir durch eine Notiz
Fazios eine sichere Nachricht von dem Tode des Meisters.
Aber der fragliche Passus, in dem Fazio von Pisanello sagt:
»in pingendis formis rerum sensibusque exprimendis ingenio
prope poetico putatus est«, gibt gar keine Anhaltspunkte
für den Schluß Venturis, daß Fazio von Pisanello spreche
»come di uomo morto da tempo«. Auch übergeht Venturi
ganz den bekannten schon von Gaye publizierten Brief des
Carlo de' Medici an Giovanni de' Medici, worin dieser am
31. Oktober 1455 schreibt »lo avevo a questi di comprate
circha di 30 medaglie di ariento, multo buone da uno
garzone del Pisanello, che mori a questi di« Carlo di
Medici gibt doch sicherlich kein »disegno fantastico« der
Wirklichkeit in dieser einfachen Notiz. Nun geht mir soeben
von dem verdienstvollen Direktor der Veroneser Kommunal-
bibliothek ein von ihm verfaßtes Schriftchen zu, das auf
wenigen Seiten nun nicht nur den Nachweis führt, daß
Pisanello tatsächlich erst im Oktober 1455 und vielleicht
in Neapel gestorben ist, sondern zugleich gestützt auf neue
glückliche archivalische Funde und scharfsinnige Kombi-
nationen den Nachweis führt, daß wir bisher über den Vor-
namen eines der berühmtesten Namen der italienischen
Kunstgeschichte falsch orientiert waren.

Für den Vornamen Pisanellos haben wir zwei Quellen.
Erstens eine Tafel des Berliner Museums, die aus dem
Besitze des Bart, dal Pozzo stammt und die Inschrift
trägt: »Opera Di Vettor Pisanello de San Vi Veronese
MCCCCVI.« Dieses Gemälde ist augenscheinlich also seit
seiner Entstehung in Verona gewesen und Pozzo erwähnt
es selbst in seinem Buche »le Vite dei pittori, degli scultori
ed architetti veronesi, Verona 1718«, pag. 9. Außer dieser
Inschrift gibt nur noch Vasari den Vornamen Pisanellos
an. In seiner ersten Ausgabe vom Jahre 1550 schreibt
er: »Pisanello per proprio nome detto Vittore«, in der
Ausgabe vom Jahre 1568 dagegen: »Pisano o vero Pisa-
nello«. Der Vergleich der beiden Textstellen läßt zweifel-
los eine gewisse Unsicherheit in der Gruppierung der
beiden Namen erkennen. Außer diesen beiden Quellen
fehlt jeder Beleg dafür, daß Pisanello tatsächlich den
Vornamen Vittore geführt hat. Weder auf den Medaillen
noch in irgend einer der uns erhaltenen dokumentarischen
oder literarischen Notizen über Pisanello kommt der Name
vor und auch die Epigramme des Guarino Veronese und
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