Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Dresdener Ausstellungen

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Justis »Giorgione« ist, wie schon bemerkt worden, ein
lesbares Buch. Es ist ungemein frisch und flott, manch-
mal sogar lustig geschrieben. Schade nur, daß man über
so viel entbehrliche Fremdwörter stolpert, die den Stil des
Buches meiner Empfindung nach uneben machen. Ich
weiß ja, daß unsere wissenschaftliche Sprache keineswegs
aller Fremdwörter entraten kann, und es ist mir längst be-
kannt, daß unsere jüngeren Fachgenossen ohne Ausdrücke
wie Oeuvre, Sentiment, Vente, Attribution usw. nicht aus-
kommen zu können meinen. Aber verschönern tut das ihr
Deutsch sicher nicht; und Justi geht in der fast mühsam
wirkenden Übersetzung guter deutscher Hauptwörter, Zeit-
wörter und Eigenschaftswörter ins Fremdsprachige weit über
das leider bereits üblich Gewordene hinaus. Sagt man denn
wirklich irgendwo in Deutschland (S. 81): »Es ist publik,
wie Michelangelo für die sixtinische Decke ein ganz an-
deres Programm durchsetzte, als man intendiert hatte«?'
und empfindet wirklich jemand die Überschrift »Der Aspekt«'
den Justi seiner Einleitung gegeben, als besonders an-
schaulich oder beziehungsreich? Mir klingt es wie die
Gelehrtensprache, die man in Deutschland vor 160 Jahren
schrieb.

Ich will nicht weiter darauf eingehen. Ich weiß ja,
daß Justi der Schule entwachsen ist, und ich sehe auf jeder
Seite seines Buches, wie gut er im übrigen die deutsche
Sprache beherrscht. Ich darf nur nicht verschweigen, daß
sein lesbares schönes Buch ohne jene Steine des Anstoßes
für mich und wahrscheinlich für viele andere Leser noch
lesbarer und schöner sein würde.

Der wissenschaftlichen Bedeutung des Werkes aber
tut das natürlich keinen Abbruch. Jedenfalls gehört es zu
den besten kunstwissenschaftlichen Büchern, die in den
letzten Jahren in Deutschland erschienen sind.

DRESDENER AUSSTELLUNGEN

Dresden hat in diesem Jahre neben einer umfassenden
Internationalen Photographischen Ausstellung zwei kleinere
Kunstausstellungen: eine Aquarell-Ausstellung, die der
Sächsische Kunstverein veranstaltet hat, und die erste Aus-
stellung der Dresdener Kunstgenossenschaft im eigenen
Hause. Die bedeutendere von beiden ist die Aquarell-
Ausstellung: sie umfaßt 745 Kunstwerke von 322 Künstlern,
darunter 86 Skulpturen, im übrigen sind neben den Wasser-
farben auch Pastell, Tempera und farbige Zeichnung ver-
treten. Die Ausstellung ist einigermaßen international,
denn außer Deutschland sind auch etwas stärker Österreich-
Ungarn, Holland, Belgien, Frankreich und Großbritannien
sowie mit vereinzelten Künstlern auch Italien, Schweden
und die Schweiz vertreten. Dresden hat in den Jahren
1887, 1889 und 1892 drei Aquarell-Ausstellungen gehabt,
die über den Mangel an akademischen Ausstellungen hin-
weghelfen mußten. Namentlich die erste von diesen war
epochemachend, einerseits indem sie zum erstenmal in
Dresden die impressionistische Richtung vorführte und
anderseits, indem sie eine ganz ungeahnte Entwickelung
der Aquarellmalerei über die reine Lasurfarbentechnik hinaus
offenbarte, die sehr überraschend wirkte. Solche Über-
raschungen bietet die gegenwärtige Ausstellung nicht mehr,
denn wir sind nunmehr längst daran gewöhnt, große Aqua-
relle zu sehen, die an Kraft und Tiefe der Farben mit Ölbildern
wetteifern, und von stilistischen Grenzen der Wassermalerei,
die 1887 mit viel Nachdruck betont wurden, redet kein
Mensch mehr. Das Niveau der Ausstellung darf als ziemlich
hoch bezeichnet werden; geringwertige, wenigstens tech-
nisch niedrig stehende Leistungen sind kaum vorhanden,
so daß die Ausstellung als Ganzes sehr erfreulich wirkt,
zumal da auch die Räume des akademischen Ausstellungs-

palastes durch den Architekten Martin Pietsch in sehr
vorteilhafter Weise umgestaltet worden sind.

Dresden ist naturgemäß unter den neunzehn deutschen
Städten, aus denen die Ausstellung beschickt wurde, am
stärksten vertreten, einige hervorragende Künstler, wie
Bantzer und Sterl, fehlen leider. Dafür hat Gotthardt Kuehl
in einem besonderen Kabinett eine ganze Reihe seiner pikant
gemachten Innenräume aus alten Kirchen und Häusern
ausgestellt, von Eugen Bracht sehen wir ein klares Bild
der Riffelalp, von Wolfgangmüller, dem phantasiereichsten
und eigenartigsten unter den jüngeren Künstlern Dresdens,
ein fremdartig reizvolles Frühlingsbild aus dem Erzgebirge,
wie auch Kuehls Schüler Artur Bendrat (Danziger Fisch-
markt), Johannes Ufer (Klassikersaal der Kgl. Bibliothek im
Japanischen Palais zu Dresden) und besonders Siegfried
Mackowsky (Frauenkirche im Schnee und Inneres) ein
tüchtiges Können bekunden. Von Otto Fischer finden wir
ein vorzügliches großgesehenes Stilleben und eine aus-
gezeichnete Parklandschaft.

Unter den Münchnern ragt Hans von Bartels durch
seine glänzende Virtuosität hervor, die keinerlei Grenzen
und Schranken der Wasserfarbentechnik kennt. Man staunt
über die leuchtende buntschillernde Farbenpracht in dem
Bilde der bretonischen Bäuerin, die in ihrem Bette dicht
an dem schmalen Dachfenster liegt — ein Farbenkunst-
stück, das nicht so leicht überboten werden kann. Weniger
virtuosenhaft aber ebenso glänzend in der Technik ist sein
Meeresbild: Die unendliche Ferne. Höher als diese Bilder
schätzen wir aber eine feine hügelige Landschaft von 7b«/
Stadler, den Herbst am Chiemsee von Rudolph Sieck und
Richard Kaisers Landschaft aus Mittelfranken — Bilder
aus einem Gusse, in gesättigter ruhiger Stimmung ohne
eine Spur sich vordrängender Virtuosenkunst. Hierzu
kommen ungefähr 25 Bildnisse aus dem Nachlaß von
Franz von Lenbach, über die nichts Neues zu sagen ist.
Es hätte wohl genügt, wenn man die besten — etwa Miß
Melbor mit ihrem Hund, Coquelin d. Ä. und einige andere
ausgewählt hätte. Diese Lenbachschen Bildnisse nehmen
gemeinsam mit einigen dreißig farbenfrischen Landschafts-
skizzen von Hermann /^//-Dresden den ganzen Vorraum
ein. Von München sind natürlich endlich auch eine Reihe
der Zeichner der Jugend und des Simplizissimus, wie
Preetorius und Weißgerber, vertreten.

Berlin hat einige ausgezeichnete Bilder geschickt, so
Arthur Kampfs Verschämtes Modell, das sich durch die
kraftvolle Haltung der Farbe auszeichnet, ein flott und sicher
hingesetztes Gastzimmer mit gedecktem Tisch von R. Richter
in Charlottenburg, den wir zum ersten Male in Dresden
sehen, die Ansicht der Stadt Dordrecht, Holländisches
Mädchen und An der Fähre von Hans Herrmann, alle drei
mit der sicheren Beherrschung der Wasserfarben gemalt,
die wir an Herrmann gewöhnt sind. Auch Hans Looschens
pikante Chansonette ist erwähnenswert. Max Liebermann
endlich hat eine mit kühler Sauberkeit gemalte Nähschule
von 1893 und Badende Jungen geschickt und Ludwig von
Hofmann zwei seiner feinfarbigen Figurenbilder: Hexen-
tanz und das blaue Meer.

Nennen wir noch von den Düsseldorfern H. Hermanus
(drei fein durchgebildete Kircheninnere), Eugen Kampf
(Spätherbst) und Erich Nikutowski (Ediger an der Mosel),
den Worpsweder Heinrich Vogeler, der überraschenderweise
die Motive zu seinen drei kleinen Bildern aus Ceylon ge-
holt hat, dann die Karlsruher Hans von Volkmann (Schwarz-
waldwasser) und Ludwig Dill (ein ausgezeichnetes Bild,
Sturmwind, in ausgesprochener Eigenart), Ludwig Dettmann
aus Königsberg (Durch die Felder — ein innig umschlunge-
nes Liebespaar in stimmungsvoller Landschaft) und Hans
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