Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstraße 13

Neue Folge. XX. Jahrgang 1908/1909 Nr. 20. 26. März.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« und zum »Kunstgewei beblatt« monatlich dreimal, in den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfaßt 33 Nummern. Die Abonnenten der »Zeitschrift für bildende
Kunst« erhalten die Kunstchronik kostenfrei. — Für Zeichnungen, Manuskripte usw., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und
Verlagshandlung keine Gewähr. Alle Briefschaften und Sendungen sind zu richten an E. A. Seemann, Leipzig, Querstraße 13. Anzeigen 30 Pf. für
die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, Rud. Mosse usw. an.

NEUES AUS HOLLÄNDISCHEN MUSEEN UND
SAMMLUNGEN
Im Rijksmuseum zu Amsterdam haben die Neu-
erwerbungen der letzten Zeit Aufstellung gefunden;
davon sind in diesen Blättern noch unbesprochen
geblieben die vier Gemälde, die auf der Versteigerung
F. Lemker-Muller in Kampen angekauft worden sind.
Das eine ist ein schönes Stilleben von Jan Jansz van
de Velde, welches an Qualität entschieden das von
diesem Meister schon vorhandene viel kleinere Stück,
Nr. 2455, vom Jahre 1658 übertrifft. Es mißt 64x59 cm>
ist auf Holz gemalt, voll bezeichnet und 1647 datiert,
also ein gutes Jahrzehnt früher gemalt als jenes, das
zu den Spätwerken dieses sehr sorgfältig, mit gutem
Geschmack und doch gewisser Zurückhaltung arbeiten-
den Künstlers gehört, der um 1619/20 in Haarlem
geboren wurde und nach 1660 gestorben sein muß.
Es stellt vor sepia-grünlichem Hintergrund einen Früh-
stückstisch dar, auf dem sich ein Zinnteller mit Messer,
Zitronen und Orangen, ein chinesischer Teller, zwei
Austernschalen, vein mit Bier gefülltes Stangenglas, eine
umgeworfene Zinnkanne, ein Römer, eine Pfeife und
ein Stückchen Papier mit Tabak befinden. Von Roe-
landt Roghman wurden zwei voll bezeichnete (je
U4X97 cm große, auf Leinwand gemalte) gebirgige
Waldlandschaften in dem etwas romantischen Cha-
rakter des mehr aus Radierungen und Zeichnungen
bekannten Freundes von Rembrandt erworben. Sie
hängen in einem der rechten Seitenräume der großen
Ehrenhalle. Landschaften von F. Kjiibbergen in der
Art van Goyens, unter dessen Namen sie auch bis-
weilen gehen, sind heute ziemlich selten. Der Ankauf
eines großen Gemäldes von diesem Meister geschah
vornehmlich aus kunsthistorischem Interesse, da das
Museum bisher noch kein Bild von Knibbergen besaß
(er fehlt auch in den Galerien in Haarlem, Leiden,
Haag und Rotterdam). Die 98X138 cm große Lein-
wand zeigt eine Aussicht über eine weite, von Wald-
und Wasserstreifen durchzogene Ebene, über der sich
ein hoher Himmel wölbt. Rechts vorn führt ein
erhöhter Sandweg um einen Hügel herum. Zwei
andere Gemälde — von H. Pz. Voskuyl — wurden
unlängst auf der Versteigerung E. Moll in Amsterdam
für 600fl. erworben: die lebensgroßen Porträts von
Philip Denijs und seiner Gattin. Werke dieses Amster-
damer Meisters sind höchst selten; daß sie gerade

von erstklassiger künstlerischer Qualität wären, kann
man nicht sagen.

Auch im Rijksprentenkabinet sind einige neue Er-
werbungen ausgestellt: siebzehn Radierungen ver-
schiedenen Umfanges von Jan Boon, einem jungen,
in Rijkswijk lebenden holländischen Künstler, der in
diesen Blättern sowohl von gediegenem technischen
Können wie von natürlichem künstlerischen Empfinden
Zeugnis ablegt. Insbesondere verdient ein Interieur
volle Anerkennung. Ein gedeckter Tisch vor einem
Kamin, auf dem allerlei Vasen, Gläser usw. stehen.
An der Wand hängen eine Uhr und Bilder. Das
reiche Beiwerk gibt dem Künstler Gelegenheit, zu
zeigen, wie er mit der Nadel durchaus malerische
Wirkungen zu erreichen versteht. In der .Auffassung
und Technik verrät sich übrigens deutlich der Ein-
fluß, den Rembrandtsche Radierungen auf Boon aus-
geübt haben — für dieses Interieur in erster Linie
Blätter aus den fünfziger Jahren wie z.B. B. 50 und
B. 83. Auf Rembrandtsches Vorbild — was kann es
für ein besseres für einen Radierer geben! — weisen
zum Teil auch die anderen Blätter, die kleinen, fein
ausgeführten Porträtköpfe, sowie die einfachen Land-
schaftsblättchen. Recht hübsch sind auch zwei Katzen-
studien, ebenfalls in kleinem Format gehalten und
sorgfältig ausgeführt.

Als Wintervierteljährsausstellung hatte Herr Direktor
Moes einige Originalradierungen von Watteau, inmitten
einer umfangreichen Serie von Reproduktionen, meist
Stichen nach Werken von Watteau, zusammengestellt.
Ein Rückblick auf die vorjährigen Ausstellungen zeigt,
daß der Leiter dieser Ausstellungen auch darauf be-
dacht ist, nach den verschiedensten Seiten hin die
Aufmerksamkeit auf die Schätze des reichen Amster-
damer Kupferstichkabinetts zu lenken und das Interesse
und die Liebe für diesen Zweig der Kunst zu wecken,
zu erweitern und wachzuhalten. Und die Anfang
März eröffnete Ausstellung holländischer Steindrucke
bestätigt das von neuem.

Als ich vor etwa Jahresfrist von dem Städtischen
Museum in Amsterdam berichtete, konnte ich nicht viel
Erfreuliches mitteilen. Damals war in diese Sammlung
durch den Verkauf von ca. fünfzig bedeutenden Gemälden
der modernen holländischen und französischen Schule,
die dem Museum lange Zeit leihweise angehörten, eine
große Lücke gerissen worden. Heute ist diese nun
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