Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

Page: 531
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1909/0274
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
531

Nekrologe — Personalien — Funde

532

bildete Michelangelo das Motiv allmählich um, wie die be-
kannte Zeichnung nach Michelangelo in den Uffizien und
schließlich ein Blatt in Oxford zeigen.

Ein Wachsmodell des Victoria- und Albert-Museums,
in dem Knapp einen Entwurf Michelangelos zum Her-
kules und Kakus erkennen wollte, wird als durchaus ab-
hängig vom myronischen Diskobol nachgewiesen, wo-
mit nach Grünwalds Ansicht die Urheberschaft Michel-
angelos sehr zweifelhaft wird, denn »erschien das Werk
vorher schwungvoll und bewegungsreich, von gedrungener
Bildung der Körperformen, so wird man nun von all dem
weniger wahrnehmen. Die wuchtig entwickelte Muskulatur
des gewaltigen Brustkorbes kehrt nicht wieder, die Model-
lierung erscheint überall schwächer und kraftloser.«

Endlich stellte Orünwald dem Tonmodell der florentiner
Akademie den »Zurückfallenden Gallier« des Dogenpalastes
zu Venedig als mutmaßliches Vorbild gegenüber, der
»Nacht« der Mediceerkapelle ein antikes Ledarelief (nur in
einer Zeichnung des Codex Pighianus der Berliner Bibliothek
erhalten), das scheinbar auch Ghiberti für eine liegende
Figur auf der »Vertreibung der Händler« an der ersten
Baptisteriumstür verwandte.

Grünwald gibt mehr als eine dürre Konstatierung der
Abhängigkeit michelangelesker Werke von der Antike.
Ihm dient der Vergleich von Vorbild und Nachbildung
dazu, die Eigenart Michelangelos schärfer zu beleuchten.

Einen sehr aufschlußreichen Aufsatz über die »Zeich-
nerischen Gepflogenheiten bei Michelangelo mit einem
Anhang über Signorelli und Correggio« hat der in Florenz
lebende Maler Otto tiettner in den »Monatsheften für
Kunstwissenschaft« (1909, II und III) veröffentlicht. Von
einer ausführlichen Besprechung der sehr belehrenden
Auseinandersetzungen Hettners sei hier Abstand ge-
nommen. Doch sei bemerkt, daß man außer einer
klaren Vorstellung von der Entstehung hängender, fliegen-
der, stürzender Figuren bei Michelangelo, Signorelli und
Correggio, auch ganz neue Handhaben zur Entscheidung
von Echtheitsfragen solcher Figuren — es handelt sich in
erster Linie um Zeichnungen — erhält.

Schließlich sei auf eine Untersuchung Friedrich Sarres
hingewiesen (Repertorium XXXII, S. 61 ff.), der die Bezieh-
ungen Michelangelos zum türkischen Hof behandelt. Ein
von Frey publizierter Brief eines Tommaso di Tolfo vom
Jahre 1519 fordert Michelangelo auf, nach Adrianopel zu
kommen, um dort in den Dienst seines sehr kunstsinnigen
Herrn zu treten. Vor fünfzehn Jahren habe er dem Künstler
abgeraten, nach der Türkei zu kommen, da der damalige
Herr Kunst und Bildern feindlich gewesen sei. Sarre legt
nun überzeugend dar, daß mit diesen beiden Herren
(»Signori«) nur die beiden Sultane Bajezid II. (1481—1512)
und Selim I. (1512—1520) gemeint sein können.

HADELN.

NEKROLOGE
oDer aus Köln gebürtige Maler August Neven Du
Mont ist am 27. Juni in seiner Besitzung Manor House
in Bexhill, erst 43 Jahre alt, gestorben. Er war ein Schüler
Peter Janssens an der Düsseldorfer Akademie. In Eng-
land, wohin ihn auch seine Neigung für den Reitsport zog,
näherte er sich der Auffassungsweise John Laverys und
beschickte deutsche Ausstellungen in regelmäßiger Folge
mit Bildnissen, Interieurs, gelegentlich auch kleinen Land-
schaften, die mit nicht geringem technischen Können einen
oft erlesenen Geschmack des Kolorits verrieten. Neven
war ein ausgesprochener Maler der Eleganz und hat als
solcher in seiner Vaterstadt, deren winterliche Jahresaus-
stellungen im Lichthof des Kunstgewerbemuseums er fleißig

beschickte, sehr große Erfolge gehabt. Ein Gemälde von
kräftigerer Wirkung besitzt von ihm das Wallraf-Richartz-
Museum in dem Bildnis des kleinen rotgekleideten Sports-
man zu Pferde.

PERSONALIEN

Dr. Walther Cohen ist zum Direktorialassistenten
am Provinzialmuseum in Bonn ernannt worden.

An der Berliner Universität hat sich Dr. Friedrich
Rintelen auf Grund einer Schrift über Giotto und die
Giottoapokryphen habilitiert.

Gelegentlich des Leipziger Universitäts-Jubiläums wurde
Max Klinger zum Geh. Hofrat ernannt. Denselben Titel
bekam der Bildhauer Karl Seffner; außerdem wurde
Seffner Ehrendoktor. Ebenfalls zu Ehrendoktoren wurden
ernannt Fritz von Uhde und Otto Greiner.

Dem Maler Lothar von Seebach in Straßburg i. E.,
dessen Kollektivausstellung auf der zurzeit in Straßburg im
Alten Schloß stattfindenden Kunstausstellung des Verbandes
der Kunstfreunde in den Ländern am Rhein beträchtliches
Aufsehen erregt, wurde der Professortitel verliehen.

FUNDE

»Giorgioneentdeckungen«. In Nummer 28der »Kunst-
chronik« ist an dem jüngsten Giorgionef und von Herbert Cook
mit Recht Kritik geübt worden. Was aber weder Cook, noch
sein Kritiker sagen (und schwerlich wissen konnten), ist, daß
ein weit besseres Exemplar, wohl das Original, jenes Bildes
des englischen Privatbesitzes existiert, welches ein paar
Kunstfreunden seit einer Reihe von Jahren bekannt ist.
Dieses Bild hängt auf einem Landsitz nahe bei Brüssel
und gehört Madame Errera. Auch der Meister ist bestimmt
worden: Michele da Verona. An dem veronesischen Ur-
sprung kann kein Zweifel sein; Figuren wie Landschaft
beweisen es. Zu Michele leitet unter anderem ein Ver-
gleich mit dem bekannten, früher Carpaccio zugeschriebenen
Bilde von »Simson und Delila« im Museo Poldi in Mai-
land. Seltsame Ritterfiguren, wie auf der großen Kom-
position bei Madame Errera, sind auch sonst in der Schule
von Verona nicht selten; man sieht sie bei Girolamo dai
Libri (San Nazzaro-Predelle), bei Giolfino und sonst. Der
Torbogen im Hintergrund könnte von der »Flucht nach
Ägypten« aus Dürers Marienleben kopiert sein. — Wenn
nun der Rezensent bei dieser Gelegenheit sich gegen die
vielen Katharina Cornaro - Porträts ausspricht und im
Gegensatz zu all den Attributionen auf die einzig
authentischen Bildnisse von Gentile Bellini hinweist, von
denen man doch ausgehen sollte, kann ich ihm darin nur
beipflichten. Nur irrt er, wenn er meint, daß die schöne
Schwarzkreidestudie in den Uffizien ebenfalls mit diesem
Namen belegt worden sei. Das ist, soweit mir bekannt,
niemandem eingefallen. Und unhaltbar ist seine hier wieder-
holte Ansicht, das Blatt sei florentinisch (an anderer Stelle
hatte er es als »vielleicht von Sarto« bezeichnet). Die
Technik ist absolut venezianisch, ein Vergleich mit Floren-
tiner Porträtzeichnungen der Zeit (Sarto, Pontormo), die
man gerade in den Uffizien sofort vornehmen kann, tut
die Unterschiede der Auffassung, wie der Formdurch-
bildung schlagend dar. Behauptet und mit Recht wurde
nur, daß derselbe Meister, der dieses Blatt gezeichnet hat,
auch das viel umstrittene Frauenporträt bei Crespi gemalt
habe; wahrscheinlich gehen beide sogar auf das gleiche
Modell zurück. Es genügt, Zeichnung und Bild in Photo-
graphien nebeneinander zu legen, um sich von der schlagen-
den Verwandtschaft der künstlerischen Auffassung zu über-
zeugen. G. Gr.
loading ...