Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Nekrologe — Personalien — Denkmalpflege

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werte und kunstgeschichtlich sehr interessant ist: ein
Stallinterieur, in dem eine Frau eine schwarzweiße Kuh
melkt, während noch eine zweite Kuh links zu einer Tür
hereinkommt, von Oerard Terborch. Diese Zuschreibung
— das 47,7X50,2 cm große Bild trägt keine Signatur —
scheint zunächst wohl etwas sonderbar. Bei längerem
Nachprüfen gewinnt man aber die Überzeugung, daß
eigentlich kein anderer als Maler in Frage kommen kann.
Das Gemälde erweist sich durch seinen eigenartigen
grünlichgrauen Gesamtton, durch die feine technische Be-
handlung — man beachte das weiche Fell der Kuh, das
fast wie Seidensammet glänzt, die Malerei des Beiwerkes,
schließlich auch das fast quadratische Format, das Terborch
öfters anzuwenden liebt — als eine Arbeit dieses Meisters.
Die genannten sechs Gemälde aus der Sammlung Delaroff
befinden sich gegenwärtig noch im Direktionszimmer der
Galerie, doch dürfte ihre Ausstellung in allernächster Zeit
erfolgen.

Das städtische Museum in der »Lakenhai« in Leiden
sieht einer außerordentlichen, wenn auch nur zeitweisen
Bereicherung seines Bilderbestandes entgegen. Herr Staats-
rat Paul Delaroff hat die Liebenswürdigkeit, dem Museum
für zwei Jahre seine Sammlung von ungefähr 150 hollän-
dischen Gemälden leihweise zur Ausstellung zu überlassen.
Die Sammlung wird in kurzer Zeit hier erwartet. Sehr
erfreulich ist es, daß gleichzeitig mit ihrer Aufstellung
auch ein Verzeichnis der Bilder erscheinen soll, das Herr
Delaroff ganz nach den Prinzipien des rühmlichst be-
kannten großen Haager Kätaloges verfaßt hat.

In der Kunsthandlung van Gogh in Amsterdam ist
bis zum 24. Oktober eine Ausstellung von ungefähr 80
Gemälden Vincent van Goghs zu sehen, die sich über die
ganze Schaffenszeit des Meisters erstrecken. Sie sind
chronologisch geordnet und geben so gute Gelegenheit
zum Studium der künstlerischen Entwickelung Vincents.
Eine besondere Anziehungskraft gewinnt die Ausstellung
noch durch das Selbstporträt van Goghs vor der Staffelei
bei der Arbeit.

Die dritte diesjährige Ausstellung im Rijksprenten-
kabinet in Amsterdam gibt eine Übersicht über die Geschichte
des »Dammes« in Amsterdam in zeitgenössischen Stichen,
Radierungen, Lithographien und Handzeichnungen. Die
Darstellungen beginnen mit dem Jahre 1535 und endigen
mit der Wiedergabe der Illumination des königlichen Palais
am 16. Nov. 1863. In den 105 zur Ausstellung gebrachten
Blättern spiegelt sich ein gut Stück holländischer Geschichte
wider, denn fast alle wichtigen Ereignisse, trauriger wie
freudiger Natur, fanden hier auf dem »Damme«, dem
Mittelpunkt der holländischen Hauptstadt, ihren Ausdruck.
Die Vorführung hat im Augenblick auch starkes aktuelles
Interesse, da der »Damm« in absehbarer Zeit erweitert
und umgestaltet werden soll. Von der Stadt wurde
bereits ein Preisausschreiben zur Erlangung von Plänen
veranstaltet, dessen Ergebnis neulich veröffentlicht worden
ist_K. F.

NEKROLOGE
Der Erzabf der Beuroner Kunstschule, Placidus
Wolter, ist kürzlich gestorben. Schon vor einer Reihe
von Jahren hatten wir in der »Zeitschrift für bildende
Kunst« auf diesen eigentümlichen Kunstbetrieb in Beuron
hingewiesen; die breitere Öffentlichkeit lernte dann später
durch die moderne Kirchenkunstausstellung der Wiener
Sezession auch einige Proben der Beuroner Brüder kennen.
Jetzt beim Tode des Erzabtes liest man wieder interessante
Berichte über das Kloster. So entnehmen wir den »Münchener
N. N.« folgendes: »Die Künstlerschaft der Beuroner Brüder
schließt nicht nur wirklich hervorragende Maler in sich,

sondern hat sich auch nicht gescheut, die Konsequenzen
aus der modernen und modernsten Kunstentwicklung zu
ziehen und in ihrer kirchlichen Kunst in einer Weise zu
verwerten, die auch die rückhaltlose Anerkennung der
führenden Meister der modernen Malerei findet. Die drei
Brüder dieser vorbildlichen Schule moderner kirchlicher Kunst
waren in den siebziger Jahren der Nürnberger Architekt
Lang und zwei kunstreiche Schweizer Klosterbrüder Würger
und Steiner, die unter den Namen P. Desiderius, P. Gabriel,
P. Lukas sich hohen Ruf erwarben. Das anerkannte Haupt
der Schule ist P. Desiderius, der jetzt in Monte Cassino
wirkt, bekanntlich unter der besonderen Patronage Kaiser
Wilhelms II. Neben ihm wirkte lange P. Willibrorde, und
es dürfte dem Kaiser schwerlich bekannt sein, daß dieser
kunstberühmte Benediktinerpater ein energischer Vertreter
der »allermodernsten« Richtung in der Malerei ist. Er
hieß früher Verkade, war einer aus der Schule von Pont-
Aven, wo er mit Gauguin, Monet, Denis u. a. »Ultras«
sich zu einem Kreise zusammengeschlossen hatte, dessen
Werke heute noch selbst in unseren Sezessionsausstellungen
zu den radikalsten Erscheinungen gehören. P. Willi-
brorde ist nach seinem Eintritt ins Kloster Beuron unter
dem Einflüsse des an Cimabue anknüpfenden P. Deside-
rius geradezu der Erneuerer der echten Freskomalerei ge-
worden und hat als solcher auch bereits anregend auf
die weltliche Künstlerschaft modernster Richtung, wie
Peter Behrens und die rheinischen Maler, eingewirkt. Auch
die Pariser Künstlerschaft, z. B. Serusier und Maurice
Denis, bringen den Beuronern nach wie vor Interesse ent-
gegen. Es ist mir unlängst mitgeteilt worden, daß auch
einige jüngere talentvolle Münchener Maler von entschieden
religiöser Veranlagung, aber auch ebenso entschieden
künstlerisch-moderner Richtung beabsichtigen, in Beuron
einzutreten. Vielleicht ist das inzwischen schon geschehen.
Unter Erzabt Wolter hat sich diese bedeutende Kunst-
schule frei zu großer Blüte entfalten dürfen.« a. F.

PERSONALIEN
An Stelle des jüngst verstorbenen Professors L. Seitz
ist Dr. Piero d'Achiardi aus Pisa zum Direktor der
päpstlichen Gemäldegalerie ernannt worden.

DENKMALPFLEGE
Denkmalpflege in Braunschweig. Die Einrichtung
eines Ausschusses für Denkmalpflege im Herzogtum Braun-
schweig war ein Erzeugnis der Not. Seine Wirksamkeit
fällt in die große Zahl moderner Versuche, durch Sach-
kundige das mit Bewußtsein und Überlegung zu pflegen,
was eigentlich nur das unbewußte, gesunde Volksgefühl
am Leben erhalten kann, von diesem aber nicht mehr
genügend gewürdigt wird. Der Ausschuß hat über seine
Tätigkeit in den Jahren 1903—07 zwei Berichte erstattet,
die von seinen Bestrebungen und Erfolgen ein klares Bild
geben. Er beschäftigte sich unter anderem mit der Wieder-
herstellung des Innern der Magnikirche in Braunschweig.
Bei der im Jahre 1906 erfolgten Neubemalung wurde, so
weit es ging, auf die 1874 gefundenen Reste der mittel-
alterlichen Wandmalereien zurückgegriffen. Er bemüht
sich ferner um die Erhaltung der Nikolaikirche, der einzigen
durchweg barocken Kirche Braunschweigs, 1710 errichtet,
deren Abbruch drohte. Die Tätigkeit des Ausschusses hat
mit der Wiederbelebung farbiger Bemalung der in der
Hauptstadt des Herzogtums noch so zahlreich vorhandenen
Fachwerkhäuser, die bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen,
einen unerwarteten Erfolg gehabt. Das Interesse der
Bürger für die Geschichte ihrer Häuser ist sichtlich im
Wachsen und dieser Umstand erleichterte auch die ästhe-
tische Würdigung und Pflege jenes alten Besitzes. Seine
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