Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Römischer Brief

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stalten der Evangelisten wieder zu ihrer vollen Geltung.
Leider fehlt das eine der zwei kleinen Rundbilder. Es
soll nach Wien verschlagen worden sein. Infolge der ge-
nannten Aufstellung mußten einige kleinere, weniger be-
deutendere Gemälde aus der Schule Paolos (Szenen aus
dem Leben der hl. Justina) in den Vorrat verwiesen wer-
den. — Ein farbenprächtiges Gemälde des Romanino da
Brescia wurde angekauft: eine figurenreiche »Grablegung«
mit allen Fehlern und Vorzügen dieses interessanten
Koloristen. Durch Verlegung einiger Beamtenzimmer
wurden weitere Räume geschaffen zur Aufstellung dieses
und anderer neuerworbener Gemälde. Leider ist durch
all diese Veränderungen die Benutzung des Katalogs sehr
erschwert. Seit Jahren kommt die Galerie nicht zur Ruhe.
In einem der genannten Zimmer ist, bis zur Beendigung
des Strafverfahrens, die kleine Madonna des Giov. Bellini
aufgestellt, welche durch Diebstahl aus Madonna del Orto
abhanden gekommen und dann so rasch wieder aufge-
funden ward. — Im Dogenpalast hat man endlich Tinto-
rettos Riesengemälde: »Das Paradies« wieder an seine
ursprüngliche Stelle gebracht, nachdem die neuaufgeführte
Wand genügend ausgetrocknet war. Die Wiederbefesti-
gung war eine große Aufgabe, die jedoch glücklich ge-
löst wurde.

Am 1. Juni ist denn auch ebenda das neueingerichtete
archäologische Museum, im Zwischengeschoß des Palastes,
dem Publikum übergeben worden. Es umfaßt nunmehr
nicht weniger als 22 Räume. Zugänglich in der früheren
Weise, gegenüber dem Portal des großen Konziliums-
saales, betritt und durchschreitet man zuerst die Räume,
welche die Wohnung des Dogen ausmachte, um dann auf
bequemer Treppe in das Mittelgeschoß hinabzusteigen
nach den Räumen der ehemaligen Avogaria und anderer
Ämter der Republik. Einige dunkle Räume abgerechnet,
die Abgüsse enthalten, ist die ganze Aufstellung eine
würdige und gut geordnete zu nennen. — Dem lang-
jährigen Provisorium ist ein Ende gemacht und nun
kommen die seit Jahren den Blicken entzogenen An-
tiken endlich wieder zu ihrem vollen Recht; Der neu-
ernannte Direktor, Professor Pelegrini, bereitet gegenwärtig
einen neuen Katalog vor. Von ganz besonderem Interesse
sind die vielen großen Leinwandgemälde, welche die Wände
dieser ehemaligen Amtsräume bedecken und nun hier ihre
Auferstehung feiern. Sie sind für die jetzige Generation
vollkommen neu, die große Pietä des Giov. Bellini abge-
rechnet (1474), welche zuzeiten in den oberen Räumen
des Palastes aufgestellt war. Im letzten Saale, einst
Sala dei Censori, erfreut ein schönes Gesims, auf dessen
Fries unzählige kleine Wappen der Nobili auf Gold gemalt
sind. Das Reizendste, was sich denken läßt; aus den
letzten Zeiten der Republik. a. Wolf.

RÖMISCHER BRIEF
Vor kurzem hat die aus drei deutschen und
aus drei italienischen Künstlern bestehende Jury für
die diesjährige Ausstellung den Müllerpreis dem großen
Bilde Qiulio Aristide Sartorios »Monte Circeo« ver-
liehen und somit ist einer erwartungsvollen Debatte
von Monaten und Monaten offiziell ein Ende gemacht.
Ich sage offiziell, weil der Richtspruch viele Oppo-
nenten findet, welche wohl des römischen Meisters
Kunst hoch achten, aber das diesjährige Bild nicht
gerade als des Preises wert erklären. Ein weiter
Strand, ein graues silberiges, mit weißen, leichten
Wogenkämmen bedecktes Meer und im Hintergrunde
am nebligen Horizont das blaue Circevorgebirge. In

dieser Landschaft als Staffage ein Zug schwerer von
Büffeln gezogener Karren und einzelne Campagna-
reiter. Großzügiges Bild; das kann man nicht leugnen,
aber wie viel größer würde es wirken, wenn der
Künstler es kleiner gemalt hätte, so erscheint es als
unnötige Vergrößerung eines kleinen. Unter den
anderen Bildern der Ausstellung, die des Müllerpreises
als würdig angesehen waren, ist vor allen Bailas
Quadriptychon auch »Lebende« zu nennen. Die vier
Bilder mit Darstellungen kranker oder halbverhungerter
Menschen kann wohl auf den ersten Blick abstoßend
wirken, aber die große Kraft des Künstlers in der
Wiedergabe der Körper und des Lichtes wirkt packend.
Die gleiche Kraft zeigt Balla in einem schönen Damen-
bildnis. Nino Carnevalis großes Bild der Hochöfen
in Terni zeigt im ganzen und in den Einzelheiten
die Tüchtigkeit dieses Malers, der es sich vorgenommen
hatte, in der Darstellung eines Gegenstandes, dem so
viele Künstler schon gehuldigt haben, einen neuen
Weg zu finden. Und diese Selbstdisziplin in der
Wiedergabe einer modernen Arbeitsszene ist wirklich
sehr anerkennenswert. Wie leicht lassen sich mei-
stens die Künstler dabei zu Übertreibungen hinreißen.
Carnevali hat die Arbeiter, welche mit den Schmelz-
tiegeln hantieren, nicht wie Helden aufgefaßt und dem
von tosenden Maschinen und von Feuergarben an-
gefüllten Raum kein Aussehen gegeben, als wäre es
die Grotte des hinkenden Vulkan. Viele nennen das
Bild nüchtern und bemerken nicht, daß dieses Ge-
messene in der Komposition, diese getreue Wieder-
gabe der Maschinen den großen Reiz der Wahrheit
hat. Der aus Eisenplatten gebildete Fußboden, die
großen glänzenden Maschinen, der Widerschein des
Feuers und das helle, freudige Tageslicht, welches in
den stickigen glühenden Fabriksraum dringt, geben
ein glänzendes Zeugnis ab von Carnevalis großem
malerischen Können und von seiner Gewissenhaftig-
keit, welche von jeder in solchem Bilde so leichten
Effekthascherei abgesehen hat.

Parlde Pascuccls großes Bild Aposloli mit der
Darstellung der symbolischen Fußwaschung von zwölf
Armen gehört zu den allerbesten Stücken der dies-
jährigen Ausstellung und da es sich um das Werk
eines sehr jungen Künstlers handelt und es weit mehr
als noch im Keime begriffene großartige Eigenschaften
zeigt, so hat die Königliche Kommission sehr recht
getan, es für die Nationalgalerie moderner Kunst in
Rom zu kaufen. Unsympathisch geleckt, ganz im
Sinne der seifigen Carolus Durand-Manier, sind die
großen Porträts des piemontesischen Malers Grosso.
Auch seine Ansicht von San Marco in Venedig, dessen
mosaikfunkelnde Fassade im Scheine der untergehenden
Sonne aus dem Halbdunkel des Platzes hervorglüht,
hat wohl vieles an sich, was eines tüchtigen Künst-
lers würdig ist, aber befriedigt nicht vollkommen,
denn es ist einerseits nicht realistisch genug und
anderseits hat es viel zu wenig poetischen Inhalt.
Ganz anderer Art sind die landschaftlichen Bilder von
Umberto Prencipe und Vittorio Grassi. Prencipes
phantastische Ansichten aus Orvieto und Grassis
Fenster Melisandes, ein mittelalterliches Fenster, an
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