Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

Page: 545
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1909/0281
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstraße 13

Neue Folge. XX. Jahrgang 1908/1909 Nr. 32. 10. September.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« und zum »Kunstgewerbeblatt« monatlich dreimal, in den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfaßt 33 Nummern. Die Abonnenten der »Zeitschrift für bildende
Kunst« erhalten die Kunstchronik kostenfrei. — Für Zeichnungen, Manuskripte usw., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und
Verlagshandlung keine Gewähr. Alle Briefschaften und Sendungen sind zu richten an E.A.Seemann, Leipzig, Querstraße 13. Anzeigen 30 Pf. für
die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, Rud. Mosse usw. an.

===== Die nächste Nummer der Kunstchronik, Nr. 33, erscheint am 24. September ===========-

EIN PRACHTWERK ÜBER VELAZQUEZ

Eine Wahrheit, die dreißig Jahre Geltung gehabt hat,
ist alt geworden und reif, von einer neuen Wahrheit ab-
gelöst zu werden — so oder so ähnlich hat sich einmal
Nietzsche ausgedrückt. Fast scheint es, als ob dieses
Axiom auch auf die Kunstgeschichte Anwendung finden
sollte. Die »Umwertung aller Werte« begann, als die
deutschen und englischen Nazarener Raffael zu entthronen
suchten. Tintoretto, der große göttliche Tintoretto, galt
einer ganzen Zeit als ein gewissenloser Schmierer, Murillo
wurde im Jargon der Künstlerateliers zum Zuckerbäcker,
van Dyck zum seelenlosen Handgelenkskünstler degradiert.
Nur vor zwei Malern, allerdings zweien, die das 19. Jahr-
hundert erst unter die eigentlichen Götter versetzt hatte,
schien diese herostratische Wut Halt zu machen, Rem-
brandt und Velazquez. Und nun ereilt auch einen von
diesen das gleiche Schicksal. Ein vielgelesener Schriftsteller,
Julius Meier-Graefe, der den herrlichen Spanier früher als
Vorbild und Muster aller Modernen gepriesen hatte, bringt
in seinem spanischen Reisetagebuch als Hauptergebnis eine
vollständige Enttäuschung über dessen Werk. Und wie es
einem Kinde ergeht, das aus Ärger über sein geliebtes
Spielzeug dieses so gründlich vernichtet, daß überhaupt
nichts mehr übrig bleibt, so versetzt er den Gott nicht
etwa nur unter die Halbgötter, sondern zerzaust ihn so
lange, daß aus dem »Meister der Meister« ein Maler
dritten Ranges ohne Erfindung, ohne Geist, ohne Seele,
ohne Rhythmus, ja ohne eigentliches Können wird.

Aber »es kam alles, wie es kommen mußte«! Von
dem Augenblicke an, wo man Cezanne, van Gogh, Münch
nicht mehr als interessante Zeitphänomene, die sie ja un-
zweifelhaft sind, sondern als ganz große Künstler prokla-
mierte, herrschte der Anarchismus in der Kunstbetrachtung.
Jeder feste Maßstab fiel den Leuten aus den Händen, auf
den Impressionismus des Schaffenden folgte der Impressio-
nismus des Genießenden. Was hilft es uns und ihm, daß
Meier-Graefe seine unwandelbare Liebe zu Rubens und
Rembrandt versichert, daß er seine inbrünstige Verehrung
für Raffaels Madrider Kardinalsporträt verkündet? So
ehrlich er es meint — und ich kenne ihn zu gut, um dies
im mindesten zu bezweifeln —, wir glauben ihm nicht
mehr. Wer einmal begonnen hat mit dem Hammer zu
philosophieren, der hält in der Götzendämmerung so bald
nicht inne. Allein, sollten wir uns darüber ärgern? Hat
es Sokrates etwas geschadet, daß Nietzsche ihn erschlug?
Sind Luther und Bismarck aus allen Scheiterhaufen, die
man ihnen errichtet, nicht immer strahlender hervorge-
gangen? Die beste Antwort, die wir diesen Heiligtums-
schändern erteilen können, ist die, daß wir unsern Göttern

immer herrlichere Altäre bauen und ihnen immer köstlicher
duftenden Weihrauch streuen.

Einen solchen Altar schönster Art hat genau zu dem-
selben Zeitpunkt, als das Meier-Graefesche Pamphlet er-
schien, die Photographische Gesellschaft in Berlin im Verein
mit Valerian von Loga unserem Meister errichtet. Wir
Deutschen sind nicht eben reich an — äußerlich — wirk-
lich schönen Büchern. Unsere rastlose Generation, die
sich zum Atemholen so wenig Zeit läßt und darum im
Kunstgewerbe neben manchem Wertvollen so vieles Bizarre
hervorgebracht hat, sie hat auch in der Buchausstattung
viel gesündigt, hat, den Indianern gleich, bei denen man
vor Federputz, Nasen- und Ohrringen und Tätowierung
kaum etwas vom Gesicht mehr sieht, vergessen, daß
Schmuck eben Schmuck bleiben muß und vom Wesent-
lichen, also hier dem Inhalt, nicht abziehen darf. Das
Wichtigste der Buchausstattung ist doch — es ist eigent-
lich langweilig, das immer und immer wieder zu wieder-
holen — ein gutes Papier, eine leserliche Type und die
geschmackvolle Verteilung des Drucksatzes im Räume. Bei
allem sonstigen Schmuck muß mit der äußersten Sparsam-
keit und einer beinah ängstlichen Feinfühligkeit verfahren
werden. Diese Bedingungen sind nun bei dem neuen
Prachtwerk in geradezu musterhafter Weise erfüllt worden.
Schon der Einband, graue Leinwand sehr kräftiger Textur
mit Pergamentrücken, macht den Eindruck exklusiver Vor-
nehmheit. Als Papier ist bestes Büttenpapier und für die
wenigen Vorzugsexemplare kaiserliches Japanpapier gewählt
worden. Die Drucktype ist eine körperhafte, von der all-
gemein üblichen nicht allzu sehr abweichende Antiqua,
Spatien, Interkolumnien, Ränder sind so bemessen, daß
das Seitenbild schon beim ersten flüchtigen Hinblick wohl-
tuend wirkt. Zu dem Schwarz und Weiß gesellt sich nur
ein wenig Rot in den am Rande wiederholten Titeln der
im Text besprochenen Werke und in den schönen Initialen
der Kapitel, die von Loga ebenso wie die schwarzen
Schriftstücke aus Büchern des 17. und 18. Jahrhunderts
ausgewählt hat. Sonst ist kein weiterer Zierat verwendet
worden. Den Hauptschmuck des Buches bilden die
63 Photogravuren, die die Photographische Gesellschaft
nach den allerbesten Vorlagen hergestellt hat. War man
bis vor kurzem für Madrid auf spanische und einige
Braunsche Photographien angewiesen, so hat jetzt Anderson
die Werke des Prado in schlechthin mustergültiger Weise
aufgenommen. Ein einziger Blick auf die Gravüre des
Bildes »Josephs blutiger Rock« genügt, um uns mit staunen-
der Bewunderung darüber zu erfüllen, was ein guter
Photograph selbst aus einem halbzerstörten Gemälde heraus-
zuholen vermag. Daß unter den Abbildungen auch ein
paar wichtige Bilder fehlen, ist, wie ich höre, auf die un-
loading ...