Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Archäologische Nachlese

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Bleibende in der Welt ist nie durch Kommissionen,
sondern stets nur durch den Einzelnen geschaffen.

Mit diesen Vorträgen war die Tagesordnung des
neunten Tages für Denkmalpflege erschöpft. Die Stadt
Lübeck bot dem Tage außer einem ansehnlichen Bei-
trage zu den Kosten in einer sehenswerten Ausstellung
Aufnahmezeichnungen und Lichtbilder von Lübecker
Baudenkmälern, Pläne zur Erhaltung des Lübecker
Stadtbildes und Urkunden aus der Trese und dem
Staatsarchiv zur Geschichte Lübecks, genußreiche
Führungen durch die Monumentalbauten und, was
fast noch schöner war, durch die malerischen Winkel
Lübecks, ein wundervolles Orgelkonzert in der Marien-
kirche und zwei gediegene literarisch-künstlerische Ver-
öffentlichungen, nämlich: Das alte bürgerliche Wohn-
haus in Lübeck, ein Beitrag zur geschichtlichen Ent-
wickelung des lübeckischen Wohnhauses von Dr.
Rudolf Strack (102 S. mit 103 Abbildungen), eine Ver-
öffentlichung des Vereins für Heimatschutz in Lübeck,
sowie einen inhaltlich und typographisch gleich
vorzüglichen Führer durch Lübeck und Umgebung
von Dr. F. Bruhns, ausschließlich mit Zeichnungen von
Otto Ubbelohde, eine Veröffentlichung des Vereins
zur Hebung des Fremdenverkehrs in Lübeck.

Der Ausflug zu Schiff nach der alten Hansestadt
Wismar, die in ihren drei großen Kathedralkirchen,
im Fürstenhof und in einer Reihe wohlerhaltener
Backsteingiebelhäuser so charaktervolle Bauten der
Vergangenheit besitzt, schloß den neunten Tag für
Denkmalpflege prächtig ab. So werden sicherlich
alle Teilnehmer an ihn mit Befriedigung zurück-
denken. PAUL SCHUMANN.

ARCHÄOLOGISCHE NACHLESE
Von Dr. Max Maas-München

Der soeben mit dem Jahrbuch des Kaiserlich Deutschen
archäologischen Instituts herausgegebene archäologische
Anzeiger enthält unter anderem den Abschnitt: Archäo-
logische Funde im Jahre 1907, in dem in solch lückenloser
Weise über die Ausgrabungen, Funde und archäologischen
Arbeiten des verflossenen Jahres referiert ist, daß auch die
willfährigste Kunstchronik-Berichterstattung zu einer Nach-
lese gezwungen ist, die selbstverständlich an dieser Stelle
auch nur das Allerwichtigste nachtragen darf. Äußerlich
repräsentieren schon die von dem Sekretär des Instituts
in Athen O. Karo oder ersten Autoritäten resp. archäo-
logischen Repräsentanten der betreffenden Länder — Halil
Edhem Bey, Altmann (Italien), Pharmakowsky (Südrußland),
Zucker (Griechisch-Römisches Ägypten), Schulten in Er-
langen (Nordafrika), Pierre Paris (Spanien und Portugal),
Michon (Frankreich), L. Renard-Orenson (Belgien), Otto
Schultheß (Schweiz), Lohr (Österreich), Gabriel von Finaly
(Ungarn), — ausgearbeiteten Übersichten 200 Spalten in
dem vorliegenden Hefte gegen 120 im Vorjahr. Und wie
jedes Jahr, sind es Schultens Abhandlungen über Nordafrika
und die erstaunliche Fülle der Funde aus Südrußland, die
Pharmakowsky vorlegt, welche in erster Linie hervor-
ragendes Interesse beanspruchen; denn bei unserer mangel-
haften Kenntnis der russischen Sprache ist uns von gar
vielen erst jetzt durch den archäologischen Anzeiger Kennt-
nis geworden.

Aus der Türkei sind eine große Anzahl neuer Zugänge
in das Musee Imperial Ottoman zu bemerken, von denen
jeder Saal, der der Bronzen, der Byzantinische, der von

Aphrodisias, der Semitische, Hettitische, der Marmor-,*
Terrakotten- und Architektursaal, bedeutende Vermehrungen
aufzuweisen hat. Das Tschinili-Kiosk ist nunmehr gänz-
lich für die muhammedanischen und orientalischen Alter-
tümer zurecht gemacht worden und bereits für das Publi-
kum geöffnet. Über die Ausgrabungen in Hüjük, beim
Appollon Klarios bei Notion, in Boghasköi, über die Ex-
pedition der Cornel-Universität, die Tätigkeit zu Pergamon,
Ephesos, Milet, Didyma ist kaum etwas nachzutragen.
Aus Kreta möchten wir noch einiges über die Ausgrabungen
des Amerikaners Seager auf dem Eiland Pseira erwähnen,
das, nur 2 Kilometer lang und 1 Kilometer breit, ein öder
wasserloser Felsenrücken, unbewohnt, und scheinbar un-
bewohnbar in der herrlichen Mirabellobucht liegt. Sein
einziger geschützter Hafen, von großem Werte für Kavusi
und Ournia, war ein überaus wichtiger Punkt zur Zeit
von Kretas Seeherrschaft, obwohl der Hafen von Pseira
nur eine enge kleine Bucht ist. In frühminoischer Zeit
erhob sich da eine ärmliche Ansiedelung; in der mittel-
minoischen Blütezeit ein wohlhabendes Städtchen, das in
der Mitte des zweiten Jahrhunderts mit dem Verschwinden
der griechischen Seemacht auch verschwindet. Aber wäh-
rend seiner Blüte erheben sich die Häuser auf dem engen
Felsabhang über dem Hafen von ein paar horizontalen
Straßen und senkrechten Treppenwegen getrennt; und von
dem Reichtum ihrer Bewohner zeugen ihr Hausrat und
der Inhalt von 30 von Seager geöffneten Gräbern. Pracht-
volle Vasen vom schönsten Palaststil, tönerne Stierfiguren,
gegen 150 Steingefäße und Lampen können sich mit den
besten Erzeugnissen der Knososkultur messen und mögen
wohl von dort importiert sein. Ein kleines Haus trägt
ein Stuckrelief einer prächtig gekleideten Dame an der
Wand, das gewiß der Hofmaler von Knosos ausgeführt
hat. Von der Blüte und der Meeresbeherrschung Kretas
im 2. Jahrtausend v. Chr. kann diese Stadt auf Pseira den
besten Begriff geben.

Kommen wir nun zum eigentlichen Griechenland, so
läßt die kurze Bemerkung über die Ausgrabungen beim
Amyklaion, die nach Furtwänglers Tod die archäologische
Gesellschaft auf ihre Kosten durch Fiechter und Skias aus-
führen ließ, wünschen und erhoffen, daß eine Publikation
über die Funde, wenn sie auch keine sichere Rekonstruk-
tion des ganzen Baues ergeben, baldigst herauskommt und
Furtwänglers Andenken auch dadurch geehrt wird. —
Kuruniotis hat in Lykosura ein neues Museum eingerichtet,
dessen Hauptschmuck die rekonstruierten Kultstatuen des
von Dickins richtig in den Anfang des zweiten Jahrhunderts
v. Chr. datierten Damophon von Messene bilden. Von den
im Athenischen Museum befindlichen Köpfen sind Gips-
abgüsse der in Lykosura aufgebauten Gruppe eingefügt,
so daß die großen Linien der Komposition gesichert sind.
Demeter, die Fackel in der Rechten, legt Despoina den
linken Arm um die Schulter, die auf dem Schöße eine
Ciste, in der erhobenen Linken ein Zepter hält, an dem
entlang das bekannte gestickte Mantelstück herabhängt.
Die ganze Gruppe war etwa 5,50 m hoch. Neben Demeter
stand Artemis, neben Despoina Anytos. — Als von größtem
Interesse bezeichnet Karo die Arbeiten von Kavvadias in
Epidauros, wo nicht allein das Gebälk des Artemistempels
wieder aufgebaut und der ganze Tempel rekonstruiert
werden konnte, sondern auch zwei andere kleine Tempel,
der Aphrodite und der Themis geweiht, ausgegraben
worden sind und demselben Baumeister wie dem des
Artemistempels zugewiesen werden. Die ganze große
Bautätigkeit in Epidauros rückt auf die Zeit 370 bis 330
v. Chr. zusammen. Das Beste, was bis jetzt an architek-
tonischer Rekonstruktion bekannt ist, ist die im Museum
in allen ihren Teilen aufgebaute berühmte Tholos. — Aus
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